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atmende Lebensverläufe vs. Scheitern

September 11, 2016

Das Konzept der ‚atmenden Lebensverläufe‘ hört sich in Zeiten atemloser Arbeitsamkeit sehr schön an und wird – neben anderen Konzepten – von Johanna Schoener in ihrem empfehlenswerten Artikel ‚Zu platt für den Aufstand‚ vorgestellt. Darin geht es eben um das Problem der Atemlosigkeit, mit dem sich viele Eltern konfrontiert sehen – und möglichen Lösungen:

Kluge Vorschläge gibt es bereits. Besonders populär ist die Idee der Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, die eine neue Vollzeit von 32 Stunden in der Woche vorschlägt – allerdings als Durchschnittswert über das gesamte Erwerbsleben. Ob man in der gewonnenen Zeit mit einem Baby kuschelt, einen Elternteil pflegt, Lateinvokabeln abhört, mit dem Partner verreist, Museen besucht, faulenzt oder Schildkröten rettet, bliebe jedem selbst überlassen. Männer könnten ihr Arbeitspensum wie gewünscht reduzieren und Frauen ihres wie gewünscht steigern. Die gesamte Arbeitsleistung würde nicht sinken, sondern anders im Lebenslauf und zwischen den Geschlechtern verteilt.

Falls jemand die Dringlichkeit einer solchen Maßnahme anzweifelt, helfen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Erwachsene arbeiten im Schnitt 45 Stunden in der Woche, davon entfallen 20,5 Stunden auf berufliche Tätigkeiten und 24,5 Stunden auf unbezahlte Tätigkeiten wie Kinderbetreuung und das bisschen Haushalt. Letztere machen bei Frauen rund zwei Drittel des Gesamtpensums aus, bei Männern weniger als die Hälfte. Eltern leisten im Schnitt 58 Wochenstunden, davon knapp 31 unbezahlt – und die geschlechtsspezifische Unwucht verschärft sich noch.

Sogar in unserer Hochleistungsgesellschaft muss und möchte jeder Mensch zwischendurch mal für sich selbst und meistens noch für andere sorgen. Auf dieser so banalen wie oftmals verdrängten Einsicht fußt auch das Konzept der „atmenden Lebensverläufe“, für das sich Karin Jurczyk gemeinsam mit dem Arbeitsrechtler Ulrich Mückenberger starkmacht. Ihr Vorschlag: Jeder erhält eine Art Guthaben, etwa als Zeitkonto von fünf bis acht Jahren, das er einsetzen kann, um die Erwerbsarbeit zu verkürzen oder zu unterbrechen. Durch ein solches „Care-Zeit-Budget“ hätte man in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit und Energie für andere Tätigkeiten. Finanziert würden diese Phasen abhängig davon, wie relevant sie für die Gesellschaft sind. Die Betreuung von Kindern und Alten etwa sollte aus öffentlichen Mitteln bestritten werden, für Weiterbildungen könnte der Arbeitgeber eintreten, und persönliche Auszeiten müsste jeder selbst stemmen.

Reizvoll an solchen Konzepten ist: Sie betreffen jeden und provozieren ein echtes Umdenken. Aus dem bislang typischen Dreischritt der Lebensarbeitszeit – Sozialisation, Erwerbsphase, Rente – würden nicht mehr nur Mütter und Burn-out-Patienten ausscheren. Niemand würde in Verdacht geraten, unambitioniert oder anderweitig suspekt zu sein, bloß weil er nicht artig eine lineare Erwerbsbiografie absolviert. Der Zeitpunkt ist ideal, um neue Muster zu prägen, denn das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt durch demografische Veränderungen, neue Rollenbilder und Stresserkrankungen ohnehin.

Zum Schluss fragt sich Schoener, warum keine der Vorschläge umgesetzt werden, wo das Problem doch so offensichtlich ist. Ich teile ihre These, dass das mit traditionellen Arbeitskulturen zu tun hat und dass gerade Eltern sowieso zu wenig Zeit für Protest haben.   Ich denke aber auch, dass es noch zwei weitere Gründe gibt:

  1. Wäre hier der gute alte Begriff der ‚Ideologie‘ wohl nicht ganz fehl am Platz: Die Vorschläge zur Reduzierung der Lohnarbeit scheinen zu sehr an den Grundfesten kapitalistischer Ideologien zu rütteln, nämlich dass Erwerbsarbeit die einzige Form der Arbeit ist; dass es nur ‚arbeitende‘ Menschen verdienen, Geld zu bekommen und dass ‚die Arbeit‘ für jeden Menschen an erster Stelle stehen muss. Deswegen liegen solche Alternativ-Modelle wohl jenseits des politischen Konsens der etablierten Parteien. Wer einen solchen Vorschlag macht, begibt sich jenseits der herrschenden Ideologien und wird schnell als ‚radikal‘, als ‚zu idealistisch‘ oder ‚verrückt‘ abgestempelt.
  2. gibt es das Problem, dass man sich oft ziemlich vereinzelt fühlt, solche ‚großen Dinge‘ zu diskutieren – vor allem am Arbeitsplatz. Denn wenn es um das Verändern der Arbeitskulturen geht, bedeutet das konkret: Allein dem_der Chef_in deutlich zu machen, dass man weniger Stunden anwesend sein möchte. Und die möglichen negativen Konsequenzen muss man dann ebenfalls allein tragen. Gerade für Mütter gibt es sehr viele negative Konsequenzen – von ‚Downgrading‘ über geringeren Lohn über nicht verlängerte Verträge. Schnell fühlt sich so ein Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr unbedingt als politischer Akt an, sondern als persönliches Scheitern. Ich glaube der Grund, dass manche Eltern lieber über Erziehungsfragen diskutieren, als über ihre Arbeitsbedingungen, sind nicht unbedingt ‚Plattheit‘ oder mangelndes politisches Interesse, sondern Angst, Scham und das Gefühl, gescheitert zu sein.
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