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Antifranzösische Ressentiments

Oktober 27, 2013
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Klischees (Bild: Fuckermothers)

… gibt es in Deutschland schon sehr lange. Seit dem 19. Jahrhundert machen die sich gern an Mutteridealen fest. Spätestens mit der Gründung des deutschen Reiches und dem damit verbundenen Nationalismus entstand die stereotype Gegenüberstellung der ‚egoistischen, eitlen (nicht-stillenden) Französin, die ihre Kinder vernachlässigt‘ und die der ‚guten deutschen (stillenden) Mutter, die sich voller Liebe aufopfert‘. Mit fast identischem Inhalt tauchen diese Figuren seither immer wieder auf. Zuletzt war das in zwei Artikeln (Zeit und Spiegel) der Fall, die – polemisch zusammengefasst – davon handeln, dass französische Mütter nun endlich merken, dass sie auf dem falschen Weg sind und beginnen, ihren deutschen Schwestern ins Licht zu folgen.

Waren diese beiden Neuauflagen alter Klischees sehr ärgerlich, so war dagegen eine Replik erfreulich, nämlich: Fremdbetreut = total gestört? Die grenzenlose Skepsis der Deutschen gegenüber dem französischen Modell von Kinder, Küche und Karriere‚ von Michaela Schonhöft auf Kindheiten. Ein Ausschnitt

 Beide Artikel bedienen leider alte Vorurteile und beklatschen indirekt ein traditionelles Frauenbild, auch wenn diese Frauen vielleicht „dezent geschminkt“ sind und enge Jeans tragen. Zwar wird erwähnt, dass die Frauen sich gestresst fühlen, weil die Männer sich von der Hausarbeit schon recht gern fernhalten, und die Firmen sich wenig kooperativ zeigen. Doch statt weiter darauf einzugehen, beschwören die Autorinnen Ängste vor einem Zuviel an „Fremdbetreuung“. (…). Sie behaupten auch, es gebe keine Studien, die die Gefahrlosigkeit dieser frühen „Verwahrung“ garantieren könnten. Das ist natürlich Quatsch. Die Langzeitwirkungen von früher Krippen- und Kita-Betreuung sind sehr gut untersucht. Bei guter Qualität der Betreuung ist nicht zu befürchten, dass eine ganze Generation „fremdbetreuter Kinder“ schwer gestört in die Grundschulen stolpert, in denen die Ganztagsbetreuung ihnen dann den Rest gibt. Im Gegenteil: Es belegen immer wieder neue Untersuchungen aus den verschiedensten Ländern, wie förderlich schon ein früher Kindergartenbesuch sein kann, stimmen denn die Bedingungen.

Abschließend noch zwei kleine Kritikpunkte an Schonhöfts Text insgesamt: Zum einen finde ich den Verweis auf den vermeintlich französischen ‚autoritären Erziehungsstil‘ problematisch und pauschalisierend. Zum anderen sind Verweise auf  ‚Primatenweibchen‘ doch gefährlich biologistisch – allerdings handelt es sich in dem Zusammenhang um die Forschungsarbeiten von Sarah Blaffer Hrdy, die auch Donna Haraway in ihrem Buch zur Primatologie erwähnt. Und Donna Harway ist toll.

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8 Kommentare leave one →
  1. Oktober 27, 2013 11:22 pm

    Ich kenne beide Welten und weiss, dass in Frankreich nicht alles Gold ist was glänzt.
    Französinnen leiden genau so unter Double bindings etc. und viele würden tatsächlich gerne mehr Zeit zur Verfügung haben für Kinder und Haushalt. Aber weniger aus romantischen Gründen, sondern weil die langen Arbeitswege, lange Arbeitszeiten, Kinder abholen, versorgen, Haushalt erledigen, sich schön machen für den Mann, ….. ganz schön anstrengend sein kann. Die brennen genau so aus, wie deutsche, schweizer oder österreicher Frauen – nur vielleicht an einer anderen Front.
    Was hingegen nervt, ist wenn wir hier immer wieder den sog. französischen Erziehungsstil um die Ohren gehauen bekommen (den es so ja auch nicht gibt, was Druckermann in ihrem grässlichen Buch beschreibt ist die obere Mittelschicht, bzw. natürlich der Teil davon, den sie kennt – und nicht anderes!)
    Frankreich hat eben erst ein Verbot der „körperlichen Züchtigung von Kindern“ mit 90% verworfen. 90%, die Körperstrafen in der Erziehung für angebracht halten. Das muss man sich mal vor Augen führen! Es gibt hier sogar Kinderpsychologen die finden, ein Klaps auf den Hintern oder eine Ohrfeige sei eine adäquate Art, Grenzen zu setzen.
    Die Gefahr des „zuviel an Fremdbetreuung“ sehe ich als gegeben, in dem Sinne dass Eltern und Kinder einander entfremdet sein können (aber Kinder und Jugendliche haben dafür ein anderes Beziehungsgeflecht zu anderen für sie wichtigen Erwachsenen; es ist einfach nicht so exklusiv mutterlastig). Und die Entfremdung ist auch nicht grösser, die zwischen dem hiesigen Vollzeit arbeitende Durchschnittsvater und seinen Kindern.

  2. Oktober 28, 2013 6:52 am

    Vielen Dank für die Besprechung! Und danke auch für die Kritikpunkte. Das sind gute Hinweise für weitere Beitrage, da werde ich die Argumentationskette nicht so verkürzen. Natürlich ist das Urteil „autoritäre Erziehung“ für Frankreich nur pauschalisierend. Es thematisiert eine Tendenz. Und in Frankreich erziehen (natürlich längst nicht alle) Eltern tendenziell autoritärer. Eine Backpfeife, eins auf den Hintern: Das alles ist noch nicht verboten. Ein Gesetz, das jegliche körperliche Züchtigung von Kindern völlig untersagt, gibt es allerdings leider auch in Deutschland noch nicht allzu lange, und es gab viel Widerstand dagegen. Viele Franzosen erziehen inzwischen sehr warmherzig. Das ist zuletzt auch der inzwischen verstorbenen Analytikerin Francoise Dolto zu verdanken.
    Natürlich argumentiere ich nicht biologistisch. Dieses Argumentation war in der Tat zu verkürzt. Es basierte auf den wundervollen Büchern von Sarah Blaffer Hrdy, die zwar Anthropologin ist, aber stets die kulturellen EInflüsse auf das menschliche Verhalten untersucht. Denn genau das war in den Jahrzehnten ihrer Forschertätigkeit ihre Aufgabe: Die Stereotype biologistischer Argumentationen zu entlarven.

  3. Oktober 28, 2013 2:30 pm

    Hach, bei Dir gibt es immer so spannende Themen. Dieser Text hier könnte für mich gut etwas ausführlicher sein. Ich beschäftige mich gerade mal wieder mit der NS Zeit. Und es ist immer wieder festzustellen das diese auch in der Erziehung feste Spuren hinterlassen hat, die immer noch nachwirken. Ich persönlich erlebe immer wieder das es hier immer noch viele autoritäre Eltern gibt, vorallem in den Bildungsfernen Schichten – da ist Schlagen und Schreien ganz normales Erziehungsmittel. Genauso wie es die Softieeltern gibt die Ihr Kind ständig fragen was es möchte und ob es möchte (was den Kindern auf Dauer ein schlechter Halt ist)
    Außerdem sehe ich Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Und ich finde Krippe sehr sehr schwierig. Wenn es da keine feste Bezugsperson gibt, und das wird es kaum, weil die Betreuerinnen oft zuviele Kinder haben. Die Kinder die zu früh in Betreuung gegeben werden,- und das kann man so in Zahlen nicht benennen, für manche Kinder ist es eben früher möglich, für andere später – je nach Persönlichkeitsstruktur, haben später oft starke Beziehungsprobleme bei Freundschaften und auch Partnerschaften, weil Sie nie ein festes Vertrauens/Sicherheitsfundament erfahren haben.
    Hierzu empfehle ich das Buch „Ichlinge“ und auch Herrn Maaz und überhaupt die ganzen Bücher über psychologische Entwicklungsstufen – da gibt es heute ja ne Menge Literatur.
    Auf den Vergleich Frankreich/Deutschalnd und Ihre Mütter bin ich hier übrigens erst das 2. mal gestoßen. Ich kenne den Vergleich eher im Thema Bildung/Schule.

    Viele Grüße

    • Oktober 28, 2013 6:45 pm

      Zum Thema NS-Zeit und Kindererziehung gibt es ein exzellent recherchiertes Buch „Die Geschichte vom kleinen Tyrannen“, geschrieben von der Historikerin Miriam Gebhardt. Was die Unterbringung in Krippen betrifft: Da gibt es auch viele Vorurteile, leider aber auch viele schlechte Beispiele. In Japan und Norwegen gibt es zum Beispiel exzellente Krippen, die einen ganz anderen Namen verdienten. In der Japan Times äusserte sich einst eine Erzieherin, die ihr erstes Kind erwartet: Sie wüsse nicht, ob sie ihr eigenes Kind so lieben können wie die von ihr betreuten“. Da kann man in der Tat nicht mehr von Fremdbetreuung sprechen, sondern von einer Zusatzmutti. Eine gute Lektüre zum Thema ist auch Heidi Kellers „Kulturen der Kindheiten“. Maaz sehe ich eher kritisch. Der hat in der Wissenschaftswelt auch keinen sonderlich guten Ruf. Immer wieder spannend ist auch Sarah Blaffer Hrdys „Mütter und andere“. Es gibt übrigens auch ganz tolle Tagesmütter, für diejenigen, die mit der Krippenunterbringung hadern (ich habe in Deutschland bisher nur von wenigen sehr guten Einrichtungen gehört). Da ist also noch viel Luft nach oben….

      • Oktober 28, 2013 8:20 pm

        Danke für die vielen Tips. Genial. Muß ich alles lesen.
        Ich kann ja nur von meinen Erfahrungen sprechen und was ich in meinem Umfeld erlebe. Und was Maaz z.b. in seinem „Gefühlsstau“ über die Kindheit in der DDR schreibt kann ich so nur bestätigen. Für mich war das Buch in vielerlei Hinsicht eine Art Offenbarung, auch weil mir dadurch zahlreiche andere Einflüsse nochmal sehr klar vor Augen geführt worden, z.B. wieviel Einfluß so ein Staatssystem hat.
        Habe selbst gerade das Buch: Sexualität im 3. Reich gelesen (mit sehr vielen Quellenangaben) und auch hier jede Menge wissenswertes zum Thema.
        Ich wohne in einem der Geburtenstärksten Stadtteile Deutschlands. Und Tagesmütter sind hier auch extrem beliebt. Leider haben diese auch schon Wartelisten und mehr würden keinen Wohnraum finden…
        Ich denke trotzdem das es ein großer Unterscheid ist zwischen Krippe und Kindergarten. In den ersten 1 bis 3 Jahren, und vorallem davor ist ein Kind auf eine feste Bezugsperson angewiesen, bzw wird dies dem Kind die Zukunft sehr sehr erleichtern (Entwicklungstechnisch).
        Ich wurde selbst mit 6 Wochen in die Kindergrippe gegeben. Der „Schaden“ der daraus für mich als auch noch Hochsensibler Mensch entstand wurde mir erst 3 Jahrzehnte später bewußt. Für mich hat es mein ganzes Leben sehr negativ beeinflußt. (Obwohl die Erzieher ja so nett gewesen sein sollen). Wichtig finde ich, und das ist für mich auch das Grundverständnis von feministischen Themen, das ich/die Mutter…etc. die Wahl hat und bei diesem Thema aber eben auch das Kindeswohl am meisten eine Rolle spielt. Gerade das 1. Lebensjahr ist extrem prägend und hier werden soviel Grundsteine für später gelegt.

        Liebe Grüße
        und bitte weiter so mit den Themen 🙂

      • Oktober 28, 2013 8:51 pm

        Ps.: Kleiner Tyrann: das hatte ich schon mal gesehen das Buch. Und da gehts ja eben genau darum, also um die Einflüsse der NS, die bis heute nachwirkt. Das Buch „Die deutsche Frau und Ihr erstes Kind“ was die Erziehung in Deutschland dann vollends und offiziell verdorben hat, wurde übrigens bis in die 80iger Jahre hinein verlegt. Das ist echt der Hammer.
        Und noch heute gilt ja irgendwie wenns sauber und ordentlich ist, dann ist es ein gutes Zuhause – Liebe zählt da erstmal nicht viel. Ein Witz wenn man sich das mal zu Gemüte führt.
        Und ich merke das auch immer wieder im Alltag wie das Kind, vorallem von autoritären Eltern, irgendwie feindselig betrachtet wird.
        Einen guten Ansatz finde ich da die Gewaltfreie Kommunikation: Beziehung statt Erziehung.

        Grüße M.F:

      • Oktober 29, 2013 5:45 pm

        Boah, also der Zeittext hat mich jetzt echt geschockt. Wenn das in Frankreich wirklich so ist…dann ist das echt echt krass. Naja und die Männer scheinen eigentlich gar keine Kinder zu wollen…?

      • Oktober 29, 2013 10:09 pm

        Ja, so isses. Und nochmal Ja: überbelastete Frauen. Ich kenne hier einige Familien und bei fast allen ist es das gleiche Thema: Der Mann immer auf Arbeit und alles was mit den Kindern zu tun hat, vorallem wenn diese noch Klein sind, hängt an der Mutter. Ich finde das echt ätzend. Nicht nur weil ich diese Frauen kaum noch zu Gesicht bekomme. Anderseits verstehe ich auch das die Männer einfach Geld verdienen wollen um die Familie zu ernähren, aber sowas wird auch schnell zum Fluchtpunkt.

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