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trans*parent

Juni 1, 2014

ich bin trans*parent.

ich bin trans* und elternteil (parent) für mein kind – trans*parent

ich habe das bedürfnis über mich zu schreiben, weil ich selber keine menschen mit ähnlichen lebensumständen kenne.

wenn ich mich skizzieren würde, läge der fokus gerade auf meinem selbstfindungsprozess im zusammenhang mit meiner geschlechtsidentität, meinem körper und meiner verortung in meiner eltern-kind- und freund_innen-beziehungen. ein kompliziertes bild.

definiere ich mich nun als transgender_genderqueer? ich will mich nicht festlegen, vor allem nicht für immer und ewig – weshalb ich mich u.a. bisher (das wird sich in zukunft ändern) auch nur in einem sehr kleinen kreis „geoutet“ habe; aber auch aus der angst für immer mit diesem label und den entsprechenden klischees in den köpfen meines umfeld versehen zu werden. diese angst macht mir aber auch in bezug auf die menschen, denen ich mich bisher gegenüber geoutet habe und dem menschen, meinem kind, das das erlebt und irgendwann vielleicht verstehen wird, kopfschmerzen. kopfschmerzen: tiefe löcher in meinem kopf, die aus der angst rühren, dass andere mich durch ihre ansozialisierte transphobe brille sehen, die ich auch manchmal trage, wenn ich mich selbst betrachte. ich habe „gelernt“, das menschen wie ich eklig (und vieles mehr, was ich aufgrund triggerender effekte hier nicht nennen will) sind. manchmal lebe ich in einer phase des verdrängens, aber eigentlich ist das unmöglich. und manchmal prägt dieser begriff „trans*“ meinen gesamtes denken und jede sekunde meines alltags. jeden tag denk ich dann darüber nach, wer ich bin. dabei kann ich auch schon mal durchdrehen und meinen ganzen oberkörper mit schwarzer acrylfarbe anmalen oder auf meiner arme groß „wer bin ich?“ schreibe.

und dann bin ich jetzt seit etwa 10 monaten eltern. der teil der eltern, der das kind zur welt gebracht hat – eine eher verniedlichende beschreibung für die arbeit und für die schmerzen, die ich erlebt habe. andere würden „mama“ sagen, aber ich nenne mich bei meinem namen.

ich bin sehr glücklich mit meinem kind, das ich sehr liebe. ich bin glücklich mit meinem besten freund, andere würden sagen „fester freund“, dem papa von unserem kind, den ich sehr liebe. ich bin glücklich mit der hündin, die ich sehr liebe. ich bin auch glücklich mit meinen freund*innen, die für mich zu familie gehören und die ich sehr liebe. (das hier ist keine hierarchische aufzählung)

aber auch das eltern-sein bringt für mich widersprüche und schwere auseinandersetzungen mit sich, wie zum beispiel „stillen“: stillen, bedeutet für mich brüste entblößen (ich habe keine worte für das, was das für mich bedeutet), bedeutet für mich ein erzwungenes abhängigkeitsverhältnis für mich und alle in unserer familie. und es bedeutet für mich ein immer wiederkehrenden trigger effekt bezüglich meiner geschlechtlichen identität. ich habe also abgestillt, wofür ich mich in dieser gesellschaft aber ständig (!) rechtfertigen muss.

schließlich sehe ich auch ein problem bei der zuteilung des geschlechts nach der geburt meines kindes, ist mein kind jetzt wirklich ein „er“, beschränke ich „ihn“ damit nicht in „seinen“ entfaltungsmöglichkeiten. die welt da draußen würde „ihn“ aber, wenn ich „ihn“ nach meinem verständnis von geschlecht wider einer zweigeschlechtlichen/heteronormativen/sexistischen welt „erziehen“ würde, kaputt machen – so wie sie auch mich kaputt macht.

ich laufe also bei dieser erzwungenen geschlechter ordnung gegen wände an.

trotzdem finden sich manchmal wände, die ich einbrechen kann, wände, die andere vor mir eingebrochen haben und (schutz-)wände, die ich mir selber gebaut habe – wege, lücken oder kompromisse.

7 Kommentare leave one →
  1. Juni 1, 2014 5:38 pm

    Danke für diesen ehrlichen, klugen und schönen Text. Ich mag die Wortschöpfung trans*parent! Großartig, weil sie so vieles in sich birgt.

  2. Anna permalink
    Juni 3, 2014 6:42 pm

    oje… da bin ich doch mal wieder dankbar dafür, das ich mich so richtig in meinem körper und seinem geschlecht fühle. sehr schön und spannend, das zu lesen. danke

  3. Juni 4, 2014 12:38 pm

    das stimmt !

  4. Kleeblattmama permalink
    Juni 5, 2014 12:02 pm

    danke für diesen ehrlichen text. ich wünsche dir, dass du für dich und deinen kleinen einen guten gangbaren weg findest. ich kann mir gut vorstellen, dass du deinem kind gegenüber extrem sensibel sein wirst, was die geschlechtsidentität anbelangt, und ganz konkret drauf reagieren können wirst. diese sensibilität müssen sich andere nicht trans*parents erst mühsam aneignen.

  5. parent permalink
    Juli 20, 2014 12:29 pm

    Ein bewegender Text, der mir sehr nahe ging. Alles Gute dir und deiner Familie, trans*parent! Auf dass unsere Kinder es leichter haben mögen immer sie selbst zu sein.

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