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Lese-Empfehlung: Interview mit der Philosophin Rahel Jaeggi

Januar 16, 2014

„STANDARD: Aber wenn es etwa darum geht, wer die Kinder zu Hause betreuen soll: Muss eine solche Entscheidung nicht jedem selbst überlassen werden?

Jaeggi: Ob bei der deutschen Debatte über Steuervorteile für die sogenannte Hausfrauenehe oder bei den Diskussionen über Kinderbetreuung: Hier stehen ja Grundorientierungen auf dem Spiel: Wie versteht man Erziehung, wie Geschlechterverhältnisse? So etwas lässt sich aber nicht privatisieren. Jemand, der meint, ihm oder ihr werde durch politische Maßnahmen die Kindertagesstätte für seine oder ihre Kinder aufgezwungen, muss sich klarmachen, dass dort, wo es keine Kindertagesstätte gibt, den Menschen auch etwas aufgezwungen wird. Auch die Nichtexistenz solcher Institutionen prägt Lebensweisen. Interessanterweise geraten in diesen Diskussionen meist diejenigen unter Beschuss, die für Veränderungen eintreten. Ich muss mir als Philosophin nicht das Urteil anmaßen, dass die Hausfrauenehe in jedem Fall schlecht ist. Ich möchte aber klarmachen, dass so etwas gestaltbar ist und zur Debatte steht, bis hin zu substanziellen Fragen, etwa: Wie komme ich überhaupt dazu?

STANDARD: Die Antwort „weil es mir so am besten gefällt“ reicht nicht?

Jaeggi: Mir nicht. Lebensformen sind weder nur eine Geschmackssache noch eine unhintergehbare „Wertefrage“. Sie sind Bündel sozialer Praktiken, die sich aus bestimmten Gründen und durch bestimmte kollektive Deutungsmuster entwickeln. Meine These ist: Lebensformen lösen Probleme, Probleme allerdings, die nicht etwa das „Menschsein per se“ betreffen, sondern in einer bestimmten historischen und sozialen Situation eingebettet und von bestimmten normativen Erwartungen geprägt sind. (…)“

Dieser Ausschitt stammt aus dem Gespräch ‚Lebensformen sind nicht nur Geschmackssache‚, in dem Beate Hausbichler die Philosophin Rahel Jaeggi auf ‚DerStandard‘ zu ihrem neuen Buch interviewte.

One Comment leave one →
  1. Januar 17, 2014 9:45 am

    Das liest sich wie ein alter Traum: Wir müssen uns in nichts hinein fügen. Wir können. Ich kenne Frau Jaeggi bisher so gar nicht. Also vielen Dank für diesen Auszug und den link dazu.

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