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Mein Kind macht nichts

Februar 20, 2016

Ein Gastbeitrag von Iro Abendrot

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Es hat eine Weile gedauert, bis ich das mit solcher Deutlichkeit sagen konnte, aber dann kam es recht spontan und mit voller Überzeugung. Nein, es ist ja eigentlich gar nicht so, dass mein Kind nichts macht. Ich finde, es macht sogar sehr viel. Es geht zur Schule und lernt. Täglich, und meistens kommen wir auch pünktlich. Und das finde ich, ehrlich gesagt, schon ziemlich anstrengend, wenn man das mit dem Ernst betreibt, mit dem das mein Kind macht. Und nach der Schule spielt es, oder erzählt, oder sitzt und denkt oder sitzt einfach nur. „Nein, mein Kind geht nicht mehr zum Ballett.“ Ja, natürlich hat das damit zu tun, dass sie keine Lust mehr dazu hat. Aber nein, ich finde nicht unbedingt, dass das mit einem Mangel an Durchhaltevermögen zu tun hat.

Im Gegenteil freut es mich, dass sie

reflektiert genug ist um gleich bei der Probestunde zu erkennen, dass die neue Lehrerin eine „blöde Kuh“ ist, die sich noch nicht mal die Mühe macht, die Kinder bzw. Mädchen mit Namen anzusprechen und sie einfach alle „Süße“ nennt, weil sie ja auch so süß sind in ihren Tüllröckchen. Die sie die Finger spreizen lässt und sie auf die Fußspitzen zwingt, „weil der Tanz nur so schön aussieht“, anstatt ihnen Spaß an Musik und Bewegung zu vermitteln. Statt dessen studiert das Kind jetzt zu Hause aufwendige Inszenierungen ein, mit Bühnenbild und Kostüm, mit elendslanger Vorbereitungsphase für die ja Zeit ist, wenn sie wieder mal nichts macht. Ihre Freundin, die weiter zum Kurs geht, weil die Eltern gegen das vorschnelle Aufhören sind, tanzt nie zu Hause. Eigentlich hat sie das im Kurs auch nie wirklich getan.

Das heißt nun nicht, dass ich das Gefühl habe, dass wir alles richtig machen. Tun wir sicher nicht, ich schon gleich gar nicht. Aber ich habe es einfach satt unter diesem ständigen Vorwurfsdruck zu stehen, das Kind nicht genug zu fördern und anzuleiten. Ich weiß, dass mein Kind musikalisch ist und dass Musik so gut und wichtig ist für Kinder. Und ich weiß, dass andere Kinder in ihrem Alter schon seit drei Jahren Geige oder Klavier spielen, während wir es vielleicht gerade einmal in der Woche schaffen die Flöte auszupacken. Zu Hause, weil sie die Musikschule auch blöd fand. Natürlich lernt sie jetzt so nicht so viel wie sonst sicher möglich wäre, das weiß ich, und ich weiß auch, dass das an meinem Mangel an Konsequenz liegt. Oder um es anders zu sagen: ich vergesse das einfach, weil es immer so viele andere Dinge gibt, an die ich denke. Aber wenn ich mir unser Leben so betrachte, dann weiß ich auch, warum ich an so viel denke. Weil ich an so Vieles einfach denken muss und an Anderes will ich denken, weil es mir wichig ist. Aber das kostet natürlich Zeit und Energie, die mir dann fehlt, um nicht nur mir gegenüber sondern auch noch gegenüber einer anderen Person konsequent zu sein und für sie mitzudenken. Und das führt eben dann dazu, dass wir immer ein bisschen vertrödelt sind, chaotisch verträumt und oft spät dran. Manchmal finde ich das selbst sehr nervig und es wird mir zu viel. Aber wenn das Kind dann sagt: „Reg dich nicht auf, wir sind halt so wie wir sind – das sagst du doch selbst auch oft“, dann geht es mir schon wieder besser.

Aber ich weiß, mit dem Award für die Supermum wird das so halt nix. Dabei hab ich noch gar nicht erzählt, dass mich das Kind vor ein paar Tagen gefragt habe, warum ich immer „fak“ sage, wenn es „scheisse“ sagen würde … und wie ich darüber lachen musste. Denn, ja, bei uns wird geflucht. Weil ich der Ansicht bin, dass die Welt das manchmal verdient und es ungesund und verlogen ist, sich Ärger zu verkneifen oder in der Situation dann noch Korinthenkackerei mit der richtigen Wortwahl zu betreiben. Auch das musste ich erst lernen. Ich musste in der Schule noch Aufsätze schreiben für jedes „Scheiße“, dass mir rausgerutscht ist und zu Hause gab es eh nur Harmonie oder höchstens Enttäuschung und Traurigkeit. Das hat mich oft ziemlich wütend gemacht, macht es mich noch heute, aber heute mag ich die Wut, in kleinen Dosen, ich kann sie ganz gut nutzen. Gezielt eingesetzt ist sie OK und vermittelt Haltung. Das hat auch das Kind verstanden, glaube ich. Aber wenn sie ihrer Freundin sagt, dass sie es „scheiße“ findet, wenn die über andere Kinder aus der Klasse herzieht anstatt denen selbst zu sagen was ihr nicht passt, dann finde ich das schon einen ganz guten Ansatz.

Dass Wut und Ärger zugelassen sind heißt aber noch lange nicht, dass alles erlaubt ist. Mein Kind ist kein Kristallkind – also hoffentlich nicht. Denn zimperlich sind wir nicht im Umgang miteinander. Und wenn ein Spruch kommt wie „ich tu was ich will, weil die Pippi Langstrumpf tut das auch“, da bekomme ich schon einen ziemlichen Grant auf diese antiautoritäre hippieske Kreativromantik. Aber das ist angekommen, naja, laut genug wurde darüber diskutiert… Jetzt ist zumindest klar: Rücksicht nehmen ist wichtig und Empathie ist längst kein Fremdwort mehr. Im Rahmen können wir ja eh beide tun was wir wollen. Wir haben uns dann mal auf Madita als quasi-historisches Role-Model aus der Kinderliteratur geeinigt: Hat Ideen, naja, nicht immer gute, aber man muss ja nicht jeden Unsinn nachmachen. Und sich manchmal hübsch zu machen ist ja auch ganz fein. Finden wir beide. Aber das Wichtigste und Beste an Madita – und auch an uns – finden wir das soziale Bewußtsein. Ja, das haben Kinder, und das kann weit über das Übliche „ich teile meine Gummibärchen mit dir“ hinaus gefördert werden. Das ist nicht immer schön, kann sogar sehr schlimm sein. Dass Wut zugelassen ist, heißt ja nicht, dass es keine Traurigkeit mehr gibt. Manchmal ist das Kind sogar sehr traurig. Jüngst hat sie stundenlang geweint, das hat mich zur Verzweiflung getrieben. Weil ich genau so wenig tun kann wie sie gegen den Krieg, wegen dem die Leute flüchten müssen. Und leider kann ich noch nicht einmal wirksam etwas dagegen unternehmen, dass diese Menschen hier eine anständige Behandlung erfahren. Dass sie wohnen können anstatt nur irgendwie unterzukommen, dass sie lernen und arbeiten können, anstand auf der Straße rumzustehen. So sind wir nämlich drauf gekommen, weil das Kind wissen wollte, warum die Männer (vom Bauarbeiterstrich) immer auf der Straße stehen.

Aber auch, wenn man oft nicht wirklich etwas tun kann, so ist es doch wichtig, sich und damit vielleicht etwas zu bewegen. Auch das ist mir wichtig zu vermitteln. Deshalb nehme ich das Kind auch mit auf Demos. Und ich tu das nicht nur, weil ich eh keine Alternative dazu habe. Die gäbe es immer, wenn ich sie organisiere, aber dafür gibt es wichtiger Anlässe. Und es ist mir auch egal, wenn das Kind immer noch nicht genau weiß, was „Alerta Antifascista“ bedeutet, so lange sie es nur laut genug mitbrüllt. Ich wusste das in ihrem Alter auch längst nicht, hab es aber auch nicht gebrüllt…

Überhaupt machen wir Vieles zusammen, nur selten so richtige Kindersachen. Warum es Einrichtungen wie Indoor-Spielplätze gibt, ist mir ein Rätsel und das Kindermuseum finden wir beide eher langweilig. Zumindest ist es kein richtiges Museum, weil es im richtigen Museum immer so viele spannende Dinge zu entdecken gibt, auch mal ohne weichspülpädagogische Aufarbeitung. Ausflüge machen wir viele und gerne, und zwar so tolle, dass uns all die Kleinfamilien, die ihre Autos vor der Tür stehen haben, regelmässig beneiden. Wir fahren nicht mit dem Auto, fast nie, und wenn wir eines leihen, dann nervt uns das eher und dem Kind wird eh schlecht.

Aber natürlich machen wir nicht alles zusammen. Wenn wir nicht zusammen sind, dann vermissen wir uns kein bisschen. Warum auch, wir wissen ja eh was wir aneinander haben und was gut ist, wenn wir uns mal nicht haben. Sie unternimmt mit ihrem Vater Dinge, von denen sie manches erzählt, manches nicht. Und ich fahre mit Freundinnen weg oder mit meinem Freund, den sie bisher nicht kennt, obwohl sie von ihm weiß. Aber das liegt weniger an ihm sondern vielmehr daran, dass ich finde, ich sollte auch mal etwas nur für mich haben. Auch das scheint in Ordnung zu sein für sie. Ausser „dann knutscht ihr ja rum und mich kuschelt keiner“ als er jüngst nach einem Konzert übernachtet hat, kam zumindest keine Beschwerde. Dafür hat sie mir am nächsten Tag mitgeteilt, dass sie schon eine Weile darüber nachdenkt, wie wir es machen könnten, dass sie den Jungen, in den sie sich vor einiger Zeit verliebt hat, zu sich einlädt, ohne dass es die anderen in der Klasse erfahren. Wir haben noch keine Lösung gefunden, aber zumindest überlegen wir jetzt zu zweit. Und derweil freuen wir uns daran, dass wir beide wissen, wie sich Verliebtsein anfühlt. Aber so etwas kann man anderen Müttern natürlich nicht erzählen. Ausserdem tut man dabei ja wieder nichts. Also wieder keine Punkte für den Supermum-Award. Vielleicht bekomme ich ja ein paar von ihrer Lehrerin. Mit der habe ich kürzlich Schnaps getrunken – zum Aufwärmen nach der Demo, auf der wir sie getroffen haben.

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