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Text zu Mutterschaft – Sammelband: Feminismen heute: Positionen in Theorie und Praxis

Januar 13, 2015

Kürzlich ist der tolle Sammelband Feminismen heute: Positionen in Theorie und Praxis erschienen, den Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter und Dagmar Venohr herausgegeben haben. Das Buch versucht, aktuelle feministische Themen in ihrer ganzen Bandbreite abzubilden und schliesst theoretische Ansätze ebenso ein wie verschiedene Aktionsformen und Themenfelder. Zu den Autorinnen gehören illustre Menschen wie zum Beispiel Gisela Notz, Maureen Maisha Eggers, Frigga Haug, Nadia Shehadeh, Sonja Eismann, Maria Wersig, Bernadette LaHengst und Sookee.

Um so mehr freue ich mich, dass ein Beitrag auch von mir kommt. Ich poste hier zwei Teile meines Textes: Erstens das Abstract zur Übersicht. Und zweitens den Schlussteil, in dem ich mich mit Bloggen beschäftige und den Fragen, die mich dabei so begleiten:

Verunsicherungsmaschinen: Anmerkungen zu feministischer Mutterschaft

Abstract: Um die weitgehende Absenz von Mutterschaft in aktuellen queerfeministischen Ansätzen zu verstehen, wird zunächst die Geschichte von Mutteridealen im Verhältnis zu feministischen Positionierungen rekapituliert. Danach geht es um mögliche Gründe für das heute verbreitete feministische Desinteresse an mütterrelevanten Themen. Abschließend wird das Blog fuckermothers, das sich mit feministischen Perspektiven auf Mutterschaft beschäftigt, vorgestellt.

(…)

Das Blog fuckermothers

Das ist die Konstellation, innerhalb derer ich mich als Feministin zunehmend mit Mutterschaft zu beschäftigen begann und deswegen das Blog fuckermothers gründete. Hierbei bilden primär queere Perspektiven den Ausgangspunkt. Denn erstens ermöglichen sie eine De-Naturalisierung von Mutterschaft. Dadurch wird der Begriff der Mutter nicht mehr durch ein vermeintlich biologisches Geschlecht fixiert, sondern kann über (Sorge-)Tätigkeiten und/oder kulturelle Zuschreibungen, zu denen etwa das Mutterideal gehört, definiert werden. Zweitens lässt sich mit intersektionalen Ansätzen verstehen, dass Mutterschaft keineswegs eine homogenisierende weibliche Erfahrung ist. Während bestimmte Formen von Mutterschaft sozial erwünscht und privilegiert sind – etwa die von gut ausgebildeten, mit ökonomischen wie kulturellen Kapital ausgestatteten, able-bodied, Weißen, cis-Frauen, die ca. zwischen 25 und 35 Jahren Kinder bekommen und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung leben – werden andere Formen diskriminiert: zu junge oder zu alte Mütter etwa, zu arme oder zu ‚behinderte’ Mütter, Mütter ohne deutschen Pass, lesbische, queere oder Trans-Mütter. Die Bezeichnung meines Blogs mit fuckermothers orientiert sich an der queeren Idee der Aneignung von Abwertung. Sie bildet den Gegenentwurf zur Beleidigung Motherfucker, die ebenso an das alte Ideal der keuschen Mutter anschließt wie an die Konstruktion der Frau als passives Sexualobjekt. In dem Rahmen fungiert der Begriff der fuckermothers als utopische Figur, als imaginärer Raum für Subversion und als Angebot für reale Mütter, die jenseits hegemonialer Mythen leben.

Unter diesen Vorbedingungen geht es jedoch auch darum, an Analysen von Mutterschaft aus den Frauenbewegungen der 1970er anzuknüpfen, insbesondere in Bezug auf Arbeit und materielle Ungleichheit. Dabei soll weniger ein kohärentes theoretisches Gerüst geschaffen werden, sondern die Heterogenität und die Widersprüche, die sich aus den verschiedenen Perspektiven ergeben, in ein Spannungsverhältnis geraten. In den letzten Jahren gab es zunehmend Versuche, marxistisch orientierte und postmoderne Feminismen zu kombinieren – die Analyse von (Re-)Produktionsarbeit mit Dekonstruktion und Identitätskritik mit Ökonomiekritik zu verbinden (vgl. Federici 2013; Rudolf et al. 2013; Woltersdorff 2008). So wichtig diese Ansätze auch als Orientierungspunkte sind, so wenig lässt sich mein Blog einer dieser Richtungen zuordnen, sondern bleibt bestenfalls eine provisorische Versuchsanordnung, die verunsichern statt stabiles Wissen produzieren soll.

Trotzdem ergeben sich auch unter einer solch losen Zielvorgabe Probleme. Die erste Schwierigkeit ist sehr pragmatisch und wenig überraschend, da sie wohl viele Mütter betrifft: der Mangel an Zeit und Ressourcen. Die Wahl von Bloggen als Form des politischen Aktivismus ist als Reaktion darauf zu verstehen. Treffen in politischen Gruppen, Vorträge und Workshops erfordern meist regelmäßige Teilnahme zu festen Terminen. Sie finden abends und am Wochenende statt – also zu Zeiten, in denen Kitas und Schulen geschlossen sind und zudem der einzige Raum für die ohnehin knapp bemessene Familienbegegnung oder Freundschaftspflege ist. Bloggen ist zwar keinesfalls eine Befreiung von Druck, ist es doch gerade wegen seiner Flexibilität ein Medium der Beschleunigung, das zeitnahes Reagieren auf Phänomene verlangt. Trotzdem lässt es sich besser als andere Aktivismusformen an eigene Rhythmen anpassen und ermöglicht zugleich soziale Vernetzung. Wohl auch aus diesem Grund sind Blogs gerade unter Müttern äußerst verbreitet, ebenso wie unter Feminist_innen. Dennoch gab es im April 2011, als fuckermothers entstand, kaum deutschsprachige Blogs, die beide Themen verbanden. Mittlerweile hat sich das Spektrum erweitert. (…). Dabei wiederholt sich teilweise, was sich bereits in der zweiten Frauenbewegung zeigte: Wie bei fuckermothers auch haben viele dieser Autor_innen einen akademischen Hintergrund und sind entsprechend relativ privilegiert.

Dies führt zu weiteren Problemen, nämlich welche feministischen Positionen und was für politische Ziele mit Mutterschaft verknüpft werden sollen. Schließlich muss in einer Versuchsanordnung, so provisorisch sie sein mag, eine gewisse Auswahl getroffen werden. Diese Selektion gelingt nicht immer. Dann kollidieren verschiedene feministische Ansprüche ebenso wie konkurrierende und zeitgleich existierende Mutterbilder, gegen die es sich abzugrenzen gilt. Oft treten jedoch gerade im Misslingen bestimmte Fragen und Konfliktlinien deutlicher hervor.

Top Moms versus fuckermothers und andere Widersprüche

Das betrifft erstens das Spannungsverhältnis (neo-)liberaler Feminismen und intersektionaler Ansätze. Lassen sich beispielsweise Punkte wie Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit, das Karrierehindernis der gläsernen Decke oder die Frauenquote adressieren, ohne dadurch einen „Elitefeminismus“ (Mertlitsch 2013: 1) zu unterstützen? Auf welche Weise lassen sich intersektionale Positionen mitdenken und Ausschlüsse thematisieren? Kann man ebenso für die Mutter eintreten, der aufgrund sexistischer Personalpolitik berufliche Aufstiegschancen verwehrt werden, wie für die Mutter, die mit ihren Kindern abgeschoben werden soll oder die queere Mutter, deren Mutterschaft im Rechtssystem gar nicht als solche anerkannt wird? Wie lässt sich die von vielen Müttern gefühlte Zuneigung zu ihren Kindern thematisieren, zugleich aber auch für die Mütter eintreten, die sich für ein Leben getrennt von ihren Kindern entschieden haben und dadurch mit gesellschaftlichen Schuldzuweisungen konfrontiert sind? Auf welche Weise ist Solidarität möglich, wie lassen sich eigene Privilegien reflektieren ohne eine narzisstische Nabelschau zu betreiben, wie lassen sich marginalisierte Positionierungen aufzeigen ohne paternalistisch zu bevormunden?

Daran angeschlossen ist die Frage der Bewertung von Sorge-Arbeit und Erwerbsarbeit in Verbindung mit Kapitalismuskritik. Wie lässt sich der Imperativ der Karriere und das Ideal der Erwerbsarbeit problematisieren, ohne dabei das Narrativ der Rabenmutter zu stützen, das voll berufstätige Mütter stigmatisiert? Und wie lässt sich umgekehrt das alte Ideal der Hausfrau und Mutter, das von konservativen Kreisen weiter vertreten wird, angreifen, ohne Berufstätigkeit überzubewerten und dadurch das Bild der Top Mom zu stabilisieren? Ist es tatsächlich besser, im Niedriglohnsektor ausgebeutet zu werden oder als Manager_in humane Ressourcen zu organisieren, als sich um Kinder zu kümmern? Wie lässt sich die so oft abgewertete und gering geschätzte Sorge- und Hausarbeit Wert schätzen, ohne sie dadurch als Liebesarbeit zu idealisieren? Braucht es eine „Care –Revolution“ (Winkler 2011: 45), bieten Modelle wie die Vier-In-Einem-Perspektive (vgl. Haug 2008) oder die auf 32 Wochenstunde reduzierte Vollzeitarbeit (vgl. Allmendinger/Woellert 2014) mögliche Auswege – oder müssen wir auf die Abschaffung des Kapitalismus warten?

Der dritte Punkt betrifft die Frage des Geschlechtskörpers und die Strategie der De-Essentialisierung. Auf welche Weise kann mit vermeintlich natürlichen Akteuren wie Hormonen, Gebärmüttern und Muttermilch umgegangen werden? Wie lässt sich eine neue Medizinkritik formulieren, die Vorsorgeuntersuchungen und Pränataldiagnostik problematisiert ohne dabei in bloße Technikfeindlichkeit oder Romantizismen zu verfallen? Auf welche Weise kann man solidarisch mit Hebammen sein, deren wichtige Arbeit eklatant unterbezahlt ist – zugleich aber ihren oft essentialisierenden Begriff von Weiblichkeit kritisieren? Wie lässt sich die Erfahrung von Schwangerschaft fassen, ohne das Narrativ der biologischen Familie zu stabilisieren und nicht-leibliche Mutterschaft zu prekarisieren? Ist es überhaupt möglich, den Begriff Mutter von fixen Identitätskategorien und Naturalisierungen zu lösen? Wäre die Bezeichnung Eltern (vgl. Eismann, 2013) hierfür nicht doch die bessere, geschlechtsneutralere Variante?

Diese Konfliktlinien begleiten fuckermothers seit seinem Bestehen. Auf einige der Fragen gab die Arbeit am Blog zumindest provisorische Antworten, die wiederum jedoch neue Fragen aufwarfen. In erster Linie erweist sich somit mein Blog fuckermothers als Maschine der konstruktiven Verunsicherung, die das manchmal paradoxe Ziel verfolgt, Mutterschaft wieder stärker ins Zentrum feministischer Debatten zu rücken. Diese Maschine will die Mutter gerade nicht als feste Gestalt re-installieren, sondern primär das vorherrschende Mutterbild zur Diskussion stellen, um für seine faktische Pluralität eine stärkere Solidarisierung zu erreichen.

(2014). Verunsicherungsmaschinen: Zum Verhältnis von Feminismus und Mutterschaft. In Y. Franke, K. Mozygemba, K. Pöge, B. Ritter & D. Vernohr (Eds.), Feminismen heute: Positionen in Theorie und Praxis (pp. 155-168). Bielefeld: Transcript.

(Ich hoffe diese Ausschnitte machen in der Kombination beim Lesen Sinn. Wenn nicht, sei hier die Lektüre des vollständigen Textes im Buch nahegelegt sowie eine nachdrückliche Kaufempfehlung desselben ausgesprochen.)

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