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„The Mamas and the Papas“ und der Muttermythos ab den 90ern.

Dezember 15, 2013

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Ein höchstwahrscheinlich sehr empfehlenswertes Buch ist erschienen – und zwar „The Mamas and the Papas: Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse.“ Das ‚höchstwahrscheinlich‘ bezieht sich darauf, dass das Buch leider noch nicht bei mir eingetroffen ist und ich deswegen keinen Blick in die meisten Texte werfen konnte. Das ’sehr empfehlenswert‘ lassen Autor_innen wie Sonja Eismann, Jonas Engelmann und Astrid Henning vermuten, ebenso Titel wie „Feministische ­Schwangerschaftsanekdoten“ oder „Die Hinterfotzigkeit des kindlichen Glücks“.

Ein Beitrag namens „Who’s your mommy now? Nationalmütter, Fuckermothers und die Geschichte des ­Muttermythos“ kommt auch von mir. Zur Feier der Veröffentlichung folgt nun ein Ausschnitt daraus, der sich – nach einer Erörterung des Vergangenen – mit aktuellen Erscheinungen des Muttermythos befasst:

[…] „Die neunziger Jahre brachten eine weitere Transformation des Mutterideals mit sich. Nun wurden beide Negativtypen in die ‚Allround-Mom’ integriert. Die erwerbstätige Frau durfte sich nun, zumindest in Maßen, in ihrem Beruf selbst verwirklichen. Und auch die sexualisierte und öffentliche Frau konnte Mutter sein. Beginnend mit der nackten und schwangeren Demi Moore, 1991 auf dem Cover der Vanity Fair, wurde der mütterliche Körper zum erotischen Gegenstand. Die Typen der ‚Yummy Mommy’ und der MILFs, der ‚Mom I’d like to fuck’, entstanden. Doch der neue Muttermythos führt mittlerweile noch weiter: Nicht nur der Beruf, sondern auch die mütterliche Pflegearbeit steht jetzt im Zeichen der Selbstverwirklichung und wird zunehmend in der Öffentlichkeit zelebriert. Dazu gehört auch das Web 2.0, in dem Mommy-Blogger den Raum des Privaten überschreiten und sich eine eigene Form der Sichtbarkeit schaffen. Inmitten postmoderner Assemblagen ist die Übermutter der neue Übermensch und versammelt sämtliche Attribute des Superlativs in sich. Sie ist schön! Sie ist erfolgreich! Sie ist glücklich! Sie hat schöne Kinder! Und glücklich und erfolgreich werden die Kinder auch! Ihr Körper ist stets schlank, fit und sexy, sie kann männlich-hart sein, sie brilliert im Kampfsport und trinkt Bier, sie kann aber auch weiblich-weich sein, hat tolles Haar, eine saubere Wohnung und bastelt die buntesten Bento-Boxen für ihre Kinder. Und stricken kann sie vielleicht auch, aber keine langweiligen Wollsocken sondern hippe Handwärmer. Diese ständig aktive, nimmermüde Frau ist die heutige Jacobs-Krönungs-Frau, die nun Kinder bekommen hat. Am besten illustriert wohl Angelina Jolie das neue Mutterideal, wie Millionen von Fotos in der Klatschpresse beweisen. Etwa beschreibt die ‚Gala’ sie 2012, als „echtes Multitasking-Talent: Neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin und Schauspielerin ist sie ganz nebenher auch noch liebende Mutter.“ Mit ihrer glücklichen Großfamilie transzendiert sie, göttinnengleich, Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit, von Selbstverwirklichung und Aufopferung, Karriere und Gefühl, von leiblicher und sozialer Elternschaft, von Landesgrenzen und Nationalitäten, von Sexyness und Fürsorge.

Einerseits ist diese Flexibilisierung des Mythos eine gute Sache, schließlich hat sie die engen Grenzen des klassischen Mutterideals gesprengt. Sicherlich ist es zu begrüßen, dass Mütter nicht selbstlose Hausfrauen ohne Unterleib zu sein haben. Zweifellos bin ich lieber heute Mutter, als in der Gesellschaft vor 30 oder gar 100 Jahren. Anders als meine Mutter betrachte ich heute meinen Beruf stolz als Selbstverwirklichung und nehme dafür auch finanzielle Unsicherheit in Kauf. Mein Partner ist für ein Jahr in Elternzeit gegangen und beteiligt sich selbstverständlich bei der Hausarbeit. Ich habe einen Blog, färbe das ergrauende Haar, kaufe mir modische Kleidung und trage Nagellack.

Andererseits ist die Freiheit des neuen Mutterideals weder grenzenlos noch ohne Preis. Denn die Sexualität jener ‚Yummy Mommy’ ist Teil des kapitalisierten Fleischmarktes, den zuletzt Laurie Penny (2012) kritisierte. Um nicht Abjekt, sondern erotisches Objekt sein zu dürfen, ist der mütterliche Körper weiter von engen Normen beschnitten – dünn, meist weiß, jung, hübsch und fit muss er sein, und mit genügend Kapital ausgestattet, um sich die neusten Modetrends leisten zu können. Die Erlaubnis, weiterhin erotisch attraktiv sein zu dürfen, ist an Heterosexualität und serielle Monogamie geknüpft. So groß muss die Kontrolle über diesen Körper sein, dass seine materielle Eigenständigkeit nicht erlaubt ist. Fast scheint es so, als müssten die Celebrity-Moms durch die spurlos an ihnen vorüber gegangene Schwangerschaft demonstrieren, dass ihr Geist alles Fleischliche transzendiert. Photoshop tut sein übriges. Dieser schöne neue Körper ist nur noch die Idee seiner selbst und erscheint so auf gewisse Weise wieder körperlos.

Dazu kommt, dass sich der Mythos der Allround-Mutter nahtlos in die Anforderungen des Neoliberalismus einreiht. Er bildet Teil jenes flexiblen Menschen, den der Soziologe Richard Sennett (2000) als Subjektentwurf des Spätkapitalismus mit seinen prekarisierten Arbeitsverhältnissen beschreibt. Dieser Mensch ist entgrenzt und anpassungsfähig, es wird nicht mehr von festen Rollenerwartungen fixiert oder von sozialstaatlicher Sicherheit aufgefangen. Dabei hilft der neue Muttermythos unliebsame Realitäten auszublenden, etwa dass in Zeiten sinkender Reallöhne die Einverdiener-Ehe kaum mehr zu finanzieren ist und so die meisten Mütter schon aus schierer Notwendigkeit berufstätig sind – und Altersarmut und Prekarisierung dennoch drohen. Auch Zeitnot und Schuldgefühle, die Erben alter Ideale und neuerer psychologischer Theorien, sind ständige Begleiter, die Barbara Streidl (2012) oder Rike Drust (2011) in ihren Büchern zu moderner Mutterschaft schildern. Der Mythos 2.0 sagt zu all diesen Problemen: Die ideale Mutter ist so motiviert und selbstverwirklicht, dass sie immer einen Job hat, so verführerisch, dass sie niemals alleinerziehend sein wird, so jung und gesund, dass sie niemals von Altersarmut betroffen sein kann. Nebenbei erzieht sie ihre Kinder zu so perfekten Menschen, dass auch diese mit Bravour alle Anforderungen der Leistungsgesellschaft erfüllen werden. Wer das nicht schafft, ist selber Schuld.“ […]

Die Fortsetzung gibt es im Buch.

L. Böckmann & A. Mecklenbrauck (Hrsg.), The Mamas and the Papas: Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse. Mainz: Ventil Verlag.

5 Kommentare leave one →
  1. BonnieParker permalink
    Dezember 16, 2013 10:55 am

    «Mit ihrer glücklichen Großfamilie transzendiert sie, göttinnengleich, Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit, von Selbstverwirklichung und Aufopferung, Karriere und Gefühl, von leiblicher und sozialer Elternschaft, von Landesgrenzen und Nationalitäten, von Sexyness und Fürsorge.»
    «Die ideale Mutter ist so motiviert und selbstverwirklicht, dass sie immer einen Job hat, so verführerisch, dass sie niemals alleinerziehend sein wird, so jung und gesund, dass sie niemals von Altersarmut betroffen sein kann.»
    Wohl gebrüllt (und formuliert) Löwin!

  2. BonnieParker permalink
    Dezember 16, 2013 10:56 am

    Allerdings hat dieser Text noch vor dem Aufstehen meinen Tag ruiniert. Ich war schon um 6:00 Uhr wach: Zukunftsangst. Genau der richtige Moment um über Mutterideale zu lesen… Rückblickend ein gelungenes Experiment. Von fuckermothers klugen und kritischen Text bliebt bei der Erstlektüre genau so viel hängen: «Es ist eine Schande, dass Du immer noch mehr wiegst als vor der Schwangerschaft und ein Zeichen tiefen Versagens, dass Du in Deinem Job nicht glücklich bist!» WHAT!? HILFE! HAB ICH DAS GEDACHT?! Mein femistisch-analystisches Urteilsvermögen schläft offensichtlich um die Uhrzeit noch. Es kam noch schlimmer: «Alle anderen bekommen das ja offensichtlich super, fuckermothers z.B. schreibt mal eben einen so coolen Text.» Neid ist die Schwiegermutter der Ideologie…
    Ich begebe mich also noch ein Stückchen tiefer in den Selbstzerfleischungsfleischwolf und nehme mir wahnsinnig übel, nicht über diesen vermeintlichen Erwartungen zu stehen und gebe mir eine 6 minus in Widerstandspotential und Selbstbestimmung.
    Mit dem Neid, fürchte ich, bin ich längst nicht die einzige, treffender vielleicht mit einem Vergleichszwang, der aus der Angst nicht zu genügen entsteht. Mir scheint, der stichelt gerade so fies, wo ein gemeinsamer Nenner benannt und das Andere deutlich fixiert ist. Denn die Frau, die Kind u.s.w. zuhause bleibt ist doch meinem Umfeld piep egal – auf den ersten Blick zumindest.
    Als wir uns kennenlernten haben wir abends beim Bier gegen das Schönheitsideal gewettert – theoretisch hochgerüstet – und ich verwette die letzte Klamotte, in der ich mich noch halbwegs urban und cool finde, dass ich nicht die einzige war, die trotzdem in H&M Umkleide geweint hat und heimlich dachte, dass sie Kleidergröße 34 haben müsste, um ihre Stimme gerechtfertigt gegen den Schlankheitswahn zu erheben. Nun unterhalten wir uns mit ernsten Gesichtern, über die Tücken «moderner Mutterschaft» und finden – in der Tat aufrichtig – total unterstützenswert, dass die Freundin ihren Job auf halbtags runterschraubt, während wir uns selbst nicht verzeihen, wenn wir die Vollzeitstelle nicht mit links wuppen.

    • Dezember 17, 2013 8:48 am

      Fuckmother und Bonnie Parker: Danke. Scheiß aber auch. Bin eine davon. Und heute ist ebenfalls genau der falsche Tag sowas zu lesen. Oder genau der richtige.

  3. Dezember 27, 2013 12:57 am

    sehr, sehr cooler Post ! Und das Ganze von einer Angehörigen der elterlichen Mehrheitsgesellschaft, die uns, als ungewollt Kinderlosen, ansonsten gerne dank ihrer normativen Deutungsmacht täglich mehrfach in die Eierstöcke treten😉
    Der Müttermythos ist eine der wesentlichen Stolperfallen, in der Du Dich nämlich auch als CNBC (childfree not by choice) wahnsinnig toll verheddern kannst. Dann nämlich, wenn es darum geht, dass ein Kind um jeden Preis auch keine Lösung sein kann. Bei aller Trauer im Abschied vom Kinderwunsch.
    In unsere Lebensrealität übersetzt klingt das Thema etwa so:
    Milla Hyatt schreibt in ihrem Buch „Ungestillte Sehnsucht“ vom „Zwang zur Mutterschaft“ und verweist damit ebenfalls darauf, dass gesellschaftlich gesehen Mutterschaft oder Elternschaft das heutige Leitbild ist. Und diesen Leitbildern unterliegen letztlich doch die meisten Menschen. Die, der Mehrheitsgruppe der Eltern und die ungewollt Kinderlosen.
    So mischt sich wohl auch im eigenen Kinderwunsch die gesellschaftliche Komponente mit einem ganz elementaren Bedürfnis nach eigenen Kindern.
    Auch Badinter verweist, nach den Motivationen eines Kinderwunsches befragt, auf normative Deutungsmachten: “der gesellschaftliche Diskurs betont eindeutig, dass man Kinder haben sollte, so dass jeder normale Mensch „Lust hat“, welche zu bekommen. Aus diesem Grund wird die Lust auf eigene Kinder auch nicht immer hinterfragt“.
    Und während sich die ungewollt Kinderlosen im Laufe der Zeit zwangsläufig mehr oder weniger mir dieser „Lust auf Kinder“, dem Wunsch an sich auseinandersetzen, aus ihrer besonderen Lebenssituation heraus, hat die elterliche Mehrheitsgesellschaft den Fokus eher auf den Kinderlosen. Statt den eigenen Kinderwunsch zu hinterfragen, wird hinterfragt, warum denn nun die anderen KEINE Kinder haben.
    Es gibt wenige Mütterblogs, in denen ich lesen mag ohne brechen zu wollen🙂 Hab daher Dank für den Deinen! LG, Isa

    • August 9, 2014 9:51 am

      Danke für deinen Beitrag, nun hab ich noch n neue Abkürzung🙂 Ich werd da nochmal in mich gehen was Zwang ist und was wirkliche Sehnsucht…oder so.
      Überhaupt super Artikel. Gleich beim ersten Abschnitt dachte ich, DIE kenne ich,…stoße ich als Bloggerin zum Thema Handarbeiten zwangsläufif drauf…und manchmal komme ich hart an meine Kotzgrenze wenn ich über diese wahnsinnig perfekt erscheinenden Frauen mit Ihren perfekten Leben stolpere – und doch bin ich gleichzeitig auch Eifersüchtig. Weil die haben wenigstens was….ich eher nix davon.. nunja. Thankx.

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