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Eltern in der Wissenschaft – Strukturwandel statt Wertewandel

Juli 19, 2015

„Stop thinking, start dreaming“: Der Wertewandel?

Das Problem ist alt bekannt: Wissenschaft und Elternschaft passen schlecht zusammen. Das stellt besonders für Frauen, die oft mehr Sorgearbeit übernehmen, ein Hindernis dar. Zuletzt fasste der Biologe Martin Ballaschk das Problem noch einmal gut auf ‚SciLogs‘ zusammen:

In diesem Klima haben es Eltern – besonders Mütter – nicht leicht, denn für die übermenschlichen Arbeitsleistungen oder die kreativen Phasen fehlt ihnen schlicht die Zeit. Teilweise lässt sich das durch unbarmherzige Optimierung und fokussierte Organisation des Alltags ausgleichen. Die Flexibilität der Arbeitszeiten an Unis und Forschungsinstituten wird hier zum echten Vorteil: Wo Schichtarbeiter/innen sich verzweifelt um eine Abendbetreuung kümmern müssen, können wir uns unsere Arbeitszeit dynamisch aufteilen. Aber jede Selbstoptimierung hat Grenzen und niemand kann die kinderlose Konkurrenz daran hindern, sich ebenso optimieren. Besonders ungünstig ist, dass die Zeit der Familiengründung mit der Qualifikationsphase zusammenfällt – also die Phase mit den intensivsten Arbeitsanforderungen und dem höchsten Wettbewerbsdruck. Zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig möchte der wissenschaftliche Nachwuchs nach der Doktorarbeit auch jede Menge Auslandsaufenthalte an Eliteeinrichtungen und den Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe bewerkstelligen. Wer sich nebenher um die Aufzucht des Nachwuchses kümmern muss, kann schnell ins Hintertreffen geraten. (…) Trotzdem wird den Fähigkeiten von Eltern, besonders Müttern und Frauen im Allgemeinen (den potentiellen Müttern) misstraut. Die Mehrzahl der weit überwiegenden Professorenschaft hat die Familienarbeit erfolgreich auf ihre Frauen abgewälzt und erwartet das natürlich ebenfalls vom eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. Väter haben ihre Frauen, die sich um die Familienangelegenheiten kümmern. Müttern wird wissenschaftliches Arbeiten oft gar nicht erst zugetraut. Häufiger, als man glauben mag, werden Frauen mit Kindern und Schwangere diskriminiert. So kann es vorkommen, dass der Gruppenleiter schwangeren Angestellten eine Kündigung empfiehlt oder Kollegen für die Dummheit bedauert, eine Frau mit Kind eingestellt zu haben. Das alles natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, sich der indiskutablen Haltung bewusst. Denn wenn ein Nobelpreisträger wie Tim Hunt offen Stimmung gegen gegen Frauen in der Wissenschaft macht, ist der öffentliche Aufschrei groß. Innerhalb der Community jedoch dürfte die Haltung vorherrschen, dass Hunt lediglich „unbequeme Wahrheiten“ äußerte. Je höher man die Hierarchien hinaufschaut, desto dünner wird die Dichte an Frauen und Familienmenschen. Da Männer bevorzugt Männer einstellen, verstärkt sich der Effekt weiter. Nicht zuletzt sind Frauen auch in Doppelkarrieren benachteiligt, denn tendenziell werden die Karrieren der Männer immer noch als wichtiger wahrgenommen. Dass Frauen in den Naturwissenschaften so stark unterrepräsentiert sind, ist wohl nicht ausschließlich in der Familienfrage begründet, sie spielt dennoch eine große Rolle.

Ja, das stimmt. Als eine zentrale Lösung fordert Ballaschk dann einen ‚Wertewandel‘. Der wird ja gern zu vielen Gelegenheiten gefordert, oder halt ein Einstellungswandel. Stimmt ja auch, wäre schön. Solch eine Forderung tut zudem nie weh. Aber manchmal denke ich, dass das mit dem Wertewandel und der Einstellung überschätzt wird. Denn sehr viel schneller und viel besser wäre ein Strukturwandel. Und an der wissenschaftlichen Struktur ließe sich so einiges verbessern. Denkbar ist z.B.:

  1. Eine Abschaffung des Wissenschaftszeitgesetzes in Deutschland. Dieses sieht vor, dass Menschen nur 6 Jahre nach der Promotion als reguläre wissenschaftliche Mitarbeiter_innen an einer Universität beschäftigt sein dürfen. Danach sind sie raus. Oder erstmal befristet bzw. prekär beschäftigt und dann raus. (Oder, in wenigen Fällen, Professor_innen). 6 Jahre. Das ist gar nicht lang. Ein Kind mit 6 Jahren ist überhaupt erstmal ein bisschen aus dem gröbsten raus, sagen manche. Andere sagen, dass es noch einige Jahre länger dauert, bis sich das Kind selbst essen kocht, alleine ins Bett bringt, sich den ganzen Tag beschäftigt und einen nicht vermisst, wenn man mehrere Tage auf Konferenzen fährt. Aber vielleicht sind letztere Menschen ja so komische Glucken-Mütter, die eh nicht zum logischen Denken gemacht sind. Nun ja. Jedenfalls: Es ist für viele Menschen, die sich um Kinder kümmern, nicht möglich, sich in 6 Jahren so schnell zu qualifizieren, dass sie im Anschluss eine Professur bekommen. Zwar besteht die Möglichkeit, den Zweitraum um die Elternzeit und um max. zwei Jahre zu verlängern (siehe Kommentar unten) – dies wird an vielen Universitäten aber nicht umgesetzt und ist oft immer noch zu wenig. Es würde die gleichberechtigte Teilhabe von Eltern (und z.B. von Menschen, die sich um alte Angehörige kümmern oder von chronisch kranken Menschen) an der Wissenschaft enorm verbessern, wenn die 6 Jahres-Grenze fallen würde.
  2. Eine Stärkung des akademischen Mittelbaus: Es braucht mehr unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiter_innen-Stellen (bzw. akademische Rät_innen, whatever) unterhalb der Professuren. Das fordern schon lange viele kluge Köpfe, unter anderem die vom Templiner Manifest.
  3. Eine Veränderung der Ausschreibungen für Junior-Professuren: Zu den Anforderungen gehört meistens ein Auslands-Aufenthalt von mindestens einem Jahr. Das ist für Eltern von kleinen Kindern ziemlich utopisch. Erstens weil sie ihr Kind oft nicht aus der vertrauten Umgebung reissen wollen und das zu stressig finden. Zweitens wegen dem nächsten Punkt:
  4. Die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Auslandsaufenthalten: Viele Stipendien oder Stellen im Ausland sehen Kinder nicht vor – sie übernehmen oft weder die Kosten für Kitas oder Babysitter, noch Reise und Unterbringung für Kinder und mögliche betreuende Partner_innen.
  5. Die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Konferenzreisen: „Leider ist uns die Erstattung solcher Kosten nicht erlaubt. Das finden wir selbst nicht gut.“ Das ist die Antwort, die Konferenzorganisator_innen häufig bei vorsichtigen Nachfragen (und unvorsichtigen Beschwerden) wegen Kinderbetreuung geben. Wenn Reisekosten von Veranstalter_innen übernommen werden, dann nur für die Person, die den Vortrag hält. Reise- und Hotelkosten für Kind und Betreuung werden nicht erstattet. Das ist besonders ungünstig für Menschen, die ihr Baby noch stillen. Und für Alleinerziehende. Die können dann halt leider keinen Vortrag auf der Konferenz halten. Sorry, aber die sind in den Richtlinien halt einfach nicht vorgesehen.
  6. Mehr Stipendien und Fördermaßnahmen für Menschen, die Sorge-Arbeit übernehmen: Sei es für alte oder erkrankte Angehörige oder Kinder.
  7. Eine Anrechnung von Stipendien auf Elterngeld: Viele Wissenschaftler_innen erhalten für die Promotion Stipendien, einige auch danach. Leider wird ein Stipendium folgendermaßen in die Berechnung von Elterngeld einbezogen: 0,00. Dadurch erhalten diese Menschen während der Elternzeit nur den Mindestsatz von 300 Euro. Das führt zu Armut bzw. massiver ökonomischer Abhängigkeit in Partnerschaften.
  8. Quoten: Für Menschen, die in der Wissenschaft weniger Chancen haben.
  9. usw.

Auf der Dialogplattform ‚Wissenschaft und Familie‘ werden übrigens bis 31. August Erfahrungsberichte und Vorschläge zu dem Thema angenommen. Einige Beiträge dort sind lesenswert, wenn auch bislang eher deprimierend.

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4 Kommentare leave one →
  1. Connie permalink
    Juli 21, 2015 9:04 am

    Hallo,

    ich stimme den obigen Punkten uneingeschränkt zu, aber zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz möchte ich ergänzen, dass Kinderbetreuung tatsächlich berücksichtigt wird: Elternzeiten werden draufgeschlagen und für jedes zu betreuende Kind unter 18 verlängert sich die 6-Jahres-Frist um 2 Jahre (http://www.bmbf.de/de/7702.php), und auch für beide Elternteile, es muss nicht aufgeteilt werden. Dies ist bloß kaum bekannt, auch unter Vorgesetzten an der Uni nicht (!).
    Aber auch diese Anrechnung ändert an den grundsätzlichen Problemen leider nicht viel.

    Vielen Dank für den Beitrag!

    • Juli 24, 2015 5:05 pm

      Liebe Connie, herzlichen Dank für den Kommentar! Das mit der Elternzeit wusste ich – ich kann aber leider bestätigen, dass das mit den 2-Jahren kaum bekannt ist. Zumindest wusste ich nichts davon und ich kenne einige Fälle, in denen Eltern, für die diese Regelung wohl gegolten hätte, nach 6 Jahren als Institutsmitarbeiter_innen ausscheiden mussten. Hier scheint erheblicher Informationsbedarf an einigen Universitäten zu bestehen.

  2. März 22, 2016 1:32 pm

    hallo, dieses gesetz kann leider ganz unterschiedlich ausgelegt werden. ich habe mich an meiner uni in nrw, damals als wiss. mitarbeiterin, vom personalrat dazu beraten lassen und ging vorher auch davon aus, dass ich pro kind 2 jahre mehr zeit bekomme.
    fazit: es ist tatsächlich möglich, diese 2-jahres-regel enger auszulegen und den vertrag nur um die zeit zu verlängern, die man tatsächlich mit der betreuung des kindes verbracht hat, also nur um die elternzeit. da das bei mir deutlich weniger als 24 monate waren, hätte ich nur diese verringerte zeit dann auch angerechnet und verlängert bekommen – auch, dass ich mehrlinge bekommen hatte, zählte nicht; meine kinder wurden wie ein kind „berechnet“.
    alles in allem also recht traurig, wie theorie und praxis hier wieder auseinanderklaffen.

    viele grüße
    e.

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  1. “I give up.” “No, you don’t.” “Yes, I do.” (Weiter-)Studieren mit Kind. – aufZehenspitzen

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