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Reproduktionstechnologien im Kapitalismus

August 6, 2014

Collage: Fuckermothers

Reproduktionstechnologien sind in feministischen Debatten häufig umstritten. Viele wichtige Vertreterinnen lehnen Technologien mehr oder weniger ab, da sie diese als Enteignung des weiblichen Körpers betrachten. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun erklärt beispielsweise, dass die Technologien dazu führten, dass der Uterus – metaphorisch – dorthin komme, wo der Logos ihn immer haben wollte, nämlich in den Kopf des Mannes. Die Soziologin Katz-Rothman kritisiert, dass Technologien eine funktionalistische Logik von Leben durchsetzen und dazu führen, dass der weibliche Körper nur noch als Maschine betrachtet wird. Ähnlich analysiert auch die Historikerin Barbara Duden, dass  der Körper der Frau durch Technologien nur noch als Umgebung eines schützenswerten Fetus erscheint und die Subjektivität der Schwangeren dahinter vollkommen verschwindet. So sehr ich diese Theoretikerinnen schätze, so problematisch finde ich diese Sichtweise auf Technologie: Zum einen gehen die Ansätze von einem körperlichen Dualismus Mann-Frau aus und nehmen an, dass einen reinen, essenziellen und natürlichen weiblichen Körper gibt. Zum anderen unterschätzen Sie das Potential von Technologien, zur Erweiterung von individueller Handlungsmacht genutzt zu werden und die vermeintlich strengen Grenzen von Geschlecht und Elternschaft zu durchkreuzen.

Zugleich bedeutet das im Umkehrschluss selbstverständlich nicht, dass Reproduktionstechnologien automatisch emanzipatorisch und toll und abfeiernswert sind. Denn – wie alle Dinge – hängen sie stark vom Kontext ab, in dem sie genutzt werden. Und in Zusammenhängen, in denen Mutterschaft traditionell gedacht wird und ein vermeintlich ungeborenes Leben von dem von schwangeren Menschen abgetrennt und über dieses gestellt wird, ist es mit den Freiheitsgraden dieser Technologien nicht so weit her. Ähnlich ist es in kapitalistischen Kontexten, in dem eine starke ökonomische Ungleichheit zwischen Menschen besteht, so dass einige ihre Reproduktionskraft auf dem Markt anbieten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Oder in dem Kinder als optimierenswerte Produkte betrachtet werden, die bestimmten Normen von Gesundheit und Leistung entsprechen sollen.

Erinnert an diese negativen Aspekte von Reproduktionstechnologien im Kapitalismus hat mich der Fall des Babies. Eine Kurzzusammenfassung des Falles aus der Süddeutschen Zeitung (In derselben Zeitung gibt Anna Günther noch einen guten Überblick zu Leihmutterschaft):

„Pattharamon Janbua und ihr Mann haben Schulden, als das Angebot aus Australien kommt. Etwa 8000 Euro soll die 21-Jährige dafür bekommen, sich die befruchteten Eizellen einer ihr unbekannten Frau einsetzen zu lassen und neun Monate später ein Kind auf die Welt zu bringen. (…) Leihmutterschaft ist in Thailand zwar nicht gesellschaftlich anerkannt, aber toleriert. Im dritten Monat ihrer Schwangerschaft erfährt Pattharamon Jubua, dass Zwillinge in ihrem Bauch heranwachsen. (…) Im vierten Monat entdecken die Ärzte bei einer Routinekontrolle, dass einer der beiden Zwillinge das Down-Syndrom hat. Sie informieren das Paar, das in Australien auf seine Kinder wartet. Statt ein behindertes Kind zu bekommen, wollen sie lieber gar keines. Sie verlangen eine Abtreibung. Pattharamon Jubua ist Buddhistin, eine Abtreibung gilt in ihrem Glauben als Sünde. Im Dezember 2013 kommen die Zwillinge auf die Welt. Nach der Geburt übergibt der Agent, der das Geschäft vermittelt hat, das gesunde Mädchen an das australische Paar. Den Jungen lässt er zurück.“

Bei diesem Fall handelt es sich selbstverständlich um ein Extrem und um einen ‚medialen Aufreger‘, bei dem die Berichterstattung selbst schon Geld wert ist. Zudem sind die Narrative über Baby Gammy ebenfalls nicht frei von problematischen Klischees und Mutteridealen. Leihmütter sind keine passiven Opfer, sondern leisten Reproduktionsarbeit – eine Arbeit, die aber in einer marktförmig organisierten Reproduktionsindustrie stattfindet, in der sie nicht ausreichend gesichert, gewürdigt und entlohnt wird. Nicht die Technologien oder (mit Donna Harway) die Cyborgs sind das Problem, sondern ökonomische Abhängigkeit und die ungleichen Machtverhältnisse.

Duden, B. (1993). Disembodying women: perspectives on pregnancy and the unborn. Cambridge, MA: Harvard University Press.

von Braun, C. (1990). Nicht Ich. Logik Lüge Libido (3 ed.). Frankfurt am Main: Neue Kritik.

Katz Rothman, B. (1989). Recreating Motherhood: Ideology and technology in a patriarchal society. New York: W.W. Norton & Company.

One Comment leave one →
  1. August 14, 2014 11:25 pm

    Ich bin immer dankbar auf reflektierte Beiträge zu diesem Thema zu stoßen. Daher danke dafür. Finde ich kurz und knapp ein sehr weites Thema sehr gut auf den Punkt gebracht !
    Insbesondere auch ! danke für die (viel zu seltene) kritische Betrachtungsweise feministischer Repro-Tech-Schelte.
    Dazu möchte ich gerne noch ergänzen, dass es wohl mehr als gründlich zu hinterfragen ist, wenn insbesondere kinderhabende Feministinnen sich in der Theorie über die vermeintliche Enteignung des weiblichen Körpers etc. ergehen und medizinische Möglichkeiten, die vielen, wenn auch lang nicht allen Frauen😉 zum Wunschkind vehelfen, einfach mal pauschal verurteilen.
    Realiter gehen sie damit an der Lebensrealität ihrer kinderwünschenden Geschlechtsgenossinnen kilometerweit vorbei. Tja….mit voller Buxe lässt sich leicht stänkern – und die normative Deutungsmacht der elterlichen Mehrheitsgesellschaft ist auch längst nicht jeder kinderhabenden Feministin bewusst. Die ein oder andere hüllt sich da auch ganz gerne in das Pelzmäntelchen ihrer Privilegien – und merkt es nicht mal. Immer wieder interessant🙂 Lieben Gruß, Isa

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