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Gentrifizierung und Lieder über Hass

Februar 2, 2014
Restaurant 'Bei Gino' (Foto: Fuckermothers')

RIP: Restaurant ‚Chez Gino‘, Sorauer Str. 31, 10997 Berlin (Foto: Fuckermothers‘)

Gentrifizierung und gut laufende Restaurants, in denen sich gern Künstler_innen und Akademiker_innen treffen, hängen bekanntlicher Weise miteinander zusammen. Das ‚Chez Gino‘ ist ein gutes Beispiel dafür. Vor zehn Jahren zog es in die Räume des alten ‚Ginos‘, das heute nur noch als kleiner Imbiss weiter besteht (diese Informationen stammen aus dem untenstehenden Kommentar von ‚tikerscherk‚). Es integrierte einen Teil der vermeintlichen ‚Kiezauthentizität‘ des alten Ginos und verband es mit Hippness und sehr viel höheren Preisen.

Allerdings geht der Zusammenhang zwischen Gentrifizierung und gut laufendem Restaurant nur bis zu einem bestimmten Grad – bis die Wohnungen so teuer werden, dass sich auch das Restaurant-Klientel sich diese meist selbst nicht mehr leisten kann. Und wenn sich über Luxusappartments und Eigentumswohnungen (deren Bewohner_innen für den Preis Ruhe erwarten) mehr Geld verdienen lässt, als über die Miete, die durch das erfolgreiche aber potentiell die abendliche Geräuschkulisse heraufsetzende Restaurant hereinkommt. Und dann müssen Lebensgrundlagen, kulturelle Angebote und Arbeitsplätze eben einfach verschwinden. Das zeigt auch die Ambivalenz des Prozesses: Aus denen, die zunächst wie Gentrifizierungs-Gewinner aussahen, werden schnell die weggentrifizierten.

Diesen Gedanken entwickelte ich, als ich kürzlich – auf dem umständlichen Weg zur ebenfalls weggentrifizierten Kinderärztin – an besagtem Eckrestaurant vorbeikam, vor dem plötzlich ein Umzugswagen mit Theke, Spüle und Tischen stand. Die Gentrifizierung fing natürlich schon sehr viel früher an; dass sie nun auch dieses Restaurant erreicht, ist wohl eher eines ihrer finalen Sypmtome. Während die Gentrifizierung der marginalisierteren Menschen meist für den öffentlichen Raum unsichtbar vor sich ging, hängen Menschen der Mittelschicht Zettel mit Informationen und Protestliedern auf. Wirkungslos ist das eine wie das andere, solange die Berliner Politik die Frage des Wohnraums (bis auf einige Lippenbekenntnisse) ignoriert.

Zettel in Restautant-Nähe (Foto: Fuckermothers)

Zettel in Restautant-Nähe, Liedtext: ‚Wohin mit dem Hass?‘, Jochen Distelmeyer (Foto: Fuckermothers)

7 Kommentare leave one →
  1. Februar 2, 2014 10:32 pm

    So sehr ich gegen Gentrifizierung bin, und auf meinem Blog auch regelmäßig darüber schreibe, so erscheint mir der Zusammenhang zwischen dem schwäbischen Edellokal Chez Gino, das Vorspeisen zum Preis von Hauptgerichten anbot, und der Gentrifizierung/ Verdrängung durch Besserverdienende doch sehr weit her geholt.
    Verdrängt wurde vor 10 Jahren der echte Gino, der dieses Lokal sehr lange, bei äußerst moderaten Preisen betrieb, und dann 3 Häuser weiter nur noch einen kleinen Schnellimbiss betreiben konnte, während die in den Kiez einfallenden Besserverdiener vor dem Chez Gino saßen und dort das überteuerte Essen und ein paar feine Kaltgetränke genossen.

    ja, mir tut es leid um jede Existenz, die durch die Gier der Vermieter zerstört wird. Chez Gino gehörte allerdings zu den ersten Vorboten der Verdrängung.

    • Februar 3, 2014 12:41 am

      Ja klar – darum ging es mir doch in dem Text. Deswegen meinte ich doch, dass das Ende von Chez Gino eher ein finales Symptom ist und dass solche Restaurants und Gentrifizierung miteinander in Zusammenhang stehen. Ich hatte keine große Sympathie für das Lokal im Speziellem und fand es auch zu teuer – die Hausverwaltung hat den Vertrag aber sicher nicht wegen der überteuerten Vorspeisen gekündigt. Dass es ein echtes Ginos davor gab, wusste ich nicht – danke für den Hinweis.

      • Februar 3, 2014 10:40 am

        Hab das „finale Symptom“ überlesen. Danke für die Erklärung.
        Nein, die Hausverwaltung wird eine noch lukrativere Verwendung für den Laden haben, da hast du sicher Recht.

  2. Februar 3, 2014 11:12 am

    Ich habe deinen Kommentar jetzt übrigens in den Text eingefügt, weil ich ihn echt wichtig finde. Hoffe das ist OK so!

    • April 4, 2014 10:58 pm

      Huch, sehe deinen letzten Kommentar erst eben. Sorry. Ja, klar ist das ok so.
      Danke für die Erwähnung im Text!

  3. Juni 4, 2014 12:40 pm

    finde ich auch,.. nicht schlecht !

Trackbacks

  1. zwei Gentrifizierungs-Bilder mehr | fuckermothers

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