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Entspannte Väter, pingelige Mütter – Sauberkeitsnormen und andere Dinge in heterosexuellen Elternpaaren

April 23, 2016

Es scheint alles viel gerechter und progressiver, heutzutage: Oft ist es nun so, dass sowohl Väter als auch Mütter berufstätig sind. Und oft müssen dann auch Männer einen Teil derjenigen Arbeiten erledigen, die traditioneller Weise eigentlich ‚Frauendomäne‘ waren, nämlich Putzen und Kindererziehung. So stolz viele Paare auf ihre ‚alternative‘ Einstellung zu Geschlechterrollen sind, so deprimierend lesen sich Studien zur Verteilung von Hausarbeit und Einkommenentwicklung – seit den 1970er Jahren hat sich da in der  Geschlechtergerechtigkeit nämlich keinesfalls grundlegend etwas getan.

KaroFamilie

Persönlichkeitseigenschaften (Collage: Fuckermothers)

Wie aber ist es bei den Hetero-Paaren, die nicht nur behaupten, dass sie alles gerecht teilen, sondern bei denen man auf den ersten Blick von eine ‚Rollenumkehr‘ sprechen könnte – in denen also die Frau den Hauptteil der Berufstätigkeit übernimmt?

Leider auch nicht viel besser, sagt ein Studie – zumindest in Bezug auf die Verteilung von Hausarbeit. Sarah Speck und Cornelia Koppetsch untersuchten Paare, in denen die Frau das Haupteinkommen verdient, aber trotzdem noch substanziell mehr Hausarbeit übernimmt. Sie analysierten, wie diese Diskrepanz zwischen Selbstsicht (wir teilen und alles und sind voll progressiv) und Fremdsicht (traditionelle Tätogkeitsmuster und ungleiche Verteilung) zustande kommen. Grundlegend dabei scheint der Mythos der unterschiedlichen ‚Sauberkeitsnormen‘. Dabei werden ‚Geschlechterrollen‘ (‚buh! voll überholt‘) einfach reformuliert, in vermeintliche ‚Charaktereigenschaften‘ (‚hey, verschiedene Persönlichkeitsunterschiede muss man doch grade als tolerante Menschen voll respektieren!`)

Schaut man genauer hin, entpuppt sich das Mantra, man mache bei allem 50:50, als Illusion. Zwar hat man getrennte Kassen und teilt sich die Kosten offiziell. Doch finden eine Reihe von Transaktionen statt, Einladungen und Leihgaben, die verschleiern, dass die von uns befragten Männer die Hälfte der Kosten gar nicht aufbringen können und die Frauen faktisch den gemeinsamen Lebensstandard sichern. Auch darin zeigt sich, dass der ungleiche Verdienst durchaus ein Problem darstellt. Man will am Selbstbild der egalitären Partnerschaft festhalten, die finanzielle Autonomie soll die Gleichheit beider bezeugen.

Aus dem gleichen Grund verbergen Paare dieser Milieus die ungleiche häusliche Arbeitsteilung – vor allem vor sich selbst. Hierbei helfen mehrere interessante Techniken. Der Klassiker: »unterschiedliche Sauberkeitsstandards«. Die ungleiche Beteiligung an Hausarbeit wird individuellen Charaktereigenschaften zugerechnet. Wer einen Sauberkeitsfimmel hat, ist selbst schuld. Verbreitet ist das insbesondere in alternativen, postmaterialistischen Milieus, wo Hausarbeit keine Rolle spielen soll und man auch deshalb vermeidet, darüber zu streiten. Dann schon lieber eine Putzfrau – hilft auch dabei, sich als gleichberechtigte Partnerschaft zu verstehen. Eine weitere Strategie: verschiedene Bewertungen von Tätigkeiten. Ein Beispiel? »Mein Freund kocht echt total super und ist ein ganz toller Gastgeber.« Und der Gegenpart dazu, Tätigkeiten rausrechnen: »Wäsche? Macht die Maschine. Aufhängen? Ach so, naja, das macht man doch so nebenbei… Beruhigt mich auch irgendwie.« Dazu gehört auch die Frage, wer das Gesamtarrangement im Auge behält, insbesondere wenn Kinder im Spiel sind. Wann sind das letzte Mal die Fingernägel der Tochter geschnitten worden? Wann steht der Arztbesuch an? Und wie ist das mit dem Babysitter nächste Woche?

Solche Fragen entlarven weiterhin ungleiche Aufgabenverteilungen – auch im Bereich ‚emotionaler Arbeiten‘, die die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen steigern. Also z.B. sich an Geburtstage erinnern und rechtzeitig Karten schreiben, Verwandte regelmäßig anrufen, den verlangten Kuchen für die Hochzeit mitbringen, etc. Katie Mc Laughlin hat ebenfalls beobachtet, dass in vielen Paaren heute zwar tatsächlich viele Aufgaben auf den ersten Blick glich verteilt scheinen, aber eben nur auf den ersten Blick – diese Tätigkeiten scheinen unsichtbar. Entsprechend nennt sie diese Dinge „The Invisible Burden That Leaves Moms Drained„.

Auch ‚Das Nuf‘ hat sich mit obiger Sauberkeitsstudie und eigenen Erfahrungen beschäftigt:

Und da hat es mich voll erwischt. Nach einer gescheiterten Beziehung, gehe ich nämlich davon aus, dass ich nie mehr mit einem Mann zusammenleben kann, weil letztendlich die unterschiedlichen Sauberkeitsstandards oder aber die Vorstellung, in welchem Zeitrahmen eine Aufgabe sinnigerweise erledigt wird, bei mir offenbar zwischen zwanghaft und (wie mir gerne vorgeworfen wurde) herrisch schwanken.

Mein angeblicher Fimmel ist außerdem „unsexy und unsympatisch“ (deswegen empfehlen Frauenzeitschriften:Mehr küssen, weniger meckern am besten die Aufgaben gar nicht an den armen Mann schieben, sondern mit dem Mann ins Kino gehen…) und – was auch ein Problem ist – eine schlechte Charaktereigenschaft. Schade eigentlich.

Demgegenüber steht das Narrativ des lockeren Typen, der auch mal fünf gerade sein lassen kann.

Ich habe das für mich schon hingenommen. Ich bin eben nervig, anspruchsvoll und kann eigentlich ganz froh sein, wenn es überhaupt ein Mann mit mir aushält.

Das Ergebnis der Studie zu lesen, hat mich dann doch einigermaßen überrascht

 

5 Kommentare leave one →
  1. April 23, 2016 7:45 pm

    weil in dem 2. zitierten artikel von sichtbar-machen der einzelnen aufgaben die rede war: ich fände da eine gemeinsam teilbare app super. in anlehnung an „bring“ zb. ich und mein freund nutzen diese app am handy als synchronisierte einkaufsliste. das funktioniert für uns sehr super und ich kann das für zwei smartphone-besitzer_innen wirklich empfehlen.
    so ist immer sichtbar, wenn eine_r von der arbeit heimkommt oder unterwegs ist, welche einkäufe und erledigungen noch offen sind. auch das ständige erinnern, listen smsen, kühlschranknotizen-schreiben, … fällt weg. ich finde es auch praktisch, weil man sich gegenseitig auf zuruf bitten kann, etwas in die app zu tippen (zb beim abwasch, wenn das abwaschmittel ausgeht und die andere person hat das handy zur hand).
    wir haben es uns auch angewöhnt so sachen wie „geschenk für xy“, „kinderarzttermin“ „fotogeld kiga“ etc reinzuschreiben.
    vielleicht mag das alles jetzt sehr banal klingen, ist es vermutlich auch, aber es hat die einkaufs- und besorgungssituation bei und zwischen uns erstaunlich vereinfacht und entspannt.

    • April 24, 2016 10:24 am

      Das ist eine sehr gute idee, „bring“ heißt die App?

      • April 24, 2016 11:02 am

        ja, genau. hier: https://www.getbring.com/#!/app

      • April 25, 2016 8:23 am

        Würd mich auch interessieren, die App. Muss ich gleich mal gucken.

        Tatsächlich habe ich mich bei dem Beitrag mehrfach ertappt gefühlt. Weil wir uns zwar die Alltagskosten teilen, für die „Extras“ wie Urlaub und Auto aber ich größtenteils aufkomme. Ich verdiene etwa das Doppelte, manchmal mehr als das.

        In meinen Augen mache ich auch mehr Hausarbeit, und definitiv habe ich das „Gesamtarrangement“ im Auge. Ich/Wir habe/n da noch keine ultimative Lösung gefunden.

        Öfter frage ich mich, was konsequent wäre. Auf die netten Extras verzichten? Mann verlassen? Noch mehr arbeiten und somit zuhause weniger verfügbar sein? Ich weiß auch nicht.

        Letztlich stelle ich immer wieder fest, wie wahnsinnig schwierig ich es finde, sich gegen die eigene (im Falle des Mannes seeeehr traditionelle) Sozialisation zu positionieren, wenn die Vorbilder fehlen. Ich fühle mich zuweilen wie eine Versagerin, weil ich da so oft zu scheitern scheine.

  2. April 27, 2016 8:03 pm

    Mal offen gesagt: in meiner Beziehung ist die Verteilung der Hausarbeit nicht gut gelungen. Der Mann (ich) geht ins Büro und hilft zu hause mit, die Frau bleibt beim Kind und hat den organisatorischen Hut auf. Ich weiß nicht, wer mehr Handgriffe macht, vermutlich sie, aber vor allem hat sie die Planungs- und Orga-Rolle.

    Eine App wollte ich zu dem Thema auch mal einführen, ging aber nicht. Das Problem scheint mir auch ‚tiefer‘ zu liegen. Ich glaube, es handelt sich weder um einfach stehen gebliebene Rollenauffassungen (im Unbewussten), noch um Charaktereigenschaften. Putzfimmel ist keine Charaktereigenschaft und meine Frau hat auch keinen.

    Ich vermute, es geht um den immer noch harten Kampf zwischen den Geschlechtern, der in Meckern vs. Blockieren ausgetragen wird. Es ist immer noch aus meiner Sicht schwierig für Frauen, besonders für Mütter, wirklich am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen (Arbeit, Engagement, Freund_innen haben etc.), gleichzeitig ist die Frage, ob dieses Teilnehmen nach männlichen Prämissen überhaupt befriedigend ist. Da bleibt der Frust oft zu hause.

    Männer nehmen die Rolle des Angemeckerten gerne an und bieten verschränkte Arme statt Auseinandersetzung. Ihnen fehlt das Gespür dafür, sich zu holen, was sie oft bedürfen: Beziehung zu den Kindern, Zeit für ihre Gefühle, Ausdruck für ihre Gefühle, sich öffnen (lassen); ohne in patriarchale Muster zu verfallen.

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