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Geburten, Raten.

Juni 8, 2015

Ja, Deutschland ist letzter und so. Ich mag die Debatten um niedrige Geburtenraten überhaupt nicht. Erstens weil ich nationale Ranglisten irgendwie unangenehm finde und das Konzept von Nationen ebenfalls. Zweitens weil in Debatten meist sehr schnell ‚die Frauen‘ in die vermeintliche Verantwortung genommen werden. Drittens weil die Geburtezahl keine direkte Aussagen über die Qualität familienpolitischer Leistungen zulässt (denn Familienpolitik sollte an Lebensqualität und Gleichberechtigung orientiert sein). Viertens weil ich mich immer wieder wundere, warum nicht einfach mehr geflüchtete Menschen aufgenommen werden können und Kinder ohne deutsche Staatsbürgerschaft immer noch abgeschoben werden – wenn die Bevölkerungszahl doch angeblich so rapide abnimmt. Und fünftens gibt es sicherlich noch einige gute Gründe mehr.

Aufschlussreich fand ich Antje Schrupps Informationen zur jüngsten Studie zur deutschen Geburtenrate des Weltwirtschaftsinstituts bei ‚FischundFleisch‘:

Allerdings – wenn man genauer hinschaut – ist eigentlich gar nicht viel passiert. Das „schlechte“ Abschneiden Deutschlands liegt nämlich nicht daran, dass die Gebärfreudigkeit noch mehr abgenommen hätte als sowieso schon. Sondern der Grund ist, dass diese Studie einen anderen Maßstab nimmt, als andere Studien: Nicht die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau (die so genannte „Fertilitätsrate“) war das Kriterium, sondern die „Geburtenrate“, also Zahl der Geburten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Da aber alte Menschen nunmal keine Kinder bekommen, ist die Geburtenrate logischerweise umso niedriger, je höher der Anteil älteren Menschen in einer Gesellschaft ist. Ganz unabhängig davon, wie viele Kinder einzelne Frauen bekommen. Denn Frauen jenseits der Fünfzig kriegen in aller Regel keine Kinder mehr.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass in der internationalen Geburten-Olympiade die ärmsten Länder so „gut“ abschneiden, Niger zum Beispiel, mit 50 Geburten pro tausend Einwohnerinnen und Einwohner. Super Sache, so viele Kinder? Ganz und gar nicht. Denn die hohe Geburtenrate ist nur eine Folge davon, dass die Menschen in Niger vergleichsweise früh sterben. Und deshalb der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter dort eben viel, viel höher ist als in Deutschland.

Es ist fahrlässig und verzerrend, den Faktor Geburtenrate in demografischen Diskussionen unabhängig vom Faktor Lebenserwartung zu diskutieren.

Auch Stefanie Lohaus Text in der FAZ beschäftigt sich mit der Geburtenrate und deutscher Familienpolitik:

Wer irgendeine Talkshow zur Familienpolitik einschaltet, sucht zeitgemäße Elternvorbilder mit der Lupe. Immer wieder bekommen wir stattdessen die 40jährige Birgit Kelle vorgesetzt, die sich klar gegen Kinderbetreuung und für ein traditionelles Familienmodell positioniert.

Kelle darf leben, wie sie will, das ist keine Frage. Aber sie repräsentiert in meiner Generation eine absolute Minderheit, die durch ihre Dauerpräsenz auf dem Bildschirm künstlich aufgeblasen wird. Sie sitzt da, weil der durchschnittlich 60-jährige Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens seine Ansichten bestätigt will, nicht, weil sie etwas über die Wünsche junger Familien aussagt.

Es fehlt jedoch nicht nur an Vorbildern, sondern auch an Optimismus und kreativem Denken. Zwei Vätermonate und Betreuungsplätze für unter Dreijährige reichen bei weitem nicht aus. Was ist mit Ganztagsschulen, Home-Office, Job-Sharing für Führungskräfte, 32-Stunden-Woche, flexible Kinderbetreuung für Menschen mit Schichtdienst?

Diese Vorschläge sind gut. Sie sollten aber umgesetzt werden, um gleiche Chancen zu schaffen und allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – und nicht um einen Preis in einem ominösen nationalen Geburtenzahlenwettbewerb zu erringen.

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