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‚Wie entsteht ein Baby?‘ – Buchempfehlung

Dezember 7, 2014

Anfangs war ich skeptisch. Denn wenn ein Buch auf seinem Cover verspricht, ein „Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind“ zu sein, ist das zwar sehr löblich, aber irgendwie auch ziemlich größenwahnsinnig. Und wenn es dann noch kleine Kinder im Alter von zwei einhalb bis ca. sechs Jahre über Reproduktion aufklären möchte, multipliziert sich die Anzahl der möglichen Fallstricke um mindestens hundert.

(Bild: Mabuse Verlag)

(Bild: Mabuse Verlag)

Soviel vorne weg: Das Buch ist schon allein deswegen nicht für jede Art von Familie, weil das unmöglich ist. Trotzdem ist es für enorm viele Familien und umgeht bewundernswert zahlreiche Fallstricke. Die Geschichte des Bilderbuchs erklärt kurz Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt. Danach geht es darum, wie ein Baby in der Welt ankommt und dass da Menschen sind, die es willkommen heissen, sich kümmern und sich freuen, dass es da ist. Mittlerweile habe ich das Buch ausgesprochen oft meiner Tochter vorgelesen, einmal verschenkt, mit meiner Schwester und einigen Freund_innen darüber gesprochen und es in einem Seminar von Studierenden diskutieren lassen. Die Reaktionen sind oft gemischt, um nicht zu sagen: polarisierend. Was wohl am meisten polarisiert, ist, dass

bei der Darstellung von körperlichen Reproduktionsorgangen vollkommen auf alle Zuweisungen von Geschlecht verzichtet wird („Nicht alle Menschen haben Eizellen in sich. Manche ja, manche nein.“) Ich finde diese Entscheidung konsequent und begrüssenswert. Hierbei ist ausserdem zu beachten, dass das Buch Geschlechter später, wenn es um gesellschaftliches Leben geht, durchaus darstellt. Geschlecht erscheint nur eben nicht immer als eindeutig, zwangsläufig und als biologisch determiniert. Ebenso wie Elternschaft nicht zwangsläufig Folge biologischer Verwandtschaft ist.

(Foto: Fuckermothers)

(Foto: Fuckermothers)

Was ausserdem manche Leser_innen irritiert hat, ist, dass in der Darstellung vollkommen auf das Thema Sexualität verzichtet wird – die zentralen Protagonisten der Zeugung sind Eizelle und Spermium. Eine lange Erklärung dazu ebenso wie eine pdf mit Vorschlägen zur Sexualaufklärung findet sich auf der Homepage der Verfasser_innen. Weitere häufige Themen bei den Kommentaren waren die sehr bunten Farben (Eine Freundin meinte „super“, Schwester: „echt zuviel“, Studierende „voll grell und psychedelisch“) sowie die gleichberechtigte Darstellung einer vaginalen Geburt und einer Kaiserschnittgeburt (Freundin mit Kaiserschnitt: „sehr gut“). Der kurioseste Kommentar kam von meiner Tochter, die aus irgendeinem Grund davon überzeugt ist, dass sie selbst die Spermazelle und ihre Babysitterin die Eizelle ist, die tanzen (Die Tagline „Manche ja, manche nein“ hat sie allerdings schon verinnerlicht). Der für mich bei weitem am ärgerlichste Kommentar hatte etwas mit Geschimpfe über „gewollte political correctness“ zu tun. Nun ja. Ein zusätzliches Gimmick: diejenigen, die sich an den Aufsatz „the egg and the sperm“ von Emily Martin erinnern und sich über unsachgemäße (und nicht-biologische) Repräsentationen von Befruchtungen ärgern, können sich in diesem Fall freuen. Ich mag das Buch mittlerweile sehr gerne. Und gerade die letzte Seite rührt mich an manchen Tagen ein bisschen zu Tränen. Weil es da um Leben und Liebe geht, um In-die-Welt-geworfen-werden, um Aufgehoben-sein und um Angenommen-Werden. Und das ist tatsächlich etwas, was alle Menschen betrifft. Zumindest im besten Falle. https://www.youtube.com/watch?v=s8mDoCyWYSU#t=16 — Silverberg, C., & Smyth, F. (2014). Wie entsteht ein Baby? Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag. Martin, E. (1991). The egg and the sperm: How science has constructed a romance based on stereotypical male-female roles. Signs, 16(3), 485-501.

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5 Kommentare leave one →
  1. Dezember 7, 2014 7:28 pm

    Danke für die Rezension, das klingt alles schön und interessant. Jedoch:

    „Danach geht es darum, wie ein Babys in der Welt ankommt und dass da immer Menschen sind, die es willkommen heissen und sich freuen, dass es da ist.“ Letzteres ist doch aber keinesweges immer der Fall, oder?

    • Goiko permalink
      Dezember 8, 2014 10:41 am

      “ … “
      ist das aber ein Thema das 2-6-jährigen zugemutet werden kann?

    • Dezember 9, 2014 12:28 pm

      Ich denke auch, dass es keinewegs immer der Fall ist, das habe ich missverständlich formuliert (das „immer“ hab ich nun auch gelöscht). Aber tatsächlich geht in dem Buch nicht um diejenigen Kinder, bei denen sich niemand freut, dass sie da sind. Ich schätze auch, dass die Autor_innen das nicht unbedingt kleinen Kinder in diesem narrativen Rahmen erzählen wollten.

  2. Dezember 8, 2014 8:27 pm

    Hallo,

    ich hab deine sehr gelungene Rezension direkt in einem Post verlinkt (http://bistduetwaeinmaedchen.blogspot.de/), bitte schau doch mal, ob es dir so recht ist, sonst ändere ich gern noch was an der Zitation.

    Für Goiko: ob das Thema gerade in die Lebenswelt eines Kindes passt, muss bestimmt von Fall zu Fall entschieden werden. Ich versuche mich immer daran zu orientieren, mit welchen Fragen meine Kinder zu mir kommen. Als ich 2012 mit meinem zweiten Kind schwanger war, fragte mein sehr interessierter damals Vier-jähriger sehr bald danach, wie das Baby in meinen Bauch gekommen war. Das hier vorgestellte Buch finde ich gerade deshalb so gelungen, weil es erstmal die wichtigsten biologischen Fakten liefert – und damit Raum für Nachfragen schafft – falls das Kind mit der Antwort nicht bereits vollkommen zufrieden ist. (Meins hält nix von langen Vorträgen, sondern unterbricht mich dann gerne mit den Worten: ‚Mama, nich so viel erzählen‘).

  3. Dezember 31, 2014 9:52 am

    sehr interessanter Blogtitel ist das

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