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Zwei Väter, zwei Kinder – Interview, 1. Teil

Oktober 23, 2013

Renee und Wolfgang sind seid 22 Jahren ein Paar und haben zwei Pflegekinder: Alara, 12 und Jens, 2 . Auch Alaras älterer Bruder Emin lebte lange Zeit in der Pflegefamilie, bis er vor einigen Monaten zu seiner leiblichen Familie zurückkehrte (alle Namen geändert). Die Familie wohnt in einem Haus in Berlin. Das Interview entstand 2005 im Rahmen eines Fotoprojekts zu queeren Familien und wird in drei Teilen veröffentlicht. Hier der erste Teil:

Renee und Wolfgang, Ihr habt mittlerweile zwei Pflegekinder – wie kam es dazu?

Wolfgang:   Wir sind seit 1985 zusammen, das mit den Kindern fing 1992 an. Damals gingen wir für einige Zeit nach Holland, und kurz vor dem Umzug hatte ich gelesen, dass es dort möglich ist als schwules Paar Pflegekinder zu nehmen. Wir hatten in Holland dann so eine Art Krisenplatz für Kinder, die ganz schnell untergebracht werden mussten, weil wir nicht wussten, wie lange wir überhaupt dableiben würden.

Und wie entstand der konkrete Wunsch, auch dauerhaft Kinder zu haben?

Renee:   Der kam bestimmt von Dir – also von Wolfgang, weil er auch Erzieher von Beruf ist. Du wolltest schon vor Holland Kinder haben. Aber damals war das noch sehr schwer.

Wolfgang:   Wie der Wunsch genau entstanden ist, weiß ich eigentlich gar nicht. Bei meiner Arbeit im Kindergarten fand ich die Vorstellung schon sehr schön, dass das nicht immer nachmittags aufhört, sondern einfach zum Leben dazugehört.

Was war damals schwerer daran, Kinder zu bekommen?

Renee:   Damals konnte man als homosexuelles Paar nur von einigen Bezirksämtern in Berlin Kinder bekommen – aber auch nur die Kinder, die als schwer vermittelbar galten. Also beispielsweise behinderte oder HIV-positive Kinder. Uns wurde zuerst auch ein aidskranker kleiner Junge aus Leipzig angeboten. In der Zeit gab es allerdings noch kaum Medikamente. Das Kind wäre nach kurzer Zeit gestorben.

Wolfgang:   Diese Vergabepraxis war kein festgeschriebenes Gesetz, sondern fand in einer rechtlichen Grauzone statt. Es gab eben Ausführungsvorschläge.

Renee:   Es gibt heute auch immer noch Bezirksämter, die Schwulen oder Lesben keine Kinder geben wollen.

Und wie seid ihr dann zu Euren jetzigen Pflegekindern gekommen?

Wolfgang:   Sobald wir aus den Niederlanden zurück in Berlin waren, bin ich zum Bezirksamt gegangen. Wir gehörten damals zu den ersten Homo-Paaren, die Pflegeeltern werden wollten. Die Frau, die für uns zuständig war, war ganz aufgeschlossen. Danach ging alles relativ schnell.

Renee:   Als Alara und Emin zu uns kamen, war das am Anfang nur als kurze Krisenintervention geplant. Und so wussten wir sehr wenig von ihnen. Emin war fünf einhalb, Alara war vier Jahre alt. Als wir die Kinder aus dem Krankenhaus abholten sagte man uns dort, die Kinder seien auf Deutsch ansprechbar. Wir haben gefragt: Wieso? – Ihre Eltern kommen aus der Türkei – Ach so.

Wolfgang:   An dem Tag war vom Jugendamt keiner da. Wir haben nur mit den Ärzten im Krankenhaus verhandelt. Emin wollte nicht mit uns gehen. Er hatte Angst, weil er dachte wir sind von der Polizei. Eine türkisch sprechende Krankenschwester hat uns dann erst einmal begleitet. Alara wollte sofort mit.

Renee:   Am Anfang kannten wir noch nicht einmal ihre Namen. Emin hat gesagt, seine Schwester heiße Kiara und Alara hat gesagt sie heißt Dilala. Wir haben das erst später über die Papiere raus gefunden.

Wolfgang:   Mit Jens hatten wir einen längeren Vorlauf, den hatten wir von Anfang an auf Dauer-Pflege, das heißt bis zum Erwachsenenalter. Er war mit eineinhalb auch wesentlich jünger, als er zu uns kam. Das macht sich im Beziehungsaufbau enorm bemerkbar.

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