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Sex-Kriege. Ein Re-Post. (eigentlich hab ich keine Lust auf die Debatte)

Dezember 11, 2013
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Kampagne gegen die Diskriminierung von Sex-Arbeiter_innen (Hintergründe und Debatte dazu: Bluemilk)

Eigentlich hatte ich keine Lust auf diese Sex-Arbeits-Debatte. Auch, weil ich bereits seit langem keine ‚Emma‘-Leserin mehr bin. Die Zeitschrift war für den deutschsprachigen Feminismus sicherlich sehr wichtig und hat mich (zumindest in meiner Teenager-Zeit) durchaus beeinflusst. Ich habe mich aber schon immer wieder und immer sehr über viele in der ‚Emma‘ veröffentlichte Texte geärgert – sei es über den paternalistischen und pauschalisierenden Ton oder über die politische Haltung, etwa zum ‚Islam‘ oder ‚der Prostitution‘. Nachdem aber auch Pinkstinks trotz ihres ‚Eigentlich‘ („Eigentlich wollten wir uns raus halten“) ihre Position dazu gepostet haben, kommt hier eine Neuauflage eines älteren Textes, der vor einem Jahr auf ‚fuckermothers‘ erschien.

Die feministischen Sex-Kriege waren lang und blutig. Naja, wirklich blutig waren sie nicht, aber ich fand den Eingangssatz so schön dramatisch. Lang, das waren sie jedenfalls. Sie begannen Ende der 1970er Jahre, endeten offiziell  in den neunzigern, einzelne Scharmützel gibt es aber heute noch. Eine verkürzte Darstellung der Fronten: Auf der einen Seite standen diejenigen, die gegen Pornographie und Prostitution waren, weil diese per se ein Ausdruck patriarchaler Unterdrückungsverhältnisse und männlicher Sexualität darstellen sollten. Zu ihnen gehörte unter anderem Catherine MacKinnon und auch Alice Schwarzer mit ihrer PorNo-Kampagne.

Auf der anderen Seite standen die sex-positiven Feministinnen, zu denen unter anderem Gayle Rubin gehörte. Sie betonten Individualismus, Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmtheit von Frauen. Während erstere Prostituierte in erster Linie als beklagenswerte Opfer sahen, waren sie in den Augen der zweite Gruppen (meist) aktiv entscheidende und handelnde. Inzwischen gibt es deswegen auch feministische Pornos, die etwa über den ‘feminist porn guide‘ zu finden sind.

Ich finde das wichtig, um die Debatte um sex-arbeitende Mütter einordnen zu können. Denn Eva Schless richtet sich in ihrem Artikel ‘Sex worker & mother‘ gegen die erste Position. Ausgangspunkt des Textes war ein Bemerkung, dass Sex-Arbeit Ausbeutung sei und nie wirklich selbstbestimmt sein könne, da eine sex-arbeitende Mutter schließlich niemals ihrer Tochter zu diesem Job raten würde. Schless erklärt, sie wolle ihre Tochter ermutigen den Beruf zu ergreifen, den sie sich wünsche.

Ihre Ansicht: “ I cannot stand the uninformed and ignorant rant that sex work is not empowering or a real ‘choice’. I am going to put it in a very simple way: I love sex. I f*cking LOVE it. I have loved it before I even knew what it was or that there was such a thing as the patriarchy. All I knew was that something down there felt really good. As I grew up and learned more about it – I loved it even more. And as I started to do it… I realised I was really, really good at it. So, something I really enjoy, am good at and can be paid to do is somehow NOT my choice?”

Eine ähnliche Meinung vertritt ‘ThisIsYourDaughter’: “Es gibt Menschen, die wollen Sexarbeiter sein. Und es gibt Menschen, die diese Dienstleistung in Anspruch nehmen. Und wenn diese Menschen miteinander Verträge schliessen, wenn Dienstleistungen gegen eine angemessene Vergütung zu fairen Konditionen erbracht und bezahlt werden, wenn das zwischen zwei erwachsenen Menschen bewusst und klar umrissen geschieht, dann ist für mich nichts Schlimmes daran. Im Gegenteil. Das ist anständige Arbeit gegen anständiges Geld, und damit ist es in meinen Augen eine gute Sache.Das ist anständiger, als Leiharbeiter für sechs, sieben Euro auszubeuten. Das ist anständiger, als Frauen, weil sie Kinder haben immer nur von einem befristeten Arbeitsverhältnis ins nächste zu hetzen.”

‘Mutterseelenalleinerziehend’ sieht das mit der Wahl dennoch k0mplizierter und betont gesellschaftliche Strukturen: “Die heterosexuelle Prostitution ist in der Regel weiblich und sie bedeutet, dass das Geld eines Anderen über den Körper einer anderen verfügen darf. (…) Ich respektiere diese Frauen als Menschen. Ich will sie weder stigmatisieren, noch für verkehrt erklären. Aber ich bin eine Visionärin und möchte klarstellen, dass es in einer Welt mit größerer Statusgleichheit und weniger Geldsorgen vermutlich gar keine Prostitution geben würde. Das ist in meinen Augen die einzig wichtige Frage: Würdest Du diesen Beruf auch machen, wenn ich Dir jeden Monat 8000 Euro überweise?”

Ich frage mich, ob man bei der Diskussion um ‘Sex-Arbeit’ weniger auf den ‘Sex’ und mehr auf die ‘Arbeit’ und deren Bedingungen schauen sollte. Wenn die Arbeitsbedingungen allein von Kapitalismus und Ausbeutung geprägt sind, ist die Arbeit wohl kaum selbstbestimmt und empowering. In anderen Kontexten jedoch ist sicherlich eine freie und befriedigende Arbeit möglich. Ich schliesse also mit einer Banalität: Sex-Arbeit ist nicht gleich Sex-Arbeit und sollte, wie alles, differenziert betrachtet werden.

PS: Schön fand ich auch den Text von Meredith Haaf in der ‚SZ‘ zur aktuellen Debatte.

3 Kommentare leave one →
  1. Dezember 11, 2013 5:11 pm

    Ich finde schon, dass die alte Alice die Sache differenziert betrachtet:
    „Stellen Sie es sich nur einen Moment lang vor: Sie liegen nackt auf einem Bett im „Laufhaus“ oder „Studio“. Oder sie stehen halbnackt an einen Baum gelehnt im Gebüsch an einer Ausfallstraße. Der Mann wird Ihnen danach einen Schein geben. 50 Euro , wenn es viel ist. 10 Euro, wenn es wenig ist. Er sagt „Na, Schätzchen“ zu ihnen. Oder auch „Du alte Fotze“. Er kann Sie anfassen. Am ganzen Körper. In Sie eindringen. In jede Öffnung. Das heißt: Anal kostet extra. Ins Gesicht abspritzen auch.“ (http://www.aliceschwarzer.de/artikel/editorial-312913)

    Die Frage, ob man die Politik nach der Situation der erschlagend grossen Mehrheit ausrichtet, oder nach einer winzigen Minderheit, halte ich für legitim.

  2. Dezember 11, 2013 5:17 pm

    P.S. An dem Haaf-Artikel finde ich sehr schade, dass die Autorin nur auf die Person Schwarzers schiesst, nicht aber auf ihre Argumente. Hat sie denn keine sachbezogenen Gegenargumente?

  3. Dezember 18, 2013 9:38 am

    h finde die Frage richtig, ob man die Politik an einer winzigen Minderheit ausrichtet oder an der erschlagend grossen Mehrheit – und ich nehme an, damit ist gemeint, dass die allermeisten Sex-Arbeiterinnen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Aber hier kann die Politik ohne weiteres einiges ändern. Daher ist der Hinweis auf andere Berufe hilfreicher. Warum finden manche Feministinnen Sex-Arbeit so problematisch, während sie etwa die (Zwangs)-Arbeit von Rumäninnen bei Wiesenhof zwar wahrscheinlich auch schlimm finden, aber keine Kampagne lostreten. Dabei fällt es doch deutlich leichter sich Sex-Arbeit unter fairen Bedingungen als positiv vorzustellen, die Arbeit in einer Wiesenhof-Fabrik scheint mir hingegen auch bei bester Bezahlung nicht erstrebenswert. Das auch zur Frage: Würde ich den Job meiner Tochter empfehlen: Empfehlen würde ich sicher beide nicht. Aber ich denke mein Impuls meine Tochter davon abzubringen, zu tun, was sie tut, wäre bei der Wiesenhof-Fabrik deutlich größer.

    Zum Hinweis, dass heterosexuelle Prostitution weitestgehend weiblich ist: Ja, aber was genau ist daran ein Problem? Homosexuelle Prostitution ist fast ausschließlich männlich. Heterosexuelle Prostitution ist meist weiblich, weil die Nachfrage nach der Dienstleistung meist männlich ist – ob homo oder hetero. Frauen gehen eben lieber zum Psychotherapeuten. Wahrscheinlich ist letzteres gesünder. Damit sollten sich Männerbewegte auseinandersetzen.

    Wiesenhof siehe hier: http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/gefluegelproduzent-hungerloehne-bei-wiesenhof-subunternehmen,10808230,25618120.html

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