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Die zumutbare Opfergrenze und der § 219a

Dezember 16, 2018
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Juramama hat einen fantastischen Text zu dem katastrophalen ‚Kompromiss’ zum § 219a geschrieben. Ich habe durch ihren Text ‚Raus aus meinem Uterus‚ viel gelernt – unter anderem das bedenkliche Wort „zumutbare Opfergrenze“. Der Begriff scheint vorauszusetzen, dass Personen mit Uterus sowieso ein Opfer zu bringen haben – und welches Opfer dabei noch zumutbar ist, entscheiden meist Personen ohne Uterus.

Ein Ausschnitt aus dem langen Text, in dem sich die Autorin einige gute Fragen stellt:

Wieso sind (…) Berufe, die schützenswertes Leben direkt pflegen und versorgen, die am miesesten bezahlten Branchen? Wenn ich das richtig verstanden habe, sind es Frauen und ihr Uterus, die „das Leben schützen“ und ermöglichen? Wieso zum Teufel können Frauen denn dann eigentlich nicht schon immer völlig von Kinderwunsch oder Kindern unbehelligt durch eine eigene sichere finanzielle Existenz gehen und allein aufgrund ihrer beruflichen Kompetenzen jede Stelle der Welt bekommen? Warum endet ein Leben mit  Kinderaufzucht des schützenswerten Lebens ganz sicher in bitterlicher Armut, wenn man nicht in einem Umfang berufstätig ist, als hätte man sich gegen dieses Kind entschieden?

Tja. Weil diese exklusiv weibliche Kompetenz und dieses „schützenswerte Leben“ faktisch immer nur zu ganz großer Scheiße und zu rechtlich und gesellschaftlicher Diskriminierung geführt hat und nicht etwa dazu, dass überall goldene Gebärpaläste gebaut werden.

Oder gar dazu, dass die Väter dieses schützenswerte Leben nach der Geburt biologisch und gesellschaftlich selbstverständlich aufziehen und finanzieren wollen, wo doch die Frau dieses Leben so verantwortungsvoll mit ihrem Körper ausgetragen hat. Mir sind keine historischen Kämpfe bekannt, in denen Horden männlicher „Suffragets“ über Jahre und unter Einsatz ihres Lebens mit Pechfackeln durch die Straßen gezogen wären, um eine Finanzierungs- und Betreuungsberechtigung für all ihre leiblichen Kinder zu erstreiten. Komisch. Wenn diese schützenswerten Kinder aus den Gebärmüttern geschlüpft sind und aufgezogen und finanziert werden müssen, verstummt der Schrei nach „Lebensschutz“ plötzlich. Nicht nur in der Geschichte des Rechts. Väterrechtler knüpfen ihre oftmals berechtigte Wut über unzureichenden Umgang mit ihren Kindern ganz wesentlich an einen einzigen, rechtshistorisch relativ neuen Umstand: Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet für ihre Kinder vollen Unterhalt zu bezahlen und sie zu beerben. Ob sie das Kind wollten oder nicht und ob es ehelich oder unehelich gezeugt wurde. Bevor es diese klaren Verpflichtungen im deutschen Gesetz gab, war von Väterrechtlern und ihrem Kampf um generellen Umgang und Sorgerecht und Verantwortung nichts Nennenswertes zu sehen und zu hören. Wenn es um Geld und eine möglichst beeinträchtigungsfreie Aufzucht dieses Lebens geht, ist die ganze Chose „Lebensschutz“ nämlich dann doch wieder eine Frage der „Eigenverantwortung“ der Frau. Sie hätte das Kind ja nicht bekommen müssen. Keiner habe sie gezwungen. Die Eigenverantwortung für ihren Körper und ihr Leben stehen plötzlich felsenfest im Mittelpunkt und das obwohl man ihr genau diese Eigenverantwortung am letzten Wochenende auf einer Lebenschützerdemo mal eben komplett abgesprochen hat. Oder Annegret Kamp-Karrenbauer sie für etwas hält, was christlichen Werten widerspricht.

Man stelle sich mal ein staatliches Programm vor, das an die verpflichtende Konfliktberatung für ungewollt Schwangere ein Antragsrecht auf finanzielle Absicherung knüpfen würde. Ein Programm, dass diese Frauen mit 1500 Euro monatlich bei der Kinderaufzucht staatlich unterstützt, wenn sie das Kind nach einer Beratung dann tatsächlich bekommen. Freilich zusätzlich zum rentenrelevanten Erwerbseinkommen. Es wäre reflexartig von Sozialschmarotzerei die Rede und dass sich dann ja wohl jede Schwangere in den Beratungsstellen vorstellen würde. „Wieso soll ich für fremde Kinder zahlen? Was gehen mich die Blagen von der Schlampe an? Soll die halt die Beine zusammenhalten!“ schreien dieselben bigotten Moralisten, die sich aber vorher doch so sehr um die fremden Kinder in den fremden Uterussen gesorgt haben. So weit geht die eigene Verantwortung  für die Einmischung in die körperlichen Angelegenheiten fremder Frauen dann doch nicht. Dieselben Heinis schreien heute „Unterhaltsmafia“ und haben schon bei der Diskussion um „Nein heißt nein“ Schaum vor dem Mund. Verantwortungsvoller Umgang mit Geschlechtsverkehr und seinen Folgen spielt offenbar immer nur dann eine Rolle, wenn man sie selbst gerade nicht übernehmen muss.

Neben den vielen wichtigen Fakten aus ihrem Text noch zwei Dinge, die ich in der aktuellen Diskussion wichtig finde:

  1. Gemäß den Daten auf Destatis sind mehr als die Hälfte aller Personen, die abtreiben, bereits Mütter* (bzw. es handelt sich um Personen mit einem oder mehr Kinder). Das spricht erstens gegen das sowieso aus vielen Gründen falsche Argument von vermeintlicher Unverantwortlichkeit oder Naivität (a la ‚Abtreibugspillen wie Smarties‘). Und es spricht zweitens umso mehr dafür, dass viele Personen, die abtreiben, bereits ganz real die Erfahrung gemacht haben, wie vollkommen allein sie mit dem ’neuen Leben‘ tatsächlich sein werden, wenn es sich nicht mehr in ihrem Bauch befindet – wie viel Arbeit sie nach der Geburt eines Kindes sie haben, und wie wenig Unterstützung sie dafür von der Gesellschaft bekommen. Nochmal zu Erinnerung: Mehr als 90 % der Alleinerziehenden sind Frauen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 2015 rund ein Drittel aller Alleinerziehenden in Deutschland von Armut bedroht, noch mehr (40 Prozent) waren 2011 auf Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach Sozialgesetzbuch (SGB) II, also „Hartz IV“, angewiesen. Gemäß einer Studie der Bertelsmann-Stiftung steigt mit jedem Kind das Armutsrisiko.
  2. Es ist zu begrüßen, dass Studien zur psychischen Situation von Frauen* in Auftrag gegeben werden. Allerdings existieren bereits viele Studien zum sogenannten ‚Post-Abortion-Syndome‘ – und viele erklären, dass es dieses Syndrom nicht gibt sondern dass es den meisten Frauen* nach einem Abbruch besser geht (Überblick z.B. hier:Matlin, M. (2003). From menarche to menopause: misconceptions about women’s reproductive lives. Psychology Science, 45(2), 106-122. ). Natürlich lohnt es sich sicherlich dennoch, nochmal zu überprüfen, ob dem tatsächlich so ist. Wenn es um die psychische Situation von Frauen* und Reproduktion geht, sollte es aber auch Studien zu mindestens ebenso wichtigen Themen geben: z.B. zur psychischen Situation von Frauen*, die eine ungewollte Schwangerschaft ausgetragen haben. Oder zur psychischen Situation von Alleinerziehenden. Zu Müttern allgemein erschien bereits eine Studie, die Mareice Kaiser in ihrem tollen Text zum ‚Unwohlsein der modernen Mutter‘ zitiert: In den sieben Jahren nach der Geburt eines Kindes verschlechtert sich das mentale Wohlbefinden von einem Drittel aller Mütter deutlich.

Der Paragraph 219a gehört abgeschafft. Der Paragraph 218 auch. Und wenn es wirklich darum gehen soll, die Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen zu reduzieren: Der obige Vorschlag mit den 1500 Euro zusätzlich pro Monat wirkt da sehr sinnvoll, zumindest sinnvoller als ein Informationsverbot jemals sein könnte.

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