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Kleine Mengen von Alkohol in der Schwangerschaft führen zu besserer emotionaler Entwicklung des Kindes? Über Verbote

Januar 18, 2014
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Provokation (Foto: Fuckermothers)

Mütter und ganz besonders Schwangere müssen strengen Regeln folgen. Diese Regeln werden gern mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Untersuchungen ‚belegt‘, über die sich Mütter natürlich ebenfalls informieren müssen. Sie sollen lesen und Rat suchen, sie sollen Studien studieren, sie sollen wissen, welche Babynahrung und -kleidung am gesündesten ist, dass Stillen das Beste ist, welcher Kindersitz der sicherste und welcher Erziehungsstil am entwicklungsförderndsten. Dieser Glaube an die Wissenschaft und die Forderung nach der belesenen Mutter scheint aber eine Grenze zu haben: Wissen, das das Befolgen strenger Regeln in Frage stellt. Sobald es Anzeichen gibt, dass die Mutter sich etwas entspannen könnte, dass sie sich nicht komplett für das Wohl ihres Kindes zurücknehmen muss, gilt dieses Wissen als falsch und gefährlich. Denn: Verbote sind eben Verbote.

Besonders schön illustriert dies das totale Alkoholverbot in der Schwangerschaft. Denn das vollständige Verbot lässt sich nicht wirklich mit Studien begründen. Schon vor zwei Jahren gab es hier einen kritischen Beitrag zur Kampagne ‚Kein Glas in Ehren‘, in dem auf die schon lange vorliegenden Ergebnisse vieler Untersuchungen verwiesen wurde, dass moderater (!) Alkoholkonsum in der Schwangerschaft keine nachweisbaren Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes hat. Nun gab es erneut eine Studie zum Thema, die ein lustiges Ergebnis hatte. Die Psychologin Janni Niclasens fand heraus „dass Kinder von Frauen, die in der Schwangerschaft kleine Mengen von Alkohol konsumierten, im Alter von sieben Jahren emotional besser entwickelt waren und ein besseres Sozialverhalten zeigten als Kinder von Frauen, die als Schwangere gar nicht getrunken hatten.“

Dieses Ergebnis passt nicht zur strengen Reglementierung der Schwangerschaft. Niclasens musste ihr Ergebnis deswegen relativieren und trotzdem öffentlich dafür plädieren, dass Schwangere keinen Tropfen Alkohol trinken dürfen. Mit entsprechend seltsamen Windungen stellte auch die FAZ die Studie in ihrem Wissensteil vor (Christina Hucklenbroich: Rausch und Risiko). Denn weder der Wissenschaft noch der mündigen Mutter kann dort vertraut werden. Gemäß dem Artikel sind beide gefährlich und höchst fehleranfällig. Studien liefern nicht schlicht Daten, die dem gängigen totalen Verbot von Alkohol widersprechen, sondern sie liefern „so missverständliche Daten, dass die Autoren selbst anfangen, werdende Mütter eindringlich zu warnen“. Puh. Fragt sich natürlich, womit die Mütter gewarnt werden sollen.

Mit Informationen natürlich, aber welchen? Studienergebnisse scheinen die Warnungen ja nicht unbedingt zu bestätigen. Und komischer Weise sind es gerade „die am besten informierten und sozial integrierten Mütter“ beziehungsweise die „am besten ausgebildeten Teilnehmerinnen der Studie“, die zugeben, Alkohol in der Schwangerschaft zu trinken. Warum? Weil sie ihre Schlüsse aus den vorliegenden Informationen ziehen? Oder weil sie sich in einer priveligierteren Position befinden als weniger gut ausgebildete und marginalisierte Mütter, deren Erziehungskompetenzen schon beim kleinsten Fehltritt angezweifelt werden? Schließlich ist es für Menschen, deren Mutterschaft sozial erwünscht ist, sehr viel leichter gegen Normen zu verstoßen oder solche Verstöße zuzugeben. Aber nein, das sind nicht die Gründe, die der Artikel nennt. Die best informierten Mütter trinken gelegentlich Alkohol, denn sie sind nicht „unabhängig genug, um ihren Lebensstil in der Schwangerschaft zu ändern.“ Aha.

Was also als Maßnahme ergreifen, um Unabhängigkeit zu fördern, aber zugleich das Verbot dennoch nicht in Frage zu stellen? Vielleicht ja: Aufklärung (denn die hat ja nichts mit Informationen oder Wissenschaft oder Unabhängigkeit zu tun). Da auch die nicht zu wirken scheint, schließt der Artikel mit einer Argumentation, deren Bedeutung sich mir bislang nicht voll erschloss: „Aufklärung allein scheint nicht zu reichen. Es könnte eine neue Aufgabe für das Gesundheitssystem sein, Mütter darin zu bestärken, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen – wenigstens neun Monate lang.“ Aber … vielleicht nehmen Schwangere ihre Interessen ja auch teilweise einfach schon wahr indem sie, selten und in Maßen, mitunter Alkohol trinken? Könnte das nicht gar ein Zeichen von Unabhängigkeit sein?

Wir sind nie modern gewesen, heißt es bei Latour. Und dass die Moderne zwar Fortschritt durch ‚reine‘ Wissenschaft predigt, zugleich aber ständig ‚unreine‘ Mischungen aus Wissenschaft und Politik, Natur und Gesellschaft, Wahrheit und sozialen Regeln hervorbringt. Die (nicht-geführte) Debatte um das totale Alkoholverbot in der Schwangerschaft hat mich wieder daran erinnert.

27 Kommentare leave one →
  1. Januar 18, 2014 1:48 pm

    Meine FÄ hat mir das annodunnemals so erklärt, dass man schlicht nicht weiss, wo genau die Grenze zwischen unschädlich und schädlich liegt. Regelmässig und viel Alkohol schadet nachweislich – doch es gibt keine objektive Definition, auch nicht für „moderaten Konsum“, der keinen Schaden anrichtet. Für die eine ist ein Glas Sekt auf 9 Monate „moderater Konsum“, für die andere ein Glas im Tag und für die Dritte ein Glas in der Woche.
    Die unbekannte Grenze und die Subjektivität von „viel“ und „wenig“ führt zum Verbot. Denn wer nichts trinkt, ist ganz sicher auf der guten Seite.

    • Januar 18, 2014 1:57 pm

      Das finde ich eine gute Erklärung von deiner Frauenärztin und zumindest eine Begründung für das totale Alkoholverbot. Dass die Subjektivität von ‚viel‘ und ‚wenig‘ ein Problem ist, verstehe ich. Zugleich wurde in den meisten Studien ja ‚moderater Konsum‘ definiert. Es wäre ja auch möglich, Informationen über die Definition von ‚moderaten Mengen‘ zu verbreiten. Was mich hier interessiert ist, wie dieses totale Verbot hergestellt und meist (nicht klar) begründet wird.

      • Januar 18, 2014 3:44 pm

        Die Entstehung und Beibehaltung kultureller Tabus ist aus ethnologischer und soziologischer Sicht immer interessant. Ursprünglich haben sie ja immer einen Sinn, später entwickeln sie ein Eigenleben das auch dann anhält, wenn der Sinn schon lange hinfällig ist.

  2. Liz permalink
    Januar 18, 2014 1:54 pm

    Ja, das ist wirklich…verrückt. Ich bin in der 38. Woche schwanger (zum ersten Mal) und klappe grad ein bisschen zusammen unter dem Berg der Erwartungen, der sich über mir auftürmt. Ich habe pflichtbewusst diverse Schwangerschaftsratgeber gelesen und kürzlich auch ein Buch über die erste Zeit mit dem Baby. Ergebnis: Depression nach der Lektüre. Weil mir irgendwie auf der Stelle klar war, dass ich diesen Perfektionsanspruch nicht erfüllen kann. Ich bin nämlich, tadaaa, kein perfekter Mensch.

    An Weihnachten habe ich ein Glas Rotwein getrunken, an Silvester ein Glas Sekt – und mich dann schuldig gefühlt, obwohl meine Hebamme mir das vorher noch „erlaubt“ hat. Gleichzeitig war dieses Glas Rotwein ein ersehntes und willkommenes Stückchen Genuss, auf das ich mich gegen Ende einer oft schwierigen Schwangerschaft aufrichtig gefreut habe.

    All das hinterlässt Verwirrung. Diese Überinformation, und diese Situationen, in denen mich fremde Menschen ansprechen, dass Kaffee aber nicht gut für das Baby sei (ich trinke einen am Tag, immer schon)…das deprimiert mich. Ich habe mir selbst versprochen, ab jetzt keine Ratgeber mehr zu lesen und die Kommentare fremder Menschen unwirsch abzublocken.

    Naja, ich weiß auch nicht. Danke für diesen Artikel, er bringt’s auf den Punkt.

    • Januar 18, 2014 3:49 pm

      Überinformation und – das wirst Du nach der Geburt erleben – widersprüchliche Ratschläge von allen Seiten. „Brauchen“ tust Du nur einen Ratgeber: Remo Largos „Babyjahre“. Im Gegensatz zu allen anderen erklärt der nämlich nicht, was man tun oder lassen soll, sondern einfach, wie Babys so ticken. Was man mit der Information anfängt, ist dann die eigene Sache.

      Alles Gute für die Geburt und schöne Kuschelzeit! Und lass Dich nicht kirre machen!

      • Liz permalink
        Januar 23, 2014 9:55 am

        Danke! Und das Buch hab ich mir mal bestellt. Das mit den widersprüchlichen Ratschlägen hat mich schon jetzt total wuschig gemacht. Deshalb auch meine Ratgeberabstinenz – und siehe da, innerhalb weniger Tage habe ich mich glatt besser gefühlt.

        Und diese (für mich) extrem grässliche Dammmassage mach ich auch nicht mehr. So.

    • Januar 18, 2014 7:33 pm

      Liz, ich kann Dich gut verstehen. Und das Beste ist: es wird noch schlimmer, wenn die Kinder da sind. Yeah! Also: Nutz die letzte Zeit als freihändige Mama um diesen Ratgeberwahnsinn fernzuhalten und vertrau ganz und gar und nur auf Dich selbst!
      Alles andere ist vergebliche Liebesmüh! Du kannst es nur falsch machen, denn es gibt immer eine Perspektive, die genau das, was Du tust, als falsch belegt. Ergo darfst Du machen was Du willst und musst einfach nur regelmäßig auf Durchzug schalten.

      Und Dir, liebe fuckermothers, Danke ich für diesen Beitrag. Ich rege mich darüber jetzt schon seit geraumer Zeit auf und sehe leider keine positiven Tendenzen für uns Frauen. Im Gegenteil! Alle, die später als mit 20 schwanger sind, sind mit einem Bein schon Risikoschwangere und brauchen noch mehr Fernsteuerung als sowieso schon. Alle, die sich irgendwie alternativ betreuen lassen wollen, werden schräg angeguckt, sollten sie doch mal ins KH wollen, weil etwas schief gegangen ist. Und das unverschämteste sind KH-Ärztinnen, die mir reingrätschen, weil ich als Schwangere und Mama zum Kleinkind nach hause will, weil ich weiß, dass es leidet, wenn ich ad hoc verschwinde.

      Es ist ein frauenverachtendendes, sich selbst erhaltendes und Geld-verbrennendes System, das es geschafft hat, so zu tun, als ginge es um die einzige Wahrheit in einem Gebiet, das kaum schlechter durchleuchtet sein könnte, wenn es immernoch Idioten gibt die alle Frauen pauschal davor warnen müssen, als Schwangere Dinge zu tun, die sie schon als Nicht-Schwangere nicht getan haben.

      Aaaaah…die Wut kocht hoch…dabei hab ich doch jetzt Feierabend…ommmmmmmm

      • Liz permalink
        Januar 23, 2014 10:01 am

        Danke – schön, wenn einen Leute verstehen. Gibt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

        Auch so ne Anekdote: Ich, grad so sichtbar schwanger, stehe morgens in einem Büro an der Kaffeemaschine. Kollege steht neben mir, irgendwann merke ich, der starrt mich wortlos beim Kaffeekochen an. Ich hob fragend den Blick, woraufhin er zu mir sagte „Du weißt schon, dass Du das nicht sollst mit dem Kaffee, ne?“
        Ich so: „Wieso denn das nicht?“
        Er: „Das gibt Schlafstörungen beim Kind später! Meine Frau ist komplett auf Tee umgestiegen.“
        Ich: „Naja, also das glaub ich nicht, dass eine Tasse Kaffee oder zwei am Tag irgendwie schaden. Mir tut mein Morgenkaffee gut, also gönn ich mir den.“
        Und er: „Schön, aber beschwer Dich später nicht, wenn Dein Kind nicht schläft.“

      • Januar 23, 2014 12:03 pm

        Also das mit dem Kaffee und den Schlafstörungen kann schon passieren (wenn Du stillst). Aber dann ist ja immer noch früh genug, um etwas weniger Kaffee zu trinken. Es ist ja nicht so, dass Koffein gespeichert wird. Und Tee hat auch Koffein. Ätsch. So.

    • Februar 4, 2014 1:25 am

      ich glaub, das beste was du für dein kind tun kannst, ist den perfektionsanspruch irgendwie loswerden. lustvoll scheitern! und dann neue lösungen finden. fehler sind super, weil wir dabei soooo viel lernen können! und ich hab übrigens auch von den ratgebern depressionen gekriegt und sie irgendwann allesamt beiseite gepfeffert.

  3. Simone permalink
    Januar 18, 2014 9:07 pm

    Ich glaube, dann bin ich selbstbewusster als andere, denn ich habe in meinen 3 Schwangerschaften gemacht worauf ich Lust hatte.
    Was nicht heißt, das ich planlos getrunken hätte, das mache ich sonst auch nicht.
    Aber ein Gläschen zu Weihnachten und an Sylvester war für mich selbstverständlich.
    Genauso habe ich alle Wurst und Käsesorten gegessen, eigentlich habe ich auf nichts verzichtet, warum auch, mir ging es super und meine Kinder sind gesund und munter!
    Diese ganzen Ratgeber und Studien verängstigen total und Mütter untereinander sind leider die schlimmsten Furien!

  4. Dodosbeads permalink
    Januar 19, 2014 11:55 pm

    OMG ! Was habe ich das vor 27Jahren gut gehabt mit KEINEM Ratgeber , der mich in allen Punkten der Schwangerschaft verunsichert hätte , aber einem guten Arzt.
    Der meinte , dass es am wichtigsten sei , dass ich mich wohl fühle ( und wenn ich am Abend ein Glas Wein trinken wolle , dann solle ich das tun ) , denn wenn ich mich wohl fühle, dann tut das mein ungeborenes Kind auch …
    Damals war offensichtlich auch die Schwangere noch wichtig , nicht nur das zukünftige Leben.
    By the way , ich war beim ersten Baby 33 , beim zweiten 37 , und beide Kinder sind inzwischen zu wunderbaren erwachsene Menschen gediehen, ohne jegliche Schädigungen , Störungen etc.
    Die heutigen Frauen werden zwar nicht mehr in Korsetts mit Fischbeinstäbchen gepresst wie in vergangenen Zeiten , aber die “ Einschnürungen“ und das Bestreben , Frauen zu reglementieren bleibt offensichtlich . Sehr schade , das .Darüber sollten wir eigentlich hinaus sein !

  5. Kore permalink
    Januar 21, 2014 12:18 am

    Danke Danke Danke für diesen Artikel.
    Ich wünschte ich hätte ihn schon vor 19 Monaten gelesen! Dann hätte ich nämlich für alle die

    „es-ist-mir-egal-ob-dich-meine-Meinung-interessiert-oder-nicht,-denn-du-bist-schwanger-und- deshalb-unmündig,-und-deshalb-belästige-ich-dich-ungefragt-mit-meinen-Besserwissen/Meinungen/Bevormundungen/Schwangerschaftmythen-und-wenn-du-dich-darüber-beschwerst-sind-es-eh-nur-die-Harmone“- Menschen

    einen passenden Link gehabt.

    ahhhh, da kommt gerade wieder ne ganze Menge Wut und Erinnerungen hoch. Nie werde ich vergessen wie mir einmal eine ganz besonderes „fürsorgliche“ Person meinen Pfefferminztee(!) aus der HAnd nehmen wollte mit den Worten: “ Du bist doch schwanger, das solltest du nun wirklich besser nicht trinken! Oder meine Schwester die ernsthaft beleidigt war, weil ich mir ein Softeis „nicht verkneifen konnte-trotz Samonellengefahr!“
    Die Reaktionen wenn ich auf Partys aufgetaucht bin und bis spät in die Nacht geblieben bin waren bestensfalls verwundert.
    Ganz zu schweigen von teils offenen Anfeindungen wenn ich dabei in Ausnahmefällen mit einem Glas Sekt oder einer Kippe „erwischt“ worden bin.
    maimaimaimai, was bin ich froh, dass dies nun hinter mir liegt. Die Komentare und Meinungen die ich als „nicht-schwanger-aber- mit- Kind“- Frau über mich ergehen lassen muß,sind nicht unbedingt besser oder einfacher zu verkraften, aber immerhin kann ich als „Beweis“ für das Kindeswohl ein sehr häufig überaus gut gelauntes Kind vorweisen.
    Und häufig-alleinerziehend sei Dank, habe ich heute keine Zeit mehr für Ratgeber.

    Ich kann nur allen schwangeren und erziehenden Menschen raten, nur auf die eigene Intuition oder auf wenige vertraute Personen zu hören, sich nicht verunsichern zu lassen und ansonsten auf Durchzug zu schalten.

    UND FINGER WEG VON NETMUMS und co!!!

    Für alle die trotzdem lesen und sich informieren möchten, kann ich die Outside the Box #3 zum Thema Gebären wärmstens weiterempfehlen.

    Viel Kraft und Mut!!

  6. Florian Beigbeder permalink
    Januar 21, 2014 10:08 am

    Danke für den Artikel! Die Verbotslisten werden gefühlt immer länger, und dies nur selten mit haltbaren Belegen des Außmaßes oder der Häufigkeit einer tatsächlichen Gesundheitsgefahr. Meiner Meinung nach puritanisches Eiferertum im „modernen“ Gewand. Schlimm ist, dass dies tatsächlich viele Menschen zu bevormundenden/abwertenden Kommentaren gegenüber Schwangeren einlädt. Meine Frau und ich haben in uns in ihrer Schwangerschaft allerdings einen großen Spaß daraus gemacht, solcherlei Kommentare einem Faktencheck zu unterziehen – da konnten wir meist schnell die Luft rauslassen😉 Die größte Gesundheitsgefahr für Schwangere und ungeborene Babys ist in 20 Jahren wahrscheinlich Verhungern und verdursten…

  7. Januar 21, 2014 7:14 pm

    Zur Faktenlage, nur mal so am Rande, aus diesen Studien könnte man fast folgern, dass man in der Schwangerschaft unbedingt zumindest ein bisschen was trinken muss – dem Kind zuliebe😉 : http://bmjopen.bmj.com/content/3/6/e002718.full?sid=0d1247e9-3c9a-40fe-8003-05b73dec0ccc

    http://ije.oxfordjournals.org/content/early/2008/10/30/ije.dyn230.full.pdf+html

    http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1471-0528.2012.03394.x/abstract

    • Januar 22, 2014 10:02 pm

      Ups, mein Kommentar sollte eigentlich unter dem älteren Blogartikel zum Thema stehen, diesen hier habe ich gerade erst entdeckt – da habe ich irgendwie falsch geklickt. Die These der FAZ-Autorin, gesellschaftliche Abhängigkeit zeige sich ausgerechnet darin, sich über das Dogma des totalen Alkoholverbots hinwegzusetzen finde ich auch recht verschwurbelt, um nicht zu sagen: unlogisch. Der einfachste – und damit abhängigste – Weg wäre doch, sich dem Ganzen ohne Wenn und Aber zu unterwerfen, um der sozialen Sanktionierung zu entgehen. Der soziale Druck ist doch ganz enorm. Sich z.B. als „schwangere Prominente“, wie im FAZ-Artikel erwähnt, mit einem Glas Wein zu zeigen (in dem ja im Grunde nicht mal was Alkoholisches drin sein muss, es muss nur so aussehen, als ob), ist doch quasi eine Einladung zur Hexenverbrennung in der Presse.
      Überall lauert doch die selbst ernannte Schwangeren-Polizei, bereit, jederzeit einzugreifen, wenn (vermeintlich) Schwangere gegen „die Regeln“ verstoßen, das fängt ja schon beim Kaffee an. Ich wurde mal (nicht schwanger, aber mit Blähbauch) in einem Club von einem wildfremden Menschen böse angefahren, was mir denn einfiele, in meinem Zustand Bier zu trinken und zu rauchen. Ich hab den nur angeguckt wie vom anderen Stern, so sprachlos war ich. Höflichkeit? Warum denn? Ich ärgere mich immer noch, dass ich dem keine gescheuert habe.
      Dabei gibt es total viele andere Sachen, die kritiklos einfach so verordnet werden, die potenziell Schäden verursachen, aber die kein Mensch je in Frage stellt, z.B. die Praxis, Schwangeren unbedingt unter allen Umständen immer Eisen aufzudrängen (http://www.abc.net.au/science/articles/2005/10/18/1484197.htm)

      • Liz permalink
        Januar 23, 2014 10:04 am

        Danke für die Links!
        Und das mit dem Eisen: Ja. Meine Frauenarztpraxis versucht hartnäckig, mir das zu verordnen. Dabei habe ich eine Stoffwechselerkrankung, bei der mein Körper zu viel Eisen speichert. Die regelmäßige Einnahme eines Eisenpräparates wäre für meine Leber giftig. Hab ich denen mehrfach erklärt. Dennoch werde ich ständig drauf hingewiesen, dass mein Hb-Wert ja doch recht niedrig wäre (was meinen Internisten wiederum sehr freut, und der Wert ist zudem nicht in einem kritischen Bereich). Seufz.

  8. Januar 23, 2014 1:12 pm

    Wir sollten uns zusammentun und allen Schwangeren, denen wir zukünftig begegnen erklären, dass diese Regeln nur so dahin gesagt sind und sich da eigentlich keiner dran hält.🙂 Ist halt so eine urban legend. Sowas wie „Schwule können nicht Fußball spielen“…

  9. spurensucherin permalink
    Januar 23, 2014 2:46 pm

    Als Pflegemutter, die in der Vorbereitung zur Anerkennung auch einen Vortrag und Erlebnisberichte von Pflegeeltern zum Thema FAS (fetales Alkohol-Syndrom) gehört hat, muss ich an dieser Stelle ein „Aber“ einstreuen. Ich bin komplett bei Euch, wenn es um die Bevormundung von (werdenden) Müttern und dieses hyper-hysterische „Was ist am besten für mein Kind“-Getue geht – furchtbar. Und ja, der Largo ist wirklich toll.
    Aber:
    Was ich gelernt habe (und wovon ich durchaus schockiert war): Eine Schädigung des Kindes kann schon bei einem einzigen Glas Sekt passieren – ganz einfach, weil es darauf ankommt, was zu dieser Zeit gerade ausgebildet wird. Von Entwicklungsphase zu Entwicklungsphase kann das zu völlig unterschiedlich ausgeprägten Störungen führen. Das Problem: Es gibt wohl weder eine kritische Menge noch einen kritischen Zeitpunkt. Ein Glas Wein oder Sekt kann völlig unkritisch sein oder, wenn es dumm läuft, schon zuviel. Heftige Ausprägungen von FAS finden sich gleichwohl meist bei alkoholkranken Müttern – diese Kinder sind schwer geschädigt und kaum je fähig, ein selbstständiges Leben zu führen.
    Ich möchte hier niemanden angreifen, das sei klargestellt. Ich denke, es gibt zu wenig Wissen und Aufklärung (auch bei Fachkräften) in diesem Bereich. FAS ist außer in den USA einfach kein Thema. Mehr hier: http://fasd-deutschland.de

    • Januar 23, 2014 6:02 pm

      Hast Du dafür eine Quelle? Eine Studie? Das eine Glas Sekt zum falschen Zeitpunkt, das zum FAS führt, meine ich? Die meisten Studien, die zum Schluss kommen, dass etwas Alkohol nicht schadet, sprechen ja über den Zeitraum der beiden letzten Trimester – mit Ausnahme einer dänischen Studie, die speziell das erste Trimester untersucht hat. Ich frage völlig neutral, ich sammle alle Studien, pro und contra, einfach, um ein umfassendes Bild zu bekommen.

      • spurensucherin permalink
        Januar 24, 2014 11:07 am

        Hallo Stella, Quelle waren die Infos von FASD Deutschland e.V., welche Studien da im Hintergrund stehen, kann ich leider nicht sagen. Uns ging es damals natürlich eher um den Umgang mit den FAS-Kindern. Der Satz mit dem Glas Sekt ist mir allerdings kleben geblieben, weil ich das vorher auch nicht auf dem Schirm hatte.

      • Januar 24, 2014 5:11 pm

        Hallo Spurensucherin, dank Dir. Natürlich ist das mit dem Glas Sekt hängen geblieben, ist ja auch wunderbar plakativ. Dann werde ich die mal anschreiben und mal sehen, ob sie mir eine Quelle nennen können. Ganz ehrlich: Irgendwie wären solche Organisationen deutlich glaubwürdiger, wenn sie etwas moderater aufträten und ihre Behauptungen klar belegen würden – man kommt sich da schnell für dumm verkauft vor. So nach dem Motto: Wir haben das Belegen nicht nötig und wir haben schon für dich vorgedacht, dumme Frau, weil du das ja nicht kannst, in deinem Zustand. Leider zeichnet sich die FASD-Website durch fast völlige Abwesenheit von Belegen aus – mit Ausnahme der Quellen zu den Bildern FAS-geschädigter Kinder – während an Behauptungen nicht gespart wird. Wobei ich damit nicht sagen will, dass sie nicht mit vielem – wenn nicht mit dem meisten – recht haben. Aber gerade so plakative, Angst schürende Aussagen hätte ich doch gern etwas untermauert. Ich suche schon seit längerer Zeit verlässliches Material zu diesem und vielen anderen Themen, weil ich mich auch beruflich seit einiger Zeit mit dem Themenfeld auseinandersetze. Die Recherche hat gereicht, dass ich gemerkt habe, dass die ganze „Szene“ ist voll von, soziologisch gesprochen, unkorrigierbaren Aussagen steckt, also Axiomen, die man nicht anzweifeln darf, ohne aufs Schärfste sanktioniert zu werden.

  10. Februar 7, 2014 10:26 am

    Schön, hier mal Geistreiches und Durchdachtes zum Muttersein zu lesen. Diese weichgezeichneten Babybauchbilder mit gesund lächelnden Müslischalenmüttern sind schon sehr präsent. Ich habe langsam den Eindruck, dass Frauen bewusst von ihrer weiblichen „Macht“ und ihrem Körpergefühl weggeführt werden, damit die sich fühlen wie hormongesteuerte Bomben, die unbedingt Hilfe brauchen. Wenn man auf seine Stimmungen und Gefühle hört, wird man schief angeguckt. Schon wenn man an seine eigene und selbstbestimmte Gebärfähigkeit glaubt, die keine Manipulationen und Maschinen benötigt, stellt man sich gesellschaftlich ins Abseits. Ich habe in den ersten Wochen meiner Schwangerschaft keinen Kaffee getrunken, weil mir davon schlecht wurde. Und eines morgens roch der Kaffee plötzlich wieder ansprechend.Und dann habe ich auch welchen getrunken. Und in Maßen, weil ich mehr gar nicht wollte. Und auch an einem Glas Alkohol habe ich zwischendurch genippt. Und während des Stillens habe ich täglich Kaffee getrunken, was sich an dem Schlafverhalten meiner Tochter aber nicht gemerkt habe. (Vielleicht hat sich ihr Organismus auch daran gewöhnt?!)Vielleicht steckt in unserem Körper eine viel größere Intelligenz, als wir verkraften können. Schwangere stopfen auch nicht wahllos Essen in sich rein, sondern sie haben eben gezielt Appetit auf Dinge, die ihr Körper braucht. Vielleicht sollte man bei der Alkoholfrage auch mal in sich hineinhören anstatt diesen pseudowissenschaftlichen Shitstorm auf sich herabregnen zu lassen. Es sind nicht die Schwangerschaften, die plötzlich zu Risikoschwangerschaften werden. Es sind die Frauen, die zum Risiko werden, weil sie plötzlich mehr von ihrer natürlichen Macht spüren. Und das muss mit allen Mitteln reglementiert werden, damit frau sich weiterhin an der Gesellschaft orientiert, sich selbst als Ausnahmezustand empfindet und dankbar dumme Sprüche annimmt.

  11. Kristin permalink
    Februar 20, 2014 7:42 pm

    Der Text ist so herrlich erfrischend! Ich selbst bin derzeit in der 25. Schwangerschaftswoche und werde hier und da belehrt, was sich denn so gehört und was nicht. Als sei eine Schwangerschaft (und die danach folgende Mutterschaft) nicht etwa etwas rein Privates und in der Essenz etwas auf das man sich freuen sollte, sondern eine Angelegenheit für alle. Es ist einfach auch schön zu sehen, dass es auch andere gibt, die so denken wie ich und auf das vertrauen, was sie am Besten können: Frau sein, und darauf vertrauen, was uns kein Ratgeber lehrt, nämlich für sich das richtige Maß der Dinge zu finden und das Leben zu genießen.

  12. Adi permalink
    April 23, 2014 9:12 pm

    Studie hin oder Studie her. Viele Studien haben Schwachpunkte, untersuchter falscher zeitpunkt, Körpereigenschaften der befragten und untersuchten Mütter, allgemeiner Gesundheits/Krankheitszustand der Mütter, Konsumverhalten und, und, und….Jede Mutter sollte sich nicht verunsichern lassen, sondern Eigenverantwortung tragen und nach ihrem Muttergefühl handeln. Was anderes ist es bei einer alkoholkranken Frau, die schwanger wird. Hier sind medizinische und psychologische Untersuchungen notwendig, um ggf. handeln zu können, zum Wohle aller Familienmitglieder, dazu braucht es keiner Studien.

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