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Das Alter der Eltern

Februar 26, 2017

Eltern sind älter als ihre Kinder. Soweit die von der Natur vorgegebenen Fakten. Mit dieser banalen Feststellung hören die vermeintlichen Gewissheiten der Natur allerdings bereits auf – und zwar nicht nur, weil Technologien der Reproduktion und Kontrazeption Machbarkeitsgrenzen verschieben, sondern auch, weil das, was als natürlich gilt, nur bedingt als Handlungsanleitung gelten kann und überdies selbst ein Resultat von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen ist.

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Das Phänomen der „späten Eltern“ – wie es Katja Thimm 2014 im ‚Spiegel’ nannte (ein Thema, das dort  immer wieder, zuletzt vor einigen Tagen, aufgegriffen wurde) – erscheint heute zwar als gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, wird aber oft als Verstoß gegen die Natur und als Folge unseres modernen Lebensstils dargestellt. Denn der kulturelle Konsens, welcher Altersabstand zwischen Eltern und Kindern als ‚normal’ und ‚natürlich’ gilt, ist in unserer, sich als liberal definierenden Gesellschaft, durchaus eng gesteckt. „Mit 18 Jahren das erste Kind? Viel zu jung! Mit 28 Jahren? Gerade richtig – vielleicht aber auch unvorsichtig früh, wenn die Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist oder eine Festanstellung fehlt. Mit 38 Jahren? Schon etwas alt, zumindest bei Frauen – schließlich beginnt gemäß medizinischer Klassifikation bereits mit 35 Jahren das Alter der ‚Risikoschwangerschaft’. Mit 48 Jahren? Zu alt! Mit 58 Jahren? Viel zu alt!“ Jahre darüber hinaus sind für viele kaum vorstellbar. Trotz der Prognose einer älter werdenden Gesellschaft scheint uns in Bezug auf Elternschaft der Grad zwischen zu jung und zu alt als sehr schmal. Sein Überschreiten gilt als brisante Entwicklung der Gegenwart – wohingegen die Vergangenheit als Zeitalter scheinbar natürlicher Reproduktion glorifiziert wird. Früher und gerade auf dem Lande, so der Mythos, bekamen Menschen ihre Kinder zwischen 19 und 29 Jahren, also dem Alter, das gemäß der aktuellen Medizin ideal ist.

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Pathos, Liebe, Jugend, Babies, Kirche.

‚Späte Eltern’ gibt es jedoch keineswegs erst seit einigen Jahren. Vielmehr variierten schon in vergangenen Jahrhunderten Fertilitätszahlen, Heiratszeitpunkt und Alter bei der ersten und letzten Geburt enorm – und unterschieden sich zusätzlich je nach Region und Gesellschaftsschicht. Hierbei war es keineswegs eine Ausnahme, dass Menschen in einer fortgeschrittenen Lebensphase Eltern wurden. So lag Ende des 16. Jahrhunderts das Durchschnittsalter bei der Geburt des letzten Kindes für Schweizer Frauen bei etwas über 41 Jahren (Häuser, 1987). Auch im 19. Jahrhundert bekamen Frauen in Mitteldeutschland ihren Nachwuchs in der Regel bis sie 35 und 40 Jahre alt waren, viele auch noch später, bis zu ihrer Menopause (Stephan, 2002).

Für Väter fehlt oft die entsprechende Datenbasis, sie waren meist noch einige Jahre älter als ihre Ehefrauen. Beispielsweise gebar die Schriftstellerin Bettina von Arnim ihre Tochter Ottilie 1827 mit 42 Jahren, ihr Mann Achim war damals 46 Jahre alt. Richard Wagners Tochter Eva kam 1867 auf die Welt, als ihr Vater fast 54 Jahre und die Mutter Cosima knapp 30 Jahre alt war. Auch das generelle Heiratsalter orientierte sich keineswegs an der Geschlechtsreife – so lag es um 1850 in Preußen bei Frauen bei durchschnittlich 28 Jahren (Wehler, 2008). In oberbayerischen Dörfern des späten 19. Jahrhunderts war es üblich, erst mit rund 30 Jahren die Ehe einzugehen (Schulte, 1989). Dies änderte sich in den meisten deutschsprachigen Regionen erst im 20. Jahrhundert. Jetzt heirateten mehr Menschen früher. Durch den Einfluss von Verhütungsmitteln und höhere Überlebensraten von Säuglingen hatten viele Frauen nur noch ein oder zwei Kinder und waren somit bei ihrer letzten Geburt Mitte oder Ende 20 Jahre alt. Somit ist späte Elternschaft keineswegs neu. Was neu ist, ist die Norm einer – ausschließlich – frühen Elternschaft, die sich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts formierte.

Einen großen Unterschied macht heute, dass sich die Entscheidung zum ersten Kind bei einigen Menschen in spätere Lebensphasen verschoben hat. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die sich vor allem aus der geringen Vereinbarkeit von Fürsorge-Tätigkeiten und prekärer werdenden Beschäftigungsverhältnissen ergeben: Über die „Rushhour des Lebens“ – die dicht gedrängte Zeit zwischen ca. 25 und 35 Jahren, in der für viele Menschen finanzielle Unsicherheit, berufliche Etablierung und Familienplanung zusammen fallen – wurde bereits viel geschrieben. Ebenso sind die moderate Lohnentwicklung der letzten Jahre in Kombination mit einer steigenden Teuerungsrate, die Zunahme befristeter Verträge und der Standard für Vollzeit von 40 Wochenstunden mit einzubeziehen.

Diese Entwicklung kollidiert damit, dass parallel auch Erwartungen an Elternschaft wuchsen. Frühförderung, Attachement Parenting, windellose Sauberkeitserziehung, Stillgruppen, Babyschwimmen, das Familienbett und Quality Time sind nur einige der Stichworte, welche die gestiegenen Anforderungen an Eltern illustrieren. Vor diesem Hintergrund sehen sich viele Menschen erst jenseits der 30er in der Lage, ihrem Kind solcherart optimalen Voraussetzungen zu bieten. Tatsächlich legen aktuelle Studien nahe, dass gerade die Kinder der sogenannten späten Eltern oft durchschnittlich mehr Förderung erfahren – wohl, weil mehr Ressourcen vorhanden sind. Daneben mag es sicherlich noch viele andere Gründe geben, im fortgeschrittenen Lebensalter Nachwuchs zu planen. Ob es nun endlich ein stabiles Einkommen ist oder man sich mit anhaltender beruflicher Unsicherheit abfindet, ob es sich um das Gefühl handelt, mittlerweile genug an persönlichen Freiheiten genossen zu haben oder ob es die Sehnsucht nach einem neuen Beginn ist, der über die eigene Existenz hinausreicht – Entscheidungen für Elternschaft sind so divers, wie es die auch Entscheidungen für ein kinderloses Leben sein können.

Bei derartigen Erwägungen bestehen große Unterschiede in Bezug auf Geschlecht. Gerade für Frauen scheint es durchaus plausibel, ihre Elternschaft in spätere Lebensphasen zu verlegen oder ganz auf diese zu verzichten. Schließlich sehen sich viele mit massiven ökonomischen und sozialen Nachteilen konfrontiert. Nicht nur verdienen Frauen sowieso im Schnitt weniger als Männer, gelangen seltener auf höhere Positionen und sind öfter prekär oder befristet beschäftigt. Auch gerade nach der Geburt eines Kindes intensivieren sich diese Probleme, da Mütter weiterhin für den Großteil der Sorge-Arbeit zuständig bleiben. Im Jahr 2012 waren in Deutschland 69 % aller Mütter minderjähriger Kinder in Teilzeit beschäftigt, aber nur 6 % aller Väter. Entsprechend verfügten sie über geringere Verdienste und Einzahlungen in die Rentenkasse. Auch beim Bezug von Elterngeld zeigen sich Differenzen: Während Mütter 2013 einen Durchschnittsbetrag von 868 Euro Elterngeld erhielten, kamen Väter auf 1204 Euro (Bundesministerium für Familie, 2013). Solche Diskrepanzen führen oft zu finanzieller Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und zu Armut nach deren Ende, insbesondere seit der Begrenzung des nachehelichen Unterhalts auf 3 Jahre. Entsprechend bezogen z.B. 2009 31 % aller Alleinerziehenden – fast alle weiblich – Hartz IV (Statistisches Bundesamt, 2010). Vor diesem Hintergrund erscheint die Entscheidung mancher Frauen, erst Mutter zu werden, wenn sie sich ökonomisch absichern können, nur folgerichtig.

Dennoch herrscht bei der Beurteilung von Alter und Elternschaft ein erstaunlicher Doppelstandard. Als die Sängerin Gianna Nanini mit 54 Jahren Mutter wurde, berichteten die Medien gern über „widersprüchliche Reaktionen“, thematisierten ihr Aussehen („Falten!“), ihren Kleidungsstil („zu jugendlich!“) und ihren vermeintlichen „Egoismus“ ein Kind zu bekommen. Ganz anders lautete die Resonanz, als der SPD-Politiker Sigmar Gabriel mit 53 Jahren Vater wurde. Sein Alter oder sein Aussehen waren in den Medien kein nennenswertes Thema, möglicher Egoismus erst recht nicht. Vielmehr wurde diskutiert, ob seine Bereitschaft, die Tochter einmal in der Woche aus der Kita abzuholen, tatsächlich schon als derjenige Schritt hin zu moderner Vaterschaft gewürdigt werden könne, als den ihn parteipolitische Kampagnen wohl inszenieren wollten.

Der unterschiedliche Standard bei der Beurteilung von Frauen und Männern, die in fortgeschrittenen Lebensphasen Eltern werden, wird oft über die Natur begründet – insbesondere über die Qualität von Eizellen. So sicher die Materialität von Körpern tatsächlich bestimmte Grenzen setzt, so oft werden in diesen Argumentationen bestimmte Aspekte allerdings außer Acht gelassen. Denn einerseits legen viele Studien nahe, dass auch die Qualität von männlichen Keimzellen tendenziell nachlässt. Zudem bleiben unter statistischen Gesichtspunkten Männer, die bis 40 noch keinen Nachwuchs bekommen haben, ähnlich oft kinderlos wie Frauen (Diehl, 2014). Und auch Männer schieben die Familienplanung immer mehr auf. Andererseits beruhen einige der Berechnungen, die eine rapide sinkende Fruchtbarkeit von Frauen jenseits der 30 postulieren, mitunter auf eher zweifelhaften Daten (Twenge, 2013): Sie beziehen sich teilweise auf französischen Geburtsstatistiken von 1670 bis 1830 – und damit einer Zeit, mit einer sehr viel geringeren Lebenserwartung, rigideren Geschlechternormen und begrenzten medizinischen Methoden.

Es ist wichtig, über gesellschaftliche Veränderungen zu diskutieren. Auch das Alter von Eltern sind Themen, die nicht einfach ausgeklammert werden sollten – insbesondere die Frage, ob Menschen zu dem Zeitpunkt Eltern werden können, an dem sie es gerne würden. Aber die Art, wie diese Punkte derzeit oft thematisiert werden, ist falsch: Viele Texte enthalten Geschlechtsstereotype (die teilweise bis hin zum platten Sexismus gehen) sind alarmistisch und normierend oder malen ein romantisiertes Bild einer Vergangenheit, die es so nicht gab. Familien waren und sich Beziehungskonstellationen und Fürsorgerelationen zwischen Menschen verschiedenen Alters. Damit haben sie  eigene Realitäten, die so unterschiedlich und zahlreich sind, wie es die menschliche Natur eben sein kann.

(Der Text erschien in veränderter Form zuerst im Katalog Verena Jaekels Ausstellung ‚Familienväter – Familienmütter‚.)


Bundesministerium für Familie, S., Frauen und Jugend (Producer). (2013). Trend hält ungebrochen an: Immer mehr Väter beziehen Elterngeld. Pressemitteilung. Retrieved from http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Presse/pressemitteilungen,did=198354.html

Diehl, S. (2014). Die Uhr, die nicht trickt. Zürich, Hamburg: Arche.

Häuser, A. (1987). Was für ein Leben: schweizer Alltag vom 15. bis 18. Jahrhundert. Zürich: Verlag neue Zürcher Zeitung.

Schulte, R. (1989). Das Dorf im Verhör: Brandstifter, Kindsmörderinnen und Wilderer vor den Schranken des bürgerlichen Gerichts. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Statistisches Bundesamt (Hrsg.). (2010). Alleinerziehende in Deutschland: Ergebnisse des Mikrozensus 2009. Wiesbaden.

Stephan, P. (2002). Ditfurt: Demographie und Sozialgeschichte einer Landgemeinde nördlich des Harzes über 400 Jahre. Berlin: Lukas Verlag.

Thimm, K. (2014). Oh Baby! Der Spiegel, 17, 32-41.

Twenge, J. (2013). How long can you wait to have a baby? The Atlantic. Retrieved from  doi:http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2013/07/how-long-can-you-wait-to-have-a-baby/309374/

Wehler, H.-U. (2008). Deutsche Gesellschaftsgeschichte: Band 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen ‚Deutschen Doppelrevolution‘ 1815-1849. München: Verlag C. H. Beck.

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