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(mindestens) 11 Gründe, warum Arbeit ein wichtiges Thema für feministische Perspektiven auf Elternschaft ist

April 30, 2015

8_März 2Denn: Der Tag der Arbeit steht ja vor der Tür.

  1. Unbezahlte Haus- und Pflegearbeiten: Diese Tätigkeiten zählen oft gar nicht zum Bereich der ‚Arbeit‘ bzw. gelten als ‚unsichtbare Arbeit‚. Auch wenn sich viele heterosexuelle Paare mit Kind heute als modern und gleichberechtigt verstehen, übernehmen Väter sehr viel seltener Aufgaben wie Putzen, Wäsche waschen, Kinder-ins-Bett-bringen, Suppe kochen bei Krankheit, etc. Dieses Ungleichgewicht wird dann oft als Zeichen aufopferungsvoller Liebe der Mutter romantisiert – oder als übertriebenes Sauberkeitsbedürfnis oder vermeintliches ‚maternal gatekeeping‚ zum weiblichen Problem verdreht.
  2. Unterbezahlte Haus- und Pflegearbeiten: Klassische Berufsgruppen der Care-Work – also Erzieher_innen, Krankenpfleger_innen, Hebammen, Putzkräfte, Altenpfleger_innen etc. – sind meist sehr schlecht bezahlt. In ihnen arbeiten überdurchschnittlich oft Frauen. Deshalb ist etwa der Streik der Kita-Erzieher_innen sehr wichtig. Ebenso sind die Forderungen des Netzwerks ‚Care Revolution‚ unterstützenswert. Die Wissenschaftlerin Gabriele Winker hat kürzlich ein gleichnamiges Buch zu dem Thema veröffentlicht.
  3. Befristete Verträge: Im Falle einer Schwangerschaft werden befristete Verträge erfahrungsgemäß nicht verlängert  (auch wenn ‚Schwangerschaft‘ dann nicht Teil der offiziellen Begründung ist). Das bedeutet zumindest temporäre Arbeitslosigkeit und, nach der Geburt, erschwerte Arbeitssuche mit einem kleinen Kind. Ausserdem bedeutet es – wenn der Vertrag in der Mitte der Schwangerschaft ausläuft – empflindlich weniger Elterngeld: Monate, in denen Arbeitslosengeld I bezogen wurden, werden nämlich nicht in die Berechnung von Elterngeld einbezogen. Es gäbe ja noch die Möglichkeit, sich für den Rest der Schwangerschaft einen neuen Job zu suchen, aber …:
  4. Probleme, in der Schwangerschaft einen Job zu finden: … es gibt fast nie einen Job, wenn der_die Arbeitgeber von der Schwangerschaft weiß. ‚Probleme‘ ist noch ein sehr beschönigender Ausdruck für diese Situation.
  5. Probleme, als kinderlose Frau im sogenannten ‚gebärfähigen Alter‘ einen Job zu finden: ‚Sie könnte ja schwanger werden‘ (Ein Argument, das berufstätigen Frauen dann auch oft bei Beförderungen im Wege steht). Und wenn die Frau keinen Kinderwunsch hat und das auch öffentlich macht, wird ihr das in vielen Berufen ebenfalls zum Nachteil ausgelegt. Denn sie gilt dann plötzlich umgekehrt als kalt, egoistisch und ganz sicher nicht teamfähig.
  6. Schlechte Chancen, als Mutter eine neuen bezahlten Arbeitsplatz zu finden: Für Frauen von kleinen Kindern ist es oft schon schwer, zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden, geschweige denn, den Job zu bekommen. (Beispielsweise beschreibt ‚Mutterseelenalleinerziehend‘ diese Situation und geht dabei auch auf andere Diskriminierungsformen ein.)
  7. Diskriminierung von berufstätigen Müttern: Arbeitstreffen, die nach 16:00 stattfinden, Termine jenseits der Kita-Betreuungs- oder Schulzeiten, zwanglose After-Work-Drinks, die zu mehr Networking führen sollen, blöde Bemerkungen von Chefs und Chefinnen, usw… Ein Zitat von ‚kiddothekid‘  zu den eigenen, früheren Vorbehalten: „Soll ich mich mal hochoffiziell zum Arsch machen? Ja? Wirklich? Na schön: Ich habe früher wahnsinnig ungern mit Müttern zusammengearbeitet. Sehr, sehr ungern. Ich fand das nämlich, sagen wir mal, kompliziert. Diese Teilzeitgeschichten. Der pünktliche Feierabend mitten am Tag. Das ebenso spontane wie unwiderrufliche Fehlen aufgrund von Kinderkrankheiten, von denen ich im Leben noch nie etwas gehört hatte.“
  8. Die Abwertung von Teilzeit-Berufstätigkeit: In Teilzeit zu arbeiten ist oft die einzige Möglichkeit, Beruf und das Sich-Kümmern-um-kleine-Kinder (oder z.B. alte Menschen) irgendwie unter einen Hut zu bringen. Trotzdem werden gerade Mütter vor der vermeintlichen ‚Teilzeit-Falle‘ gewarnt. Warum? Weil Teilzeit weniger Geld, weniger Aufstiegschancen, weniger Rente und mehr finanzielle Abhängigkeit bedeutet. Und weil man gerade mit diesem Schlagwort die Schuld für diese Probleme Müttern zuschieben kann, die scheinbar naiv in diese ‚Falle‘ getappt sind – anstatt etwa den Blick auf politische Verantwortung zu lenken – auf die schlechte gesellschaftliche Verteilung von Lohnarbeit, auf ungleiche Bezahlung oder das ungerechte Rentensystem.
  9. Die Probleme von alleinerziehenden Müttern: Für diese potenzieren sich viele der oben genannten Punkte um ein vielfaches. Nicht zuletzt deshalb müssen mindestens 30 % der Alleinerziehenden von Hartz IV leben. Sie „sind damit die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe unter den Sozialhilfebezieherinnen. Alleinerziehende Mütter tragen das höchste Armutsrisiko.“
  10. Die Probleme von Müttern mit Kindern, die mehr Bedarf an Betreuung haben: Ebenso potenzieren sich obige Punkte bei Kindern, die eine intensivere Betreuung, Pflege sowie medizinische, psychologische und/oder pädagogische Unterstützung benötigen. Dazu ein Kommentar von Mareice vom Blog ‚Kaiserinnenreich‘: „Überspitzt werden all diese beschriebenen Probleme bei Eltern behinderter Kinder – wo Pflege manchmal 24 Stunden am Tag nötig ist. Und ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die Mutter sie übernimmt.“
  11. Arbeitszeitmodelle: Die Idee, dass Vollzeitarbeit das Maß aller Dinge ist und 40 Stunden (plus 10) bedeutet, ist überholt und mit der Realität von Sorgearbeit nicht vereinbar. Deswegen ist es sinnvoll, politisch zu fördern, dass mehr Männer mit Kindern Teilzeit arbeiten (derzeit sind es 6 % Väter und 69 % Mütter). Ausserdem sind Modelle der verkürzten Vollzeit-Lohnarbeit von 32 Wochenstunden oder die Vier-In-Einem-Perspektive zur Verteilung von Arbeitstätigkeiten für alle Menschen gute Ideen.

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11 Kommentare leave one →
  1. April 30, 2015 11:56 am

    Vielen Dank für diesen wichtigen Text.
    Überspitzt wird all diese beschriebenen Probleme bei Eltern behinderter Kinder – wo Pflege manchmal 24 Stunden am Tag nötig ist. Und ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die Mutter sie übernimmt.
    Es gibt noch viel zu tun – sowohl in den Köpfen der Gesellschaft, als auch in den (bürokratischen) Strukturen.

  2. April 30, 2015 4:21 pm

    Hat dies auf Leben teilsaniert – Private Politics rebloggt und kommentierte:
    Arbeit, grade für uns Frauen nochmal ein spezielles Thema

  3. Nicole permalink
    Mai 1, 2015 1:12 pm

    Ich finde, da fehlen die Frauen in prekären Beschäftigungsvernhältnissen, schlecht verdienende (Schein)selbständige und Minijobberinnen.

  4. Mai 7, 2015 9:29 pm

    Mich würde wirklich Punkt 3 weiter interessieren. Mir selbst wurde im 8. Monat und in der vorletzten Arbeitswoche vor dem Mutterschutz mitgeteilt, dass die bis dahin als Formsache gehandelte Entfristung nun doch nicht geschehen soll und das Gleiche hat meine Freundin erlebt, deren Entfristung bis zum Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft ebenfalls als selbstverständlich galt. Vielleicht sollte man diese Erfahrungen mal sammeln, denn es macht mich wirklich ratlos. Und da es sich ja nicht um Kündigungen handelt, ist der Arbeitgeber halt immer so schön fein raus…

    • Mai 10, 2015 4:12 pm

      Stimmt – ich kenne auch viele Fälle, in denen es „eben so passierte“. Zudem sind fast alle Menschen in meinem Alter (besonders Frauen) in befristeten Arbeitsverhältnissen. Es ist eine gute Idee, die Erfahrungen zu sammeln – auch Studien bzw. Statistiken zu dem Thema würden mich sehr interessieren. ich konnte dazu leider nichts genaueres finden.

  5. pealotte permalink
    Juni 19, 2015 3:54 pm

    …außerdem: Die Schwierigkeit, Beruf/Karriere und jahrelange Eingriffe artifizieller Reproduktionsmedizin, welche unabhängig der Ursachen immer am/im Körper der Frau stattfinden, unter einen Hut zu bekommen.

  6. Cat permalink
    Februar 16, 2016 12:08 pm

    Bin wohl von Punkt 3 und eventuell auch Punkt 6 betroffen :(. Oder, Zitat: „Ohne die Schwangerschaft hätten wir dich in ein festes Redakteursverhältnis übernommen.“ Abgesehen davon, dass die Gehaltsverhandlungen eh u.U. schwierig geworden wären. Der einzige „Fehler“ ist also, einen potenziellen Steuerzahler in die Welt zu setzen. Dabei wollte ich gar keine lange Auszeit nehmen (weil der Vater das Elterngeld bekommt ;). Und aus dem Mutterschutz raus wieder was Neues suchen (bundesweit und keinesfalls befristet)? Wird noch spannend …. LG Cat

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