Skip to content

Schlechte Kitas, schlechte Bezahlung

September 3, 2014

Es ist ziemlich einleuchtend, dass es anstrengend ist, sich um mehrere Kleinkinder gleichzeitig zu kümmern. Noch schwerer ist es, wenn man nicht nur für das Wickeln, das Füttern und den Mittagsschlaf sorgen soll, sondern auch für kindgerechte Förderung und ausreichende emotionale Nähe. Schon lange habe ich mich gefragt, wie es die Erzieherin in unserer Kita schafft, sich allein um sieben Kinder unter drei Jahren zu kümmern (plus einer manchmal anwesenden aber oft kranken 16-jährigen Praktikantin). Ich befürchte, dass in solch einer Situation auch die bestausgebildetste und motivierteste Erzieherin überfordert ist.

Leider kommt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu diesem Ergebnis. Sie „empfiehlt, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich ist.“ Zudem schlägt sie ein bundesweites Kita-Gesetz vor, um die in den Bundesländern sehr unterschiedliche Betreuungssituation gerechter zu machen: „Von angemessenen Betreuungsverhältnissen in ihren Kitas sind die Bundesländer nach wie vor unterschiedlich weit entfernt. Auffällig ist vor allem das Ost-West-Gefälle: Während in den ostdeutschen Krippen sich eine Erzieherin um durchschnittlich 6,3 Kinder kümmern muss, kommen im Westen 3,8 Kinder auf eine Erzieherin.“

In einem Gastbeitrag in der Zeit kritisiert die Berliner Kita-Leiterin Ute Günzel die mangelhafte Förderung von Kindergärten und kritisiert auch die schlechte Bezahlung von Erzieher_innen:

Die Aufgaben sind so vielschichtig, wie ausreichende Anerkennung, Entlohnung und gute bezahlbare Weiterbildungen rar sind. Ich kenne kaum eine Kollegin, einen Kollegen, der nicht außerhalb der Arbeitszeit noch vielfältige Aufgaben für „ihre“ oder „seine“ Kinder erledigt.

Ach ja, die Bezahlung: Erzieherinnen mit zehn Jahren Berufserfahrungen verdienen mit einer Vollzeitstelle (38-Stunden-Woche) und mittlerer Betriebsgröße in Westdeutschland durchschnittlich 2.394 Euro brutto. Unter gleichen Bedingungen bekommen Sozialarbeiterinnen 399 Euro und Lehrerinnen sogar 1.345 Euro mehr Gehalt, berichtet die Fachseite Die Erzieherin.

Der Grund für die schlechte Bezahlung ist wohl nicht nur die irrige Vorstellung, dass sich jede(r) um Kleinkinder kümmern könnte und es sich somit nicht um „qualifizierte Arbeit“ handelt. Sondern der Grund ist auch, dass „Erzieherin“  als traditioneller Frauenberuf gilt und Frauen – so das Klischee – gelten eben nicht als die Haupternäherinnen ihrer Familie, allenfalls verdienen sie ein bisschen „dazu“. Deswegen ist die Forderung nach höheren Löhnen für Erzieher_innen auch ein feministisches Anliegen.

3 Kommentare leave one →
  1. September 4, 2014 8:52 am

    Nicht nur ein feministisches Anliegen, sondern es sollte für alle Eltern höchste Priorität haben, dass ihre Kinder tagsüber von hoch qualifizierten und motivierten Menschen betreut werden.
    Oder behaupten betreuende Elternteile ernsthaft, ihre Arbeit sei nichts oder nur so wenig wert?

  2. nevermore permalink
    September 4, 2014 3:11 pm

    Hast du dich schonmal mit der Wertabspaltungskritik von Roswitha Scholz auseinandergesetzt?

    Der Grund dafür, dass die Arbeit von ErzieherInnen so schlecht bezahlt wird, ist, dass sie reproduktive Arbeit betreiben. Und reproduktive Arbeit wird im Kapitalismus nicht als erstrebenswert erachtet, oder nur gering bis gar nicht bezahlt. Und das darunter alle Arbeit fallen, die einst mal als „weiblich“ galten ist kein Zufall, sondern hängt damit zusammen, dass der Kapitalismus ein vollkommen patriarchalisches System ist.

    Trotzdem ist Reformismus imho ein guter Weg diese Zustände zu ändern,es muss ja nicht immer die kommunistische Revolution sein!

  3. September 11, 2014 7:10 am

    Seit wir im Ausland leben, ist mir erst wirklich klar geworden, wie knausrig wir Deutschen sind, wenn es umn Betreuung und BIidung unserer Kinder geht. Ständig empört man sich in Deutschland darüber, dass Krippen- und Kitaplätze „unbezahlbar“ sind. Dieses Argument ist für mich durchaus nachvollziehbar, wenn es von Familien vorgebracht wird, die am Existenzminimum leben (müssen). Leider beklagen sich aber auch Familien, deren Budget deutlich höher ist. Wir wollen moderne Einrichtungen und intensive Betreuung durch motiviertes, gut ausgebildetes Personal. Warum viele Familien trotzdem bereit sind, monatlich mehr Geld in ein Auto zu investieren, als in den Nachwuchs bleibt mir ein Rätsel.
    Wenn es um schlechte Betreuungspolitik in Deutschland geht, wird in meinen Augen der Staat viel zu sehr als Sündenbock in den Fokus gerückt.
    Die Frage ist doch, warum selbst wir Eltern (die eigentlich wissen sollten, mit welcher Verantwortung und Arbeit „Erziehung“ verbunden ist) diesen Tätigkeiten mit so wenig Wertschätzung begegnen und es als Selbstverständlichkeit und unser Recht betrachten, dass sich fremde Menschen aufopferungsvoll am besten umsonst um unsere Kinder kümmern.
    In vielen Ländern investieren Familien (gerne!) ein Viertel oder sogar die Hälfte ihres gesamten monatlichen Einkommens in die gute Betreuung ihrer Kinder.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: