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„Das sind nur die Schwangerschaftshormone, Liebling!“ Zur Geschichte einer biologisierten Psyche

November 22, 2019
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Es folgt ein etwas polemisches Vortragsmanuskript, angelehnt an das Buch ‚Die Gefühle der Schwangeren‚:

Schwangere werden von Hormonen beherrscht. Das sagen sie selbst und das sagen andere. Ihr Bauch wächst, ihr Appetit steigt, sie weinen, sie lieben, sie brüllen, sie sind glücklich oder werden depressiv, sie bauen ein Nest und ziehen sich zurück – nur aufgrund ihrer hormonellen Situation. Dabei changieren die Schwangerschaftshormone zwischen der Rolle als rationalistische Erfüllungsgehilfen biologischer Reproduktion, die etwa embryonale Versorgung sicherstellen, und der Rolle als Agenten des Chaos, die Körper und Geist überschwemmen. Ihre negative, chaotische Seite kommt gerade dann zum Einsatz, wenn es um die Emotionalität schwangerer Frauen* geht. Denn die hormonellen Stimmungsschwankungen sollen gewöhnliche Gefühlsmuster außer Kraft setzen und zu überbordenden Reaktionen führen, die beispielsweise die Ratgeberautorin Vicki Iovine als „hormonell bedingte Irrationalität“ beschreibt. Solche Vorstellungen von exzessiven, durch endokrine Prozesse verwirrten Emotionen haben eine sehr breite gesellschaftliche Wirkmacht. Sie werden nicht nur in Narrativen der Schwangeren über sich selbst tradiert, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften, in Filmen und TV-Serien, in populären Aufklärungsbüchern und in anwendungsbezogenen Texten der Medizin, der hebammengeleiteten Geburtshilfe und der Psychologie.

Die vehement postulierte Irrationalität, durch die man als Schwangere wohl alles Vertrauen in die eigene Urteilskraft fahren lassen muss, erschreckt. Und woher ist so sicher zu wissen ist, dass Hormone tatsächlich den Grund für die jeweilige Missstimmung bilden? Körperliche Erklärungen schienen in diesen Narrativen zentral, obwohl mitunter auch andere Faktoren erwähnt wurden und durchaus alternative Kausalitäten denkbar wären – von dem Wechsel in eine neue Rolle, über eine beruflich potenziell unsichere Zukunft, bis hin zu Schlafmangel. Zugleich wird Schwangerschaft oft als Schwellenzustand betrachtet, leitet sie doch zur Mutterschaft über. Und die bedeutet für viele Frauen* noch heute ein Ende der vermeintlichen Geschlechtergleichheit. Schließlich kommt es in heterosexuellen Paarbeziehungen nach der Elternschaft häufig zu einer Retraditionalisierung von Rollenmustern.

Die Selbstverständlichkeit und Vehemenz, mit der das Wissen über hormonelle Stimmungsschwankungen oder Muttergefühle vorgebracht wird, steht in auffälliger Diskrepanz zum diesbezüglichen Forschungsstand in den Lebenswissenschaften. Nicht nur beschäftigt sich die Wissenschaft allgemein verhältnismäßig selten mit der Psyche Schwangerer: Die Forschung begann zögerlich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und verzeichnete erst ab den 1990ern einen deutlichen Zuwachs. Sondern auch in den empirischen Ergebnissen sind beachtliche Inkohärenzen zu verzeichnen. Weder lassen sich oft klarere Emotionsmuster identifizieren, die sich signifikant von nicht-schwangeren Zuständen unterscheiden. Noch bestehen klare Evidenzen für endokrine Kausalmodelle. Denn bestimmte Hormonkonzentrationen lassen sich bislang nicht eindeutig mit emotionalen Zuständen von Graviden korrelieren. Die Verbreitung von Vorstellungen zu schwangeren Gefühlen sind also keineswegs darauf zurückzuführen, dass sich hier schlicht wissenschaftliche Tatsachen popularisierten. Woher kommt es dann, dass nicht nur Schwangere bei sich selbst Stimmungsschwankungen diagnostizieren, sondern durchaus auch angehende Gynäkologen auf derartige Ideen stoßen, wenn sie sich über den Umgang mit Patient*innen informieren?

Doch wie sind die Entstehungsbedingungen dieser vermeintlichen Evidenzen des Wissens zu Schwangerschaft? Auf welche Weise formierten und veränderten sich Vorstellungen zu Emotionalität? Und welche Rolle spielten körperliche Erklärungsmodelle wie die Hormone dabei?

 

Die Untersuchung

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden die Ansätze der Wissensgeschichte und der Geschlechterforschung kombiniert. Die Wissensgeschichte untersucht die historischen Entstehungsbedingungen von vermeintlich sicheren Tatsachen. Mit ihr lässt sich zeigen, dass sie geschichtlichen Veränderungen unterworfen sind und wichtige Hinweise auf kulturelle und gesellschaftliche Transformationen geben. Die Geschlechterstudien ermöglichen eine Sicht auf Geschlecht, die nicht von kulturellen Vorannahmen und Stereotypen verzerrt ist.

Die Untersuchung deckt einen langen Untersuchungszeitraum ab. Dieser reicht vom ausgehenden 18. Jahrhundert – der Zeit, in der nicht nur die medizinische Geburtshilfe entstand, sondern sich auch die moderne Geschlechterordnung und das Mutterideal herausbildeten – bis heute. Betrachtet man die historischen Zeugnisse – medizinische Lehrbücher, Ratgeber, Hebammenliteratur sowie psychiatrische und psychologische Artikel – so lässt sich feststellen, dass sich diesbezügliche Konzepte stark wandelten.

Die historischen Transformationen lassen sich, als Resultat der Forschungen, in drei Zeitphasen unterteilen, die jeweils bestimmte Figuren hervorbrachten: Die reizbare Schwangere (ca. 1870-1900), die glückliche Mutter (ca. 1900-1970) und die von Stimmungsschwanken beeinträchtigte Frau (ca. 1980-2010). Es galten für den gesamten Untersuchungszeitraum folgende grundlegende Veränderungen, welche die Interaktion von Emotionskonzepten und ihren körperlichen Erklärungen demonstrieren:

 

Emotionalisierung und Individualisierung: Heute machen emotionale Erlebnisse, verschiedene Gefühle, Stimmungen und Antriebe einen wichtigen Bestandteil der Beschreibung von Schwangerschaft aus. Von diversen Ängsten und der Sorge, das ungeborene Kind zu schädigen, über Tobsuchtanfälle und Tränen bis hin zu absolutem Glück – das emotionale Repertoire für die Schwangerschaft scheint fast endlos. Hierzu kommt auch, dass in Ratgebern Erfahrungsberichte immer mehr Raum einnehmen, oft in intimen Tonfall berichtet eine personalisierte Erzählerin von individuellen Erlebnissen. Dem gegenüber nahm dieser Gegenstand im 18. und 19. Jahrhundert wenig Raum ein. ‚Gemütsregungen’, ‚Verstimmungen’ oder ‚Reizbarkeit’ wurden nur marginal erwähnt und wenig ausgeführt. Die durchgehend männlichen Autoren blieben in diesem Bereich sehr wortkarg.

Zwei weitere Auffälligkeiten werden im historischen Vergleich deutlich: Zum einen sind mütterliche Gefühlsmusterin heutigen Diskursen sehr präsent. Dahingegen schien sich die Schwangere des 19. Jahrhunderts noch nicht als Mutter zu fühlen, zumindest fehlten diesbezügliche Schilderungen in der Zeitperiode. Zum anderen ist heute das Modell der emotionalen Schwankung, eines grundlosen Auf und Ab, zentral, wohingegen in vorangehenden Jahrhunderten die Vorstellung einer Potenzierung der Gemütsregungen dominierte.

 

Hormonisierung:Die Art, wie Menschen ihr Selbst und ihren Körper verstehen oder ihr Fühlen einordnen, veränderte sich stark. Entsprechend modifizierte sich, wie Gefühlszustände von Schwangeren erklärt wurden. Für die Menschen im 18. und 19. Jahrhundert stellte ihr Nervensystem den gängigsten Bezugsrahmen dar. Sie fühlten nicht nur, wenn ihre Nerven gereizt waren, sondern versuchten auch, diese zu pflegen. Die Nerven verbanden den Menschen stärker mit seiner Umwelt, die durch Reize ständig auf ihn einwirkte. In der Schwangerschaft sollten die Nerven stärker angespannt sein, und so zu vielfältigen somatischen und psychischen Phänomenen führen. Dieses Kausalmodell bestand in der Schwangerschaft bis lange ins 20. Jahrhundert hinein. Zugleich entwickelten sich in diesem Zeitraum einige parallel existierende Konzepte, von denen vor allem im Nationalsozialismus die Vererbungslehre im Vordergrund stand. Gute oder schlechte Anlagen sollten über die Art der Emotionalität entscheiden. Schließlich traten ab den 1970ern die Hormone ihren Siegeszug an. Zunehmend stiegen sie zu primären Akteuren der Schwangerschaft auf. Heute variieren ihre Repräsentationen stark: Mitunter erscheinen die Hormone als Steuerungsinstanzen körperlicher Vorgänge – wie es den kybernetischen Regelkreismodellen entspricht, die endokrine Modelle im Allgemeinen stark prägen und die eine gewisse Abgeschlossenheit konzipieren, in der körperinterne Substanzen als Signale fungieren und sich gegenseitig regulieren. Mitunter scheinen die hormonellen Regelkreise jedoch gerade in Bezug auf Schwangerschaft durchzudrehen. Häufig wirken Hormone als Agenten des Chaos und des Exzesses. Von einer „hormonellen Überschwemmung“ oder „Progesteron-Vergiftung“ ist z.B. die Rede.

 

Die Einflussbeziehungen körperlicher Erklärungsmodelle auf Emotionskonzepte demonstriert an zwei Beispielen: erstens mit der Verschiebung von der Potenzierung zur Schwankung, die mit veränderten Annahmen zu Zeitlichkeit und Objektbezug von Emotionen einherging. Während heute schnelle emotionale Wechsel ohne klares auslösendes Objekt dominieren, herrschte im 19. Jahrhundert eine langsame und über die gesamte Zeitspanne der Schwangerschaft dauernde emotionale Verstimmung vor, in der es zu einem gesteigerten Fühlen kam: Hierbei waren Sinnesorgane und Emotionalität noch nicht getrennt – nicht nur die Augen sollten schärfer sehen und die Nase besser riechen, auch die Erregbarkeit der Gemütsregungen schien intensiviert. Diese Ideen richteten sich, so die These, stark an den jeweils vorherrschenden Körperkonzepten aus: Das Nervenmodell, das in der Ära der Potenzierung dominierte, sah einen gesteigerten Spannungsgrad der Nerven über die gesamte Zeit der Schwangerschaft vor. Durch diese entstand eine potenzierte Empfindlichkeit der Nerven, welche die Frau stärker mit dem Außen verband. Sie war damit auf gewisse Weise durchlässiger für die Umwelt, es gab stets Gegenstände des Gefühls – Dinge, die sie traurig oder glücklich machten. Diese wirkten nun heftiger. Sicherlich bestehen heute zwar mitunter Vorstellungen der Potenzierung fort. Es dominiert aktuell aber die Idee der Schwankung und bei dieser sind im Gegensatz dazu bei vielen Gefühlen keine spezifischen Objekte mehr vorhanden. „Anfälle von grundlos schlechter Laune“oder die Aussage, eine Schwangere „weint und freut sich über ein und dasselbe Ding“ sind typische Beispiele. Solche Ideen passen zum hormonellen Modell, das einen körperinternen, von der Umwelt abgetrennten Regelkreis vorsieht – ähnlich wie Hormone in der Schwangerschaft in isolierten Regelkreisen durchdrehen zu scheinen, scheinen es auch die Gefühle zu tun.

Zweitens waren noch andere Einflussbeziehungen zwischen Körper- und Gefühlsmodellen von Relevanz, nämlich die jeweils damit verbundenen Krankheitskategorien. Konzepte des weiblichen Körpers waren stets an sich wandelnde psychische Pathologien geknüpft. Im 19. Jahrhundert war das die Hysterie. Sie teilte sich mit der schwangeren Verstimmung die Zuschreibung von enormer Reizbarkeit, Irrationalität und der Potenzierung von Emotionen ebenso wie die Erklärung über die Nerven. Im hormonellen Zeitalter waren die Kategorien des prämenstruellen Syndroms (PMS) und des Menopausensyndroms prominent, die ihren Aufstieg im 20. Jahrhundert einem wachsenden pharmazeutischen Markt für hormonelle Medikation verdankten. Sie teilten sich mit der Schwangerschaft die Vorstellung hormoneller Stimmungsschwankungen. Zudem boten sie auch auf expliziter Ebene Vorbilder an, wenn es etwa hieß: „Das Gefühlsleben in der Schwangerschaft ist in vielem mit dem prämenstruellen Syndrom vergleichbar“. Dadurch lässt sich verstehen, warum die Idee hormoneller Gefühle in der Schwangerschaft so dominant wurde, obwohl es relativ wenig empirische Evidenzen dafür gab: Nicht nur lieferte solche Kategorien Vorlagen, wie sich Frauen* fühlten, wenn sich ihre Hormone veränderten, sondern sie machten auch die Vorstellung hormoneller Emotionalität in der Schwangerschaft plausibler. Wenn Zustände wie Menstruation oder Menopause mit emotionalen Einschränkungen einhergehen, so die dahinterliegende Logik, muss das doch auch in der Schwangerschaft der Fall sein.

Die Hormone hatten also tatsächlich einen Einfluss auf Gefühle in der Schwangerschaft – jedoch wohl nicht unbedingt so monokausal und direkt, wie es zunächst scheint. Vielmehr prägte das jeweilige körperliche Erklärungsmodell, seien es Nerven oder Hormone, auch mit ihm korrespondierende Modelle von Emotionalitäten.

Nachdem diese Einflussbeziehung deutlich wurde, stellt sich die Frage, weshalb die Verbindung zwischen Körper und Psyche gerade in diesem Bereich stets so eng war. In zahlreichen historischen und kulturwissenschaftlichen Studien zeigte sich, dass die Rückführung von psychischen Phänomenen auf rein biologische Gründe oft dazu diente, soziale Fragen und Ungleichheit zu verschleiern. Die These ist, dass dies auch auf Schwangerschaft zutrifft. Die Art, wie und wie viel über Gefühle geschrieben wurde, lässt Rückschlüsse auf zeitgenössische politische und gesellschaftliche Probleme zu. Dies lässt sich an drei Mustern spezifizieren

 

Das Muster der reizbaren Verstimmung

Im 18. und 19. Jahrhundert dominierte die Vorstellung, dass Schwangere auf Grund ihres Nervensystems zu einer Stimmungsverschlechterung und Reizbarkeit neigen sollten. Mit der knappen Feststellung einer Verstimmung ließen es die meisten Quellen bewenden, positive Gefühlsregungen wie Mutterliebe wurden für die Schwangerschaft hingegen nicht erwähnt. Ein Grund für diese marginale Thematisierung von Emotionalität lag darin, dass Schwangerschaft weder für die Medizin noch für die Bevölkerungspolitik große Bedeutung hatte. Die entstehende medizinische Geburtshilfe fokussierte in diesem Zeitraum primär auf die Entbindung. Folglich bekamen viele Ärzte ihre bevorzugten Patientinnen – zahlungsfähige Frauen aus Bürgertum und Adel – während der Schwangerschaft noch kaum zu Gesicht. Zudem versuchten Landesherren zwar zunehmend, den Anteil ihrer gesunden Bevölkerung zu mehren. Dabei spielte Schwangerschaft aber noch eine geringe Rolle. Eine der ersten Maßnahmen war es vielmehr, ab dem 18. Jahrhundert die hohe Säuglingssterblichkeit zu verringern, wofür man vor allem das Ammenwesen bekämpfte und förderte, dass Frauen ihre Kinder selber stillten. Auch wichtige Wegbereiter der modernen Mutterliebe wie Rousseau, konzentrierten sich auf eine Romantisierung des Stillens. Entsprechend lobten viele zeitgenössische Aufklärungsbücher bereits die Mutterliebe in den Kapiteln zum Zustand nach der Geburt, wohingegen die Abschnitte zu Schwangerschaft dazu noch gähnende Leere aufwiesen.

Wenn es auch anhand der verwendeten Quellen nicht möglich ist, das tatsächliche Gefühlsleben damaliger Frauen* zu rekonstruieren, so lassen sich doch Mutmaßungen anstellen, dass für viele Schwangere wohl tatsächlich mehr Grund zur Missstimmung als zur Vorfreude bestand: Im Durchschnitt gebaren Frauen* zahlreiche Kinder viele davon starben früh, in Preußen starb z.B. Mitte des 18. Jahrhunderts die Hälfte aller Kinder unter 5 Jahren. Zudem war diese Zeitperiode von massiven sozialen Verwerfungen geprägt. Gerade in ärmeren sozialen Schichten waren uneheliche Schwangerschaften nicht unüblich. Frauen* mit solch einem Hintergrund waren diejenigen, zu welchen die ersten Mediziner während ihrer Schwangerschaft längeren professionellen Kontakt hatten. Denn damit geburtshilfliches Wissen generiert werden konnte und um angehende Ärzte zu schulen, wurden ab dem späten 18. Jahrhundert Geburtshäuser gegründet. Uneheliche, mittellose Schwangere wurden oft per Gesetz gezwungen, sich in eine solche Anstalt zu begeben. Die Frauen* mussten sich in den Anstalten als Untersuchungs- und Übungsobjekte zur Verfügung stellen und dienten mitunter als Versuchskaninchen für die zahlreichen neu entwickelten Instrumente der medizinischen Geburtshelfer, was manchmal mit schweren Verletzungen sowie Todesfällen von Müttern und Kindern einherging. Nicht zuletzt deswegen war auch das Kindbettfieber in den Gebäranstalten weit verbreitet. Die Feststellung einer Missstimmung und erhöhten Reizbarkeit in der Schwangerschaft durch die Ärzte mochte dieser Situation Rechnung tragen. Zugleich milderte es die Emotionen ab, indem ihre Ursache nicht in spezifischen Lebensumständen gesucht wurde, sondern ins empfindliche weibliche Nervensystem verlagert wurde. Dadurch diente der Verweis auf Reizbarkeit als schwangerschaftstypischem Symptom in ärztlichen Diskursen wohl auch dazu, mögliche Widerstände zu relativieren. Etwa wurden im Marburger GebärhausSchwangere, die sich über ihre schlechte Unterbringung beschwerten, damit abgewiesen, dass diese ja auf Grund ihres Zustandes zu den „einer höheren Reizbarkeit unterworfenen Personen“ gehörten.

Blieb die Feststellung einer Verstimmung auch meist ebenso vage wie knapp, so wurde eine Unterkategorie des Öfteren erwähnt: die Gelüste. Diese sollten Schwangere zu absonderliche Handlungen führen, die bis ins Kriminelle reichten: Sie konnten Gelüste nach Feuer haben, nach Menschenfleisch oder nach Schmuck und wertvollen Gegenständen. Gerade das Stehlen bildete Thema einiger medizinischer Abhandlungen. Kein geringerer als der bekannte Gerichtspsychiater Richard von Krafft-Ebing etwa diskutierte 1868 mögliche Ursachen, von denen er – wenig überraschend – besonders reizbare Nerven in Betracht zog. Einen möglichen gesellschaftlichen Hintergrund, die soziale Notlage vieler Menschen, die sich durch eine Schwangerschaft zuspitzte und durchaus zum Diebstahl verleiten konnte, sparte er dagegen aus. Hier, wie insgesamt schien es, als mache eine Schwangerschaft alle Frauen* gleich. Die körperlichen Prozesse schienen jegliche Form der Differenz, seien es psychische Vorgänge oder soziale Unterschiede, vollkommen auszuhebeln.

 

Stimmungsverbesserung und Muttergefühl:

Ab 1900 schienen Schwangere ausgeglichener. Nun modifizierten sich Vorstellungen zu schwangerer Emotionalität allmählich, wenngleich die Idee der Reizbarkeit keineswegs völlig aufgegeben wurde. Zumindest eine Differenz zwischen Schwangeren wurde aber immer gewichtiger: zwischen denen, mit gesunden Anlagen und vermeintlich degenerierten Frauen*. Festgemacht wurde diese Differenz erneut am Körper, hierbei verschob sich das Bezugssystem jedoch: Die Konstitution und Erbanlagen wurden zentraler. Mit ihnen hielten die Ansätze der Eugenik und Rassenhygiene Einzug – Ideen einer Hinaufzüchtung des Volkes, die im Nationalsozialismus eine mörderische Zuspitzung erfahren sollten. Die Konstitution entschied nun über den Zustand des Nervensystems – und nur diejenigen Schwangeren mit zweifelhafter Anlage sollten noch zur Verstimmung neigen. Die erbgesunden dagegen schienen sich einer zunehmend stabilen Stimmung zu erfreuen. Sie sollten zufriedener, gesünder und robuster werden, ja, vorherige nervöse Leiden sollten durch die Schwangerschaft sogar behoben werden. Und auch mütterliche Gefühlsmuster hielten Einzug in den Bereich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst sehr zögerlich: „Mutterinstinkte“ sollten durch die Kindsbewegungen, ähnlich mechanischen Reflexen, ausgelöst werden.

Diese Entwicklung stand im Kontext sowohl medizinischer als auch gesellschaftspolitischer Entwicklungen: Zum einen vollzog sich eine zunehmende Integration der Schwangerschaft in die Medizin. Geburtshilfe und Gynäkologie hatten sich ausdifferenziert, institutionalisiert und verbreitert. Durch die Etablierung der Sozialversicherung und Krankenkassen war es nun breiteren Bevölkerungsschichten möglich, einen Mediziner aufzusuchen. Neue Diagnoseverfahren wie der Wassermann-Test auf Syphilis wurden im frühen 20. Jahrhundert auch für Schwangere relevant. Schließlich wurde 1929 der erste Schwangerschaftstest erfunden, die Aschheim-Zondek-Reaktion. Auch erste Ideen einer institutionalisierten präpartalen Vorsorge für alle Schwangeren entstanden.

Dieser Prozess hatte mehrere Folgen: Nicht nur kamen Mediziner in intensiveren Kontakt zu Schwangeren in unterschiedlichen Lebenssituationen. Sondern die zunehmende Medikalisierung von Schwangerschaft führte auch dazu, so meine These, dass neue Gebiete der Wissensproduktion gesucht und gefunden wurden – und die Emotionalität war eines davon. Entsprechend wurde nun grundlegende Kategorien medizinischen Denkens – die Unterscheidung zwischen Krankheit und Pathologie, Normalem und Abnormalen – auf dieses Thema angewandt. Dazu kam, dass die zeitgenössische Bevölkerungspolitik diese Entwicklung flankierte. Die Quantität und Qualität der deutschen Bevölkerung erschienen ab 1900 als immer gravierenderes gesellschaftliches Problem. Ängste vor einem allmählichen ‚Volkstod’ setzen alle Hoffnung in den Frauenkörper und in die Stärke durch Mutterschaft. Durch die parallelen, heftigen Debatten über ein mögliches Recht auf Abtreibung geriet die neu entdeckte schwangere Emotionalität noch mehr ins Visier: Wenn gesunde Frauen* spätestens nach Einsetzen der Kindsbewegungen Mutterglück empfinden sollten, so die Logik, schien ihr zuvor geäußerter Wunsch nach einem Abort wohl sowieso hinfällig. Entsprechend argumentierte der Mediziner Siegel, der 1919 eine der ersten Studien zum Gemütsleben von Schwangeren durchführte und darin ein „Mutterschaftsgefühl“ postulierte, ganz offen gegen Abtreibung und für die „Erhaltung unserer Volkskraft.“

Einen letzten Einflussfaktor stellten auch die Konflikte über die Rolle der Frau dar, die in jener Zeit entflammten. Einerseits gab es die Frauenbewegung, die den Zugang zum Hochschulstudium und schließlich das Wahlrecht für Frauen* erkämpfte. Andererseits institutionalisierte sich ein fast zeitgleich einsetzender Antifeminismus, der in Vereinigungen wie dem 1912 gegründeten ‚Bund gegen Frauenemanzipation’ seinen Ausdruck fand. In diesem Konfliktfeld wurde der vermeintlich natürliche Körper zu einem bedeutsamen Kampfplatz. Denn beiden Seiten postulierten jetzt eine dem weiblichen Körper inhärente Stärke und stabile Konstitution. Diese schien jedoch aus unterschiedlichen Gründen der Degeneration ausgesetzt. Während Anhängerinnen der Frauenemanzipation wie die Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann die ungleiche Position der Frau dafür verantwortlich machte, befanden ihre Gegner, wie der Mediziner und Ratgeberautor Hermann Paull, gerade die weibliche Erwerbstätigkeit und Emanzipation für Schuld an allem Übel. Die vermeintliche Stärke und Stabilität in der Schwangerschaft ist so auch vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Nach dem zweiten Weltkrieg intensivierten sich Vorstellungen einer Stimmungsverbesserung. Vor allem wurde eine Ode auf die Muttergefühle der Schwangerschaft angestimmt. Von Mutterglück und Liebe war nun die Rede. Dieser Zustand ging mit weiteren Charakteristika einher: Die Schwangere sollte von Ruhe erfüllt sein, sich von der äußeren Welt zurückziehen und sich geistig wie emotional nach innen, hin zum Kind, wenden. Dieses Emotionsmuster korrespondierte mit den Geschlechterrollen der 1950er und 1960er, in denen – nach dem Schrecken des Krieges – das Heil in der Tradition gesucht wurde. Wenn die Mutter als Hüterin des Heimes romantisiert wurde, so schien es nur folgerichtig, dass Frauen* spätestens mit dem Mutterwerden ihre natürlichen Bedürfnisse genau an diesen Sehnsuchtsort trieben. Dies war allerdings vor allem für Quellen der Bundesrepublik der Fall. In den zeitgenössischen Schriften der DDR war zwar durchaus auch von Stimmungsverbesserung und Mutterglück zu lesen, der Rückzug ins Private oder die Wendung nach Innen tauchten hier jedoch nicht auf. Dies ist wenig verwunderlich, wurde in der DDR doch schon sehr viel früher die berufstätige Mutter und nicht die Hausfrau als weibliches Ideal etabliert. Dieses Beispiel zeigt so erneut, dass Vorstellungen natürlicher Gefühlsmuster nicht unbedingt aus der Natur stammen, sondern vielmehr oft von gesellschaftlichen Normvorstellungen bestimmt sind.

Zugleich spielten bei dieser Modifikation nicht allein Wunschvorstellungen und Fremdzuschreibungen eine Rolle. Teilweise mögen die veränderten Beschreibungen tatsächlich Resonanzen auf veränderte Empfindungen vieler Schwangerer gebildet haben. Schließlich war durch medizinische Innovationen sowohl die Mütter- als auch Säuglingssterblichkeit deutlich gesunken. Zudem ließ sich eine langsame Verringerung der Geburten und der Kinderzahl pro Frau festzustellen, wodurch subjektives Überlastungserleben potenziell abnahm. In solch einem Kontext waren eine ausgeglichene Stimmung und gar Vorfreude für viele Frauen* somit wohl leichter möglich.

 

Hormonelle Stimmungsschwankungen:

In den 1970ern entstand ein bislang unbekanntes Genre in der Ratgeberliteratur: die feministischen Selbsthilfebücher. Sie traten an, das Private politisch zu machen. In den Ratgebern herrschte zum Teil eine andere Sicht auf die Emotionen der Schwangerschaft: Die vorherige Romantisierung von erblühenden Muttergefühlen wurde scharf kritisiert, ebenso wie die Pathologisierung des Frauenkörpers. Statt der eintönigen Schilderung eines vermeintlich normalen Gefühlslebens wurde nun auf Vielstimmigkeit und widersprüchliche Erfahrungen geachtet. Hier wurden Emotionen nun nicht mehr ganz so eng an ihre körperlichen Erklärungsmodelle geknüpft. Zwar bezogen sich einige Vertreterinnen ebenfalls – ganz in der Tradition des frühen 20. Jahrhunderts – auf eine von der Natur vorgegebene positive Stimmung, die jedoch von den weit verbreiteten Nervenschädigungen durch das Patriarchat verhindert würden. Andere Protagonistinnen aber erstellten ein Register unterschiedlicher Emotionen und erklärten diese gerade nicht mit Nerven, genetischen Anlagen oder Hormonen – sondern mit spezifischen gesellschaftlichen Umständen: der schlechten Behandlung in Krankenhäusern etwa, den finanziellen Problemen Alleinerziehender oder den Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung. Der Möglichkeitsraum für eine alternative Sicht auf schwangere Gefühle öffnete sich – und schloss sich bald wieder.

Denn im Bereich der Ratgeber war der feministische Spuk nach einigen Auflagen schon wieder vorüber. Dafür multiplizierte sich der Markt, immer mehr und diverse Bücher erschienen ab den 1980ern, die nicht mehr nur von Medizinern oder einigen Mediziner*innen, sondern auch von Laien-Frauen* verfasst wurden. In diesen Büchern bekam das Erleben weiterhin viel Raum, was in der Ära des sogenannten ‚Psychoboom’ kaum verwundert, der die generelle Beschäftigung mit dem eigenen Selbst förderte.

Anders als in den feministischen Texten zuvor dienten die Erfahrungsberichte nicht mehr als Grundlage politischer Reflexion, sondern als Ausdruck von Vielfalt und Individualität. Auch der Widerstreit zwischen gegensätzlichen Gefühlen war zwar durchaus noch Thema. Grund waren nun aber keinesfalls mehr gesellschaftliche Umstände: Der Frauenkörper kehrte als ultimatives Erklärungsmodell zurück, diesmal in Form der Hormone. Das Zeitalter der hormonellen Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft nahm spätestens in den 1990ern endgültig Fahrt auf. Die Schwangere schien zwischen emotionalen Aufs und Abs gefangen, sie war zerrissen zwischen tränenreicher Mutterliebe und plötzlichen Wutanfällen, sie erlebte „hormonelle Gefühlsschwankungen“ (Stadelmann, 2007) eine „Achterbahn der Gefühle“ (Iovoine, 2003) und ein „Karussell der Hormone“ (ebd.). Gerade das willkürliche ‚Schwanken’ verhinderte jegliche Politisierung der Gefühle, die so nur noch als emotionale Artefakte eines in sich gefangenen Selbst ohne Kontakt zur Außenwelt erschienen.

Hierbei war ein deutlicher Bruch zur Romantisierung schwangerer Gefühle zu verzeichnen, die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgeherrscht hatte. Stattdessen wurden nun auch positive Gefühle wie Vorfreude oder beginnende Mutterliebe ironisiert, sie schienen als zuviel, zu spontan und übertrieben. Sogar einige Autorinnen selbst machten sich nun gern über die eigene, frühere Irrationalität lustig – oder beschrieben sie gar als generelles Problem. So wurde gewarnt, sich nicht zu sehr von den hormonellen Gefühlen mitreißen zu lassen: Es könne zu unbegründeten Konflikte mit dem Partner kommen; die Sehnsucht nach dem Kinde könne zu überteuren Spontaneinkäufen von Babyausstattung führen; die Putzaktionen auf Grund des schwangeren ‚Nestbauinstinkts’ – einer Kategorie, die erst in diesem Zeitraum entstand – könne zu körperlicher Überlastung und Gefährdung führen.

Der Aufstieg der hormonellen Stimmungsschwankungen steht in Zusammenhang mit gesellschaftlichen und medizinischen Transformationen: Zum einen veränderte sich die gesellschaftliche Rolle der Frau erneut. Das Leitbild der Hausfrau und Mutter wurde zunehmend auch im Westdeutschland (und schließlich im wiedervereinigten Deutschland) in Frage gestellt. Ein neues Ideal entstand – das, der ewig attraktiven Frau, die Kinder und Karriere scheinbar mühelos verbindet. Parallel führten stagnierende Einkommensverhältnisse dazu, dass tatsächlich auch in der Mittelschicht mehr Mütter arbeiten mussten. Die meisten entscheiden sich für die Arbeit in Teilzeit, was die idealisierten und an männlichen Biographien orientierten, Karrieremöglichkeiten wiederum erheblich einschränkte. Die ambivalente Vorstellung der Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft scheint gerade das Spannungsverhältnis, das in diesem neuen Mutterideal lag, in sich zu vereinen: Einerseits fungierte die weibliche Biologie so weiterhin als Ziel eines Frauenlebens, Muttergefühle gehörten weiter zur Schwangerschaft. Andererseits erschienen Biologie und Mutterschaft als Hindernisse, deren Ruf nicht zu sehr nachgegeben werden sollte, da sie wirklichen Erfolg letztlich verhinderten.

Zum anderen hatte in der Medizin und zunehmend über sie hinaus die Figur des Fetus ihren Auftritt. Hierfür waren zwei Prozesse von Bedeutung: erstens die Visualisierungstechniken in Folge des Ultraschalls, die ab den 1960ern entstanden und bald darauf in Routineuntersuchungen eingesetzt wurden. Die bekannte Historikerin Barbara Duden hat nachgezeichnet, wie der Fetus so auf bildlicher Ebene vom Frauenkörper getrennt wurde und als eigenständiger Akteur erschien. In zeitgenössischen gesellschaftlichen Debatten um Abtreibung fungierte die neue Figur als wirkmächtiges Argument: Abtreibungsgegner interpretierten sogar frühe embryonale Stadien bereits als Kind und schützenswertes Leben. Zweitens schienen dem Fetus nun auch noch von anderer Seite Gefahren zu drohen: Beginnend mit dem Contergan-Skandal 1961/62 gelangte die Teratologie, die Lehre von fetalen Missbildungen durch Umweltfaktoren, aus dem Schatten einer Randdisziplin ins gesellschaftliche Scheinwerferlicht. Schon bald bestanden die Hauptgefahrenquellen für den Fetus allerdings nicht mehr in einer mangelhaft kontrollierten Pharmaindustrie oder in Umweltgiften, sondern im Fehlverhalten von Schwangeren. Was mit Contergan begann und sich mit der Problematisierung von schwangerem Drogenkonsum ab den 1970ern fortsetzte, entwickelte sich bald zu einem unübersichtlichen wie detaillierten Regelwerk möglichen Fehlverhaltens: Zigarettenrauch, geringste Alkoholmengen, zu wenig Bewegung, zuviel Stress, Katzen, Rohmilchkäse – die Liste, wie Schwangere ihrem Ungeborenen schaden können, ist mittlerweile sehr lang. Beide Prozesse machten den Fetus und die Schwangere nicht nur zu Gegenfiguren, sondern sie problematisierten auch die Psyche Schwangerer: ihre Entscheidungen, ihre emotionale Spontanität und ihre Instinkte konnten zu ungeahnten Schäden beim Kind führen. Die hormonellen Stimmungsschwankungen können so als Ausdruck dieses neuen Misstrauens in das schwangere Gefühlsleben verstanden werden.

Darüber hinaus mag die Verbreitung dieser Vorstellung auch tatsächlich eine Resonanz veränderter Lebensumstände vieler schwangerer Frauen* darstellen. Durch bessere Verhütungsmethoden, insbesondere den Aufstieg der Pille ab den 1960ern, ist das Kinderkriegen planbarer geworden. Die Familiengröße hat sich verkleinert und eine Schwangerschaft ist für viele Frauen* ein ein- oder zweimaliges Lebensereignis. Hinzu kommt – trotz einer minimierten Mütter- und Säuglingssterblichkeit – eine große Bandbreite mittlerweile obligatorischer medizinischer Vorsorgeuntersuchungen mit immer feinerer Risikoberechnungen. Für den Fall, dass die Untersuchungen ein höheres Risiko für eine fetale Behinderung nahe legen, verwandeln sich diese Präventionsmethoden schnell in Technologien der Unsicherheit. Denn was die Ergebnisse konkret bedeuten und, vor allem, was daraufhin zu tun ist, wird oft der individuellen Entscheidung der Frau überlassen. Die fühlt sich damit entsprechend allein. Parallel dazu haben sich sowohl Anforderungen an gute Kindererziehung gesteigert als auch die Maßstäbe für erfolgreiche weibliche Karrieren. Das Zusammenkommen dieser unterschiedlichen Entwicklungslinien hat dazu geführt, dass Schwangerschaft heute ein ebenso kostbarer wie riskanter Zustand ist. Die Wahrnehmung von negativen, wechselhaften Stimmungen in der Schwangerschaft kann in einigen Fällen somit durchaus Indikator für die Anstrengungen durch diverse Doppelbelastungen sein, für das Unbehagen über medizinische Überwachungs- und Optimierungsphantasien sowie für die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Handlungsimperativen.

 

Zur gesellschaftlichen Relevanz des Themas

Auf den ersten Blick mögen hormonelle Gefühle in der Schwangerschaft ein randständiges Thema sein – es scheint sich um vage Zuschreibungen an einen vorübergehenden Zustand zu handeln. Bei näherer Betrachtung erweist sich der Gegenstand jedoch als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Konflikte, in dem sich der medizinische Umgang mit menschlichem Leben und die soziale Ungleichheit der Geschlechter mit dem Problem der Biologisierung kreuzen.

In vielen Biographien bildet Mutterschaft – und die vorangehende Schwangerschaft – einen entscheidenden Moment, in dem sich die Lebensentwürfe von Frauen* und Männern* auseinander dividieren. In Folge der Retraditionalisierung durch Elternschaft übernehmen Mütter häufig den Großteil der Hausarbeit und Familientätigkeit. Folglich sind sie meist in Teilzeit berufstätig, mit den bekannten Folgen von ökonomischer Abhängigkeit und potenzieller Altersarmut. Im Jahr 2012 arbeiteten 65 Prozent der Frauen* mit Kindern unter 18 Jahren in Teilzeit, wobei die meisten als Grund für diese Beschäftigungsform das Vereinbarkeitsproblem angaben. Dem standen nur 6 Prozent von Vätern* in Teilzeit entgegen, von denen nur wenige erklärten, dies aus Familiengründen zu tun. Zudem birgt Mutterschaft ein gewisses Armutsrisiko, insbesondere nach der Begrenzung des nachehelichen Unterhalts auf 3 Jahre. Etwa 2009 bezogen 31 % aller Alleinerziehenden – fast alle weiblich – Hartz IV. Die Behauptung von Chancengleichheit steht also in starkem Gegensatz zu massiven strukturellen Problemen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die oft verkündete weibliche Irrationalität durchaus anders interpretieren, nämlich als durchaus folgerichtige Reaktion auf gesellschaftliche Bedingungen, die ihrerseits von erheblicher Irrationalität geprägt sind.

Gerade die Biologisierung, die sich in Vorstellungen wie den hormonellen Stimmungsschwankungen ausdrückt, verhindert jedoch eine Politisierung. Die Auswirkung struktureller Probleme werden neutralisiert, indem sie lediglich als rein individuelle emotionale Reaktionen oder als Folge hormoneller Schwankungen erscheinen. Dies mag mit eine Antwort auf die Frage sein, warum sich eine so einflussreiche Frauenbewegung wie in den 1970er Jahren heute nicht mehr konstituiert, obwohl geschlechtliche Ungleichheiten durchaus fortbestehen.

Konkret ergeben sich aus der Arbeit Konsequenzen auf drei gesellschaftlichen Ebenen:

 

  1. Politische Entscheidungsträger_innen sollten gerade nicht in die Rhetorik weiblicher Irrationalität – sei es in der Schwangerschaft, sei es z.B. in Bezug auf vermeintlich unkluge Entscheidungen für Teilzeitarbeit – einzustimmen, sondern Mütter als Akteurinnen ernst zu nehmen. Besonders in der Familien- und Arbeitspolitik ist ein stärkerer Fokus auf echte Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern nötig. Dabei sollten die spezifischen Probleme, die sich für Frauen* durch Mutterschaft ergeben, stärker berücksichtigt werden. Dies betrifft nicht nur eine bessere ökonomische Absicherung von Alleinerziehenden. Sondern es beinhaltet auch veränderte Rahmenbedingungen. Beispielsweise ist gerade die Tendenz zu befristeten Arbeitsverträgen in einer Schwangerschaft besonders fatal. In diesem Falle wird der Vertrag oft nicht verlängert und eine Folgeanstellung ist kaum zu finden. Einen weiteren Ansatzpunkt bildet die Arbeitsbelastung, die sich für viele Eltern in den letzten Jahrzehnten intensiviert hat. Während in klassischen Rollenmodell der Einverdienerfamilie die durchschnittliche Erwerbsarbeit pro Elternpaar 40 Wochenstunden betrug, beläuft sie sich in den heute verbreiteten Zweiverdienerpaaren auf 60 bis 80 Stunden. Auf die darauf entstehende Überlastung zielen bereits Vorschläge wie der, die Wochenarbeitszeit für Eltern auf 32 Stunde zu verkürzen.
  2. Für den professionellen und medizinischen Umgang mit Schwangerschaft sind zwei Aspekte von Relevanz. Der eine betrifft die wenig reflektierte Übernahme vermeintlich sicheren Wissens in Lehr- und Sachbüchern. Nach wie vor finden sich auch in medizinischen Publikationen teilweise Vorstellungen wie die hormonellen Stimmungsschwankungen oder der Nestbauinstinkt, deren Existenz nicht ausreichend empirisch fundiert ist. Dazu kommt, dass gerade die, mit solchen Vorstellungen zumindest implizit einhergehende, Annahme von Irrationalität verhindern kann, dass zwischen Mediziner_in und Patient*in ein Kontakt auf Augenhöhe stattfindet. Der ‚Compliance’, also dem kooperativen Verhalten der Patient*in, ist dies sicherlich wenig dienlich. Der andere Aspekt betrifft den generellen medizinischen Umgang mit Schwangerschaft und Geburt, insbesondere die sich ausweitende Pränataldiagnostik und den parallelen Abbau der Hebammenvorsorge. Hier ist zu hinterfragen, ob diese Techniken und Routinen tatsächlich noch dem Wohl und der Gesundheit der Schwangeren dienen – oder ob sie nicht eher von Marktdynamiken und versicherungstechnischen Abwägungen motiviert sind.
  3. Bei einzelnen Frauen* können die Ergebnisse dazu führen, sich intensiver mit ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, nicht nur in der Schwangerschaft. Solch eine Auseinandersetzung bedeutet keineswegs, jeglichen Einfluss der Hormone von sich zu weisen. Endokrine Prozesse können durchaus Auswirkungen auf psychisches Befinden haben und sind für einige Menschen spürbar. Es bedeutete aber wohl, keine voreiligen Schlüsse über rein hormonelle Gründe zu ziehen, sondern sich selbst und sein Fühlen ernst zu nehmen. Möglicher Weise sind nicht alle starken Emotionen, gerade in der Schwangerschaft, willkürliche hormonelle Schwankungen ohne externe Ursachen. Vielleicht existieren eben doch bestimmte Gegenstände der Gefühle, sei es die Angst über einen möglichen Verlust des Arbeitsplatzes, der Ärger über den Partner, der seinen Teil der Hausarbeit nicht übernommen hat, oder das Unbehagen über die vermeintlichen Versprechen einer intensiven Pränataldiagnostik. Vielleicht sind manche dieser Gefühle weder Folge weiblicher Biologie noch individuelle Befindlichkeiten, sondern Ausdruck von allgemeineren Problemen, die in der Gesellschaft zu suchen sind. Und die gilt es, anzugehen.
2 Kommentare leave one →
  1. Leonie permalink
    November 25, 2019 12:23 pm

    Warum ist da ein FB-Button, aber keine Möglichkeit, den Artikel auf Twitter zu teilen?

    • November 26, 2019 9:27 am

      keine Ahnung, ich schau mal wie ich das ändern kann.

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