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Reue

April 7, 2015

‚Vielleicht wirst Du das mal bereuen‘ ist ein Satz, den Frauen oft zu hören bekommen, wenn sie keine Mütter werden wollen. Mit dem argumentativen Druck der angeblichen späten Reue hat sich ja Sarah Diel in ihrem Buch zu gewollter Kinderlosigkeit ausführlich befasst.

Dass dagegen auch die Entscheidung zum Kind bereut werden kann, ist ebenso naheliegend wie tabuisiert. Wohl deswegen stiess ein interessanter Artikel von Esther Goebel über unglückliche Mütter in der SZ auf viel Resonanz. Goebel beschäftigt sich darin mit einer Studie über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Es gab bereits einige gute Reaktionen darauf (hier eine Liste, hier noch eine), am eindrücklichsten fand ich einen Text bei den Phoenix-Frauen zu dem Thema. Ein Ausschnitt:

(…) es gibt Momente, wo ich wutentbrannt “im nächsten Leben keine Kinder” in mich hineinschnaube. Ich habe vollstes Verständnis für meine Freundinnen, die keine Kinder haben. Ich würde nie zu ihnen sagen, dass ich es schade finde, dass sie keine Kinder haben oder dass sie etwas verpasst haben. Ich genieße es, mit ihnen Frauen zu kennen, die mit mir nicht nur über Kinder reden. Manchmal beneide ich sie um ihre Wochenenden und ihre Freizeit. Ich beneide sie darum, dass sie nur sich selbst zu verantworten haben und dass es dadurch auch nicht ganz so bedrohlich ist, wenn mal weniger Geld in der Kasse ist. Ich beneide sie darum, dass sie keine wichtigen Zukunftsentscheidungen für einen anderen Menschen treffen müssen, die sich dann vielleicht als Fehler herausstellen. Ich beneide sie darum, dass sie sich von ihrem Partner trennen können, ohne damit zusätzlich einem unschuldigen Kind das Leben zu verkorksen. Ich beneide sie darum, dass sie sich mit weniger Sorgen und Ängsten herumschlagen müssen. Ich beneide sie darum, dass sie sich nie so sehr am Rande ihrer nervlichen Belastbarkeit erleben müssen.

Ich finde es wichtig, Reue – oder zumindest solche Ambivalenzen – in Bezug zu Mutterschaft stärker zu thematisieren (und dass Reue und Ambivalenz keinesfalls identisch sind, analysiert ‚aufzehenspitzen‚ sehr schlau). Besonders, weil die mit Mutterschaft verbundenen Arbeitsbedingungen und Erwartungen alles andere als ansprechend sind – wie auch folgendes (auf andere Art ambivalentes) Video zu einem vorgetäuschten Vorstellungsgespräch zeigt. Das Video war zum Muttertag. Sein erster Teil zeigt einige Gründe, weshalb sich die Entscheidung, Mutter zu werden, durchaus bereuen lässt. Der zweite Teil ist leider unangenehm affirmativ-kitschig.

Gerade der zweite Teil des Videos zeigt zugleich auch, auf welche Art der Muttermythos Gefühle der Reue oft neutralisiert: An der Stelle, an der man sich anfängt zu fragen, ob sich all diese furchtbaren Anstrengungen denn tatsächlich lohnen, setzt das Narrativ der mütterlichen Opferbereitschaft ein. In all der offensiven Dankbarkeit für soviel Selbstlosigkeit, würde Reue dann wohl doch zu egoistisch scheinen. Vor allem aber taucht eine Mutter selbst in dem Video gar nicht auf – dass eine der job-suchenden Personen selbst bereits Mutter sein könnte, scheint nicht möglich. Dann würde die ganze Geschichte wohl aber auch zu kompliziert. In einem der Blog-Texte fand ich deshalb einen Ausdruck sehr schön: statt regretting motherhood könnte es oft eher regretting the system heissen.

Allerdings keineswegs immer. Denn es gibt sie, die echte Reue, die sich nicht nur auf Momente bezieht und die keine Tür offen lässt: Es gibt Mütter, die bereuen, ihre Kinder bekommen zu haben. Und zwar unabhängig von jedwelchem System.

4 Kommentare leave one →
  1. April 18, 2015 12:37 am

    Sehr guter Artikel. Zwischen dem das mich das Video klaro berührt stelle ich mir auch die Frage ob uns die richtigen motivatoren leiten oder nur der Erwartungsdruck. Man sollte nur Mutter sein wenn man das will, und fremde Entscheidungen sollten stets respektiert und nie abgelehnt werden. Vorausgesetzt sie tun keinem weh.

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