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Buch: ‚When we were gender‘ (& Zeitfaltung & Versehenslehre)

Februar 21, 2014

whenwewere

Der Sammelband »When we were gender…« – Geschlechter erinnern und vergessen beschäftigt sich mit Geschlecht und Gedächtnis in den Gender Studies, Queer-Theorien und feministischen Politiken. Darin analysiert Kirstin Mertlitsch unter anderem in ihrem Aufsatz ‚20.000 Frauen für die Cosa Nostra Frauen‘ das Erinnern zum 100-jährigen Internationalen Frauentag in Österreich. ‚Gegenkulturelle Archive jenseits von Familie und Geschlecht‘ sind das Thema von Mate Ćosić, Johannes Dollinger, Utta Isop und Doris Leibetseder.

Ich mache auch Werbung für das Buch, weil ein Aufsatz von mir kommt, nämlich: ‚Faltungen von Zeit Zum Umgang mit Kontinuitäten in der diskursanalytisch inspirierten Geschlechtergeschichte‘. Als Beispiel dient dabei die ‚Versehenslehre in der Schwangerschaft.‘ Um zu erklären, was das ist, hier ein Ausschnitt:

„Die Imaginationslehre oder das Konzept des ›Versehens‹ beruht auf der Annahme, dass emotionsgeladene Sinneseindrücke der Schwangeren einen unmittelbaren Einfluss auf Bildung und Form des Kindes haben könnten. Entsprechend einer weiteren geläufigen Bezeichnungen, der ›Einbildung‹, ›bildete‹ sich die Wahrnehmung also im wörtlichen Sinne in die Materie ›ein‹, wobei hier oft eine Analogie- und Ähnlichkeitsbeziehung bestand. Immer wieder rezipiert wurde hierzu etwa die Geschichte von der Schwangeren, die vor einem Hasen erschrak und dann ein Kind mit einer Hasenscharte gebar. Ebenso konnte die Begegnung mit einem als Schwarz klassifizierten Menschen zu einem Kind mit schwarzer Haut führen (vgl. z.B. Dürbeck 2003; Huet 1993; Borkowsky 1988; Roodenburg1988).

Gemäß den meisten Historiografien (ebd.) zur Imagination war die Theorie bereits seit der Antike verbreitet, um sowohl die Ähnlichkeit zwischen Kindern und Eltern als auch abweichende Geburten – so genannte Missbildungen oder gar Monster – begründen zu können. Im Kontext der frühen, weltlich orientierten Wissenschaften erlebte die Imaginationslehre im 16. Jahrhundert ihren Aufstieg, um dann ihre Hochphase im 17. Jahrhundert zu erreichen. Im 18. Jahrhundert jedoch gelangte das Konzept des Versehens im Bereich akademisch-wissenschaftlicher Medizin zunehmend in Misskredit. Mit diesem Bruch, der Diskreditierung und dem angeblichen Verschwinden des Versehens aus den exakten Wissenschaften und dem engeren akademisch-medizinischen Diskurs um 1740, endet in den meisten historischen Analysen die Wissenschaftsgeschichte des Versehens. Zwar wird in vielen Werken der Sekundärliteratur relativ erstaunt festgestellt, dass sich die Imaginationslehre noch lange nach diesem Zeitraum in verschiedenen Texten finden lässt. Und tatsächlich ergibt ein Blick in die Quellen, dass das Konzept in medizinischen Ratgebern, aber auch einigen wissenschaftlich-philosophischen Schriften bis ins frühe 20. Jahrhundert fortbestand. Dieses Fortbestehen wird in den meisten Analysen allerdings nicht systematisch untersucht, sondern erscheint meist lediglich als Art irrationaler, kurioser Rest eines alten Wissenssystems, der der informellen, mündlichen Ebene und der volkskundlichen Literatur zugeordnet und als »Beharrungstendenz dieses Aberglaubens« (Watzke 2004: 136) oder »Popular tradition« (Huet 1993: 101) charakterisiert wird.

Doch auch andere dominante Narrative von Brüchen und Verschiebungen in den Wissenschafts- und Wissensgeschichten scheinen dagegen zu sprechen, den Fortbestand der Versehenslehre in Quellen des frühen 20. Jahrhunderts ernst zu nehmen. Schließlich würde damit ein Wissenssystem weiter existieren, das eigentlich als charakteristisch für das Epistem der Ähnlichkeit gelten kann, nach Foucault dem zur Renaissance gehörenden Denkmodell, das bis ca. 1650 dominierte, um dann vom Epistem der Repräsentation und schließlich ab dem 19. Jahrhundert von dem des Menschen abgelöst zu werden. Zudem wäre, parallel zur immer intensiveren Etablierung von Ordnungssystemen und Menschenklassifikationen – etwa der Sonderanthropologie der Frau, antisemitischen oder rassistischen Kategorisierungen – und parallel zur Identifizierung der Kernfamilie als Ursprung des Menschlichen, weiter Wissen produziert worden, das ein transgressives, latent prähumanistisches Potenzial besaß. Gerade für die Schwangerschaft, die als Teil weiblicher Reproduktion auf das Engste mit zeitgenössischer Biopolitik und Wissensproduktion verbunden war, schiene so die allgemein anerkannte chronologische ›Ordnung der Dinge‹ mitsamt ihren postulierten Wendepunkten und Diskontinuitäten nicht vollständig anwendbar.“

Ob und was das alles mit gefalteter Zeit und Diskursanalyse zu tun hat, steht dann im Buch.

In J. Guggenheimer, U. Isop, D. Leibetseder & K. Mertlitsch (Eds.), »When we were gender…« – Geschlechter erinnern und vergessen; Analysen von Geschlecht und Gedächtnis in den Gender Studies, Queer-Theorien und feministischen Politiken (pp. 18-31). Bielefeld: Transcript.

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