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Zwei Väter, zwei Kinder – Interview, 2. Teil

Dezember 4, 2013

Renee und Wolfgang sind seid 22 Jahren ein Paar und haben zwei Pflegekinder: Alara, 12 und Jens, 2 . Auch Alaras älterer Bruder Emin lebte lange Zeit in der Pflegefamilie, bis er vor einigen Monaten zu seiner leiblichen Familie zurückkehrte (alle Namen geändert). Die Familie wohnt in einem Haus in Berlin. Das Interview entstand 2005 im Rahmen eines Fotoprojekts zu queeren Familien und wird in drei Teilen veröffentlicht. Hier (nach dem ersten) der zweite Teil:

In welcher Verfassung waren die Kinder, als sie zu Euch kamen?

Renee:   Die beiden waren stark vernachlässigt und deswegen sehr in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Sie konnten kaum sprechen – weder deutsch noch türkisch. Einmal, es war Weihnachten und fing an zu schneien, stand Alara vor dem Fenster und sagte: Wawawa. Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was sie wollte. Bis wir dann rausbekommen haben, Wawawa sollte Weihnachtsmann heißen.

Wolfgang:   Und Schipschipschip waren Fischstäbchen.

Renee:   Was ich erschreckend finde ist gar nicht so der körperliche Rückstand, den bekommt man relativ schnell weg. Aber wie schwer es ist, die psychischen Dinge nachzuholen.

Wolfgang:   Die beiden haben z.B. auch eine Lese- und Rechtschreibschwäche.

Renee:   Aber dafür hat Alara große soziale Intelligenz. Und sie hat einen großen Willen, sie will in die Schule, sie will lernen.

Wann kam das Gefühl, eine Bindung zu haben, als Familie zusammengewachsen zu sein?

Renee:   Also ich würde sagen bei Alara war das so nach einem Jahr. Und bei Emin auch, aber immer so mit einem „aber“ verbunden. ‚Es ist zwar gut hier, aber’. Und seine Eltern hingen stark an ihm. Letztendlich hat es ja auch mit ihm leider nicht geklappt.

Haben Eure Pflegekinder noch Kontakt zu ihren Herkunftseltern?

Wolfgang:   Alle haben mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt. Alara sieht ihre Mutter ab und zu. Den Vater seltener. Beiden Eltern war das Sorgerecht entzogen worden. Und wir hatten ziemlich viele Probleme, auch Rechtstreitigkeiten mit ihren Eltern. Jens Mutter hatte sich damals selber beim Jugendamt gemeldet und gesagt, sie kann für das Kind nicht sorgen, und die sollen bitte einen Platz für ihn suchen. Sie war 16 als er geboren wurde. Und von daher hat sie natürlich einen anderen Zugang zu dem Kind. Sie hat das Sorgerecht und besucht ihn jetzt einmal im Monat

Gab es mit den Eltern auch Probleme, weil ihr schwul seid?

Wolfgang:   Ja, vor allem bei Alara und Emin war das ganz extrem so. Es ist die Frage, ob es vom Jugendamt damals so schlau ausgewählt war – wobei auch die Frage ist, wie viel Rücksicht man auf die Eltern nehmen sollte.

Renee:   Ich denke, wenn wir kein schwules Paar wären, wäre es in diesem Fall einfacher.

Und die Mutter von Jens?

Renee:   Die wollte das.

Wolfgang:   Die hatte extra beim Jugendamt gesagt, sie wolle keine konventionelle Familie. Nicht weil sie damit Schwierigkeiten hat, sondern – sie kommt aus der Gothic-Szene – sie hat gesagt, die Leute haben oft Schwierigkeiten mit ihr. Und da man ja Kontakt zu den Pflegeeltern hat, wollte sie lieber…

Renee:   …andere Eltern. Und da ist sie bis jetzt ganz froh damit.

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