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6 % versus 69 %: Väter und Mütter in Teilzeit

August 2, 2014

Zurück aus der Sommerpause wirken einige Nachrichten, als wäre die Zeit sowieso nicht vergangen. Denn zumindest in Hinblick auf die Beteiligung von Männern an Pflege- und Familienarbeit scheint die Zeit still zu stehen. Das bestätigte einmal wieder der neue Datenreport über die Lebenssituation von Männern und Frauen in Deutschland, der vom Statistischen Bundesamt kommt. Über ihn berichtet Tina Groll in der ‚Zeit‘ und stellt fest: ‚Vereinbarkeit bleibt Frauensache‚. In dem Text ist unter anderem zu erfahren: „Insgesamt haben nur 6 Prozent der Männer mit minderjährigen Kindern einen Teilzeitjob; dagegen sind es 69 Prozent der Frauen mit Kindern unter 18 Jahren.“ Das bedeutet, dass Mütter nicht doppelt so oft, nicht dreimal so oft, sondern mehr als ELF mal so oft wie Väter in Teilzeit erwerbstätig sind. Von den wenigen Vätern, die in Teilzeit arbeiten, geben – im Gegensatz zu den Müttern – die meisten an, dass sie das nicht für die Kinderbetreuung sondern aus anderen Gründen zu tun. Zudem gehört die Personengruppe der Männer in Teilzeit zu derjenigen, die am wenigsten Stress empfindet.

Das Problem ist sicherlich nicht Berufstätigkeit in Teilzeit an sich – sondern die Konsequenzen, sie sich in unserer Gesellschaft daraus ergeben: weniger Einkommen, ökonomische Abhängigkeit und geringe berufliche Aufstiegschancen. Und davon sind meist Mütter betroffen.

Bleibt die Frage, wie auf diese Ungerechtigkeit zu reagieren ist. Falsch ist – was ja leider so häufig passiert – den Frauen selbst die Schuld zu geben. ‚Frauen hängen zu sehr an den Kindern‘, ‚Frauen fallen immer noch auf das alte Mutterideal herein‘, ‚Sie tappen in die Teilzeit-Falle‘ und ‚Mütter wollen den Vätern keine Aufgaben abgeben‘ heisst es dann oft. Diese Argumentationen sind aus mindestens zwei Gründen Unsinn:

  1. In diesen Argumentationen wirkt es erstens, als sei die Wahl der Teilzeit nur eine individuelle, etwas irrationale Entscheidung einzelner Frauen – und als gäbe es keine politischen Strukturen und notwendigen Gegebenheiten, die sie mit bedingen. Zum einen fördert etwa die deutsche Gesetzgebung das Vollzeit-Teilzeit-Modell, schließlich wirft das Ehegattensplitting gerade in der Kombination Vollzeit/ Teilzeit das meiste Geld ab. Zum anderen brauchen Kinder, je nach Alter, feste erwachsene Bezugspersonen, die sich um sie kümmern. Es sollte mindestens eine Person geben, die ein Kind pflegt, wenn es krank wird, es von der Kita abholt, in der Schule bei den Hausaufgaben hilft, mit ihm redet, Mahlzeiten koch und Einkäufe erledigt. All das lässt sich aber kaum erfüllen, wenn alle Eltern mindestens 40 Stunden in der Woche arbeiten. Auch wenn eine Person (vermeintlich ’nur‘) Teilzeit arbeitet, kommt sie mit all diesen unbezahlten Pflege und Sorge-Tätigkeiten auf eine Arbeitszeit von weit über 40 Wochenstunden. Nicht zufällig empfinden Frauen im Schnitt mehr Stress als Männer und alleinerziehende Mütter sind diejenigen, die am stärksten von negativem Stress betroffen sind – und keinesfalls Top-Manager, die ja landläufig als die Gestressten gelten.  
  2. Zweitens scheint es in solchen Argumenten so, als die die Altersarmut logische Folge von Teilzeitarbeit. Wer 30 Stunden in der Woche arbeitet, so scheint es, muss automatisch mit einem geringen Einkommen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen rechnen, denn die vermeintliche Norm sind schließlich mindestens 40 Stunden. Doch Arbeitszeitmodelle und Einkommensstrukturen sind keine Naturgesetze sondern Folge gesellschaftlicher Aushandlungen. Es ist möglich, die Löhne für Teilzeitarbeit zu erhöhen. Es ist möglich, ein Rentensystem zu schaffen, in dem Berufstätigkeit in Teilzeit (oder ausschließliche Sorgearbeit) nicht automatisch weniger Alterssicherung bedeutet. Ebenso ist möglich, den Standard einer Vollzeitbeschäftigung für alle Menschen auf z.B. 32 Wochenstunden zu senken – so dass eine egalitäre Aufteilung von Familienarbeit und Pflegetätigkeiten möglich ist. „Wir müssen die Arbeit umverteilen“ sagt nicht nur der Soziologe Richard Sennett. Es gibt viele Möglichkeiten und Vorschläge, wie solch eine Umverteilung aussehen kann. Sie werden nur nicht umgesetzt.

Das Problem ist also nicht nur die Geringschätzung, die Care-Tätigkeiten und Pflegearbeit entgegen gebracht wird, indem sie gar nicht oder nicht ausreichend bezahlt werden und als minderwertig gelten. Sondern das Problem ist auch die Abwertung von Teilzeit und das Festhalten am Ideal der 40-Stunden-Woche. Deswegen gehört der Satz ‚Oh, Sie wollen nur in Teilzeit arbeiten‘ sicherlich auch zu den „Dingen, die working moms nicht hören wollen„.

2 Kommentare leave one →
  1. August 5, 2014 8:16 pm

    Ich sehe hier auch einen Grund warum Frauen öfter von Depressionen betroffen sind.

Trackbacks

  1. (mindestens) 10 Gründe, warum Arbeit ein wichtiges Thema für feministische Perspektiven auf Elternschaft ist | fuckermothers

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