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„Wie viel von mir wird dann noch übrig sein?“ Ein Vorstellungsgespräch in der Schwangerschaft

Oktober 10, 2013

Mein Arbeitsvertrag endet ende Dezember. Kommenden Dienstag habe ich ein Vorstellungsgespräch für eine tolle Stelle: an der Uni, Forschungsprojekt, 65%. Das ist schön. Kurz nachdem ich die Bewerbung losgeschickt habe, stellte ich fest, dass ich schwanger bin, grad in der 8. Woche. Das ist auch schön. Es ist mein zweites Kind, auch ein Wunschkind.

Erst die Kombination von Beidem wird zum Dilemma: auf eine Stelle bewerben, die ich frühestens im Januar (lieber Februar – weil „Luxus“, nach 4 Jahren ohne Urlaub habe ich für den Januar Urlaub gebucht…) antreten kann – dann also schon im 5./6. Monat. Beim zweiten Kind mache ich mir keine Illusion, wie „entspannt“ das wird. Babies schlafen selten von anfang an durch. Sind sie dann morgens nach zwei Stunden rumtragen gegen sieben wieder eingeschlafen, kann man sich nicht einfach dazu legen, sondern Nummer eins wacht auf und möchte unterhalten werden.

Ich habe mir verschiedene Varianten überlegt, wie ich schnell einsteigen könnte: nach 4 monaten Elternzeit vielleicht mit 10-15 Wochenstunden? Allerdings ist die Uni außerhalb des Tagespendelbereichs und eine Übernachtung vor Ort wäre nötig). Mein Partner ist nicht mal dagegen. Er ist Freiberufler, manchmal eine Woche zu hause, manchmal aber auch mehrere Tage am Stück weg. 10-15 Stunden wären möglich, wenn die zukünftige Chefin sich flexible Arbeitszeiten und Homeoffice vorstellen kann. So dass ich in den Wochen, in denen mein Partner zu Hause ist, mehr arbeiten kann, wenn er weg ist aber lediglich stundenweise von zu Hause. Egal wie, es wird nicht schön. Mein erstes Kind (2einhalb Jahre) war fast nie krank. Wenn aber, dann grade dann, wenn der Mann nicht zu Hause war. Und nach der Elternzeit? Wird das Kleine dann durchschlafen? Werden wir eine Betreuung finden, die die wichtigsten Zeiten abdeckt? das war schon bei Nummer eins schwierig.

Jetzt die Frage aller Fragen: kommuniziere ich das im Vorstellungsgespräch? Wenn ja wie? Ich bin ja erstens noch nicht mal aus dem Gröbsten raus, ich bin noch nicht sicher, wie lange ich Elternzeit nehmen will und überhaupt. Die Uni per se gilt nicht grade als familienfreundlich, selbst wenn Kita und Co. vor Ort sind. Aber die Einstellung ist meistens „unter 40 Stunden (auch wenn nur 20 oder 25 bezahlt werden) kann man eine Karriere an der Uni vergessen“. Kommuniziere ich die Schwangerschaft während des Vorstellungsgesprächs nicht und stelle meine künftige Chefin vor vollendete Tatsachen? Das Recht wäre auf meiner Seite. Aber auch wenn die Uni meine Arbeitgeberin ist – es sich mit der Lerhstuhlinhaberin zu vermiesen, ist ganz ganz doof. Und sowas wird dann doch als Vertrauensbruch gewertet, bringt das Forschungsprojekt aus dem Zeitplan und und und. Will ich mir das antun, weil ich das Recht dazu hätte? Grade habe ich das Gefühl, an meinen eigenen Ansprüchen zu scheitern: mit viel viel Aufwand wäre sicherlich Einiges möglich. Aber wie viel von mir wird dann noch übrig sein? Kann ich noch eine halbwegs ‚gute‘ Mutter sein wenn ich ständig auf dem Zahnfleisch gehe?

Ich sollte mich eigentlich freuen. Aber es fällt mir ein bisschen schwer.

Ein aus gutem Grund anonymer Gastbeitrag.

___

PS: irgendwie thematisch passend ist auch Annelie Wendebergs Beitrag ‚Frauen und andere Weicheier‚ zu Müttern in der Wissenschaft. 

9 Kommentare leave one →
  1. Magda permalink
    Oktober 11, 2013 8:21 pm

    Als ich den Beitrag gelesen habe, musste ich echt grinsen, hätte ich sein können, die da schreibt.
    Ich war im 5. Monat an meinem ersten Arbeitstag und wusste auch beim Vorstellungsgespräch, dass ich schwanger war. Aber es fragte niemand und natürlich hab ich auch nichts gesagt. Ich wollte den Job und es hat zum Glück auch geklappt.
    Hab dann am ersten Arbeitstag meinem Chef gleich die „Neuigkeit“ mitgeteilt und bis zum Mutterschutz gearbeitet und 8 Wochen nach der Geburt wieder angefangen, mit 10h/Woche und flexiblen Arbeitszeiten.
    Das klappt gut, bisher nehme ich das Baby auch noch mit ins Büro. Ist das evt. auch bei dir eine Option?
    Und kennst du denn deine zukünftige Chefin schon und weißt, dass sie nicht positiv und entgegenkommend reagieren wird?
    Und zur Frage, ob man eine gute Mutter sein kann: Natürlich! Die Prioritäten müssen doch nicht nur auf Kind und Küche liegen.🙂

    • Oktober 11, 2013 9:26 pm

      Im 5. Monat mit dem ZWEITEN Kind? Ganz ehrlich, mit einem habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht. Und mein Partner arbeitet freiberuflich in einem Beruf, an dem er zum Geld verdienen stets vor Ort beim Kunden sein muss. Wenn Kind Nummer 2 ein Jahr ist, ist die Wahrscheinlichkeit, eine Vollzeitbetreuung zu finden hier in der stadt unwahrscheinlich. Die Uni ist arschweit weg. Umziehen wollen wir nicht. Und nein, ich kenne meine zukünftige Chefin nicht und kann nicht einschätzen, wie sie so was sieht. Ach, und zum guten Mutter sein: Ich meine nicht so ein Werbeabbild einer Mutter. Sondern die Mutter, die Frau, die ich sein will.

      • Magda permalink
        Oktober 11, 2013 9:38 pm

        Ja genau, 2. Kind. Und deswegen musste ich, dass ich nur ne „gute“ Mutter sein kann, wenn ich auch arbeite. Geistige Anregung, Ausgleich und so. Beim ersten war ich länger zu Hause und das war definitiv nichts für mich.
        Klar, Komplikationen wie große Entfernung und nur teilweise anwesenden Mann hab ich nicht. Aber ich drücke die Daumen, dass es trotzdem klappt. Klingt doof, aber mir hat ne positive Grundeinstellung geholfen, in dem Sinne, dass ich gewusst hab, dass sich schon alles fügt (Kinderbetreuung, Arbeitszeit, verständnisvollernen Chef und Kolleginnen…).

      • Sally permalink
        Oktober 12, 2013 10:55 am

        Möchtest du den Job haben? Wenn ja, schließe ich mich „Magda“ an. Das Recht ist auf deiner Seite und ich würde am ersten Arbeitstag (meist an der Uni auch Tag der Vertragsunterzeichnung) die Chefin aufklären (du musst ja nicht gleich sagen, dass du es beim Vorstellungsgespräch wusstest!) und mich beim Gleichstellungsbüro melden bzw. manchmal gibt es auch Einrichtungen, die sich konkret mit der Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf an der Uni beschäftigen. Da nicht lockerlassen und um Hilfe bei Kinderbetreuungsengpässen etc. bitten. Such dir andere Mitarbeiter_innen in ähnlicher Lage, vielleicht könnt ihr ein wechselseitiges Betreuungsnetzwerk aufbauen. Viele Unis haben Graduiertennetzwerke. Wichtig ist natürlich: bist du in der Promotionsphase oder Postdoc? Das Forschungsprojekt ist problematisch ggü. einer Haushaltsstelle: Dein Vertrag muss nicht ausgesetzt und nach Mutterschutz/der Elternzeit weiter fortlaufen. Dadurch verlierst du an Zeit für die Qualifikation MIT Stelle. Einige Unis informieren genau über die Rahmenbedingungen, z.B. die Uni Köln: http://www.gb.uni-koeln.de/uni_mit_kind/content/fuer_wissenschaftler_innen/qualifikationsphase/index_ger.html
        Ich arbeite an einer anderen Universität, habe aber die Ratschläge der Uni Köln genutzt, um mein Öffentlichmachen meiner Schwangerschaft und die Planung von Elternzeit etc. strategisch zu gestalten. Das ist übrigens eine ganz wichtige Sache: Direkt gut durchdachte Lösungen im Erstgespräch mit der Chefin präsentieren. Meine Chefin ist sehr unterstützend, aber in anderen Kontexten an der Uni bin ich öfter auf Mütterfeindlichkeit gestoßen, meist bei Profs ohne Kinder oder männlichen Profs, die noch nie eine Windel gewechselt haben…
        Viel Erfolg und Kraft!

  2. Oktober 12, 2013 7:15 pm

    Nur Mut. Ich war in ähnlichem Dilemma. Und ich hatte es meinem Arbeitgeber erst nach der Vertragsunterzeichnung gesagt. Ein Arbeitgeber, auch eine Uni, die ein Problem mit Kindern bzw. Angestellten mit Kibdern, hat, wäre eh nicht der rechte Ort.

    Ich bin damals übrigens nach dem Mutterschutz gleich wieder ins Büro. Das ging. Aber zu Beginn war es nicht nur lustig. Inzwischen verplemper ich ja sogar wieder Zeit im Netz.

    Nur Mut! Und viel von dem, was es dann nun so brauchen wird. Helena

  3. Oktober 13, 2013 8:58 pm

    Ich würde im Vorstellungsgespräch nichts kommunizieren, das dazu führen könnte, dass Du die Stelle aus unsachlichen Gründen nicht bekommst. Ich würde aber sehr genau ausloten, wie viel Flexibilität man bereit wäre Dir zu geben, dh hinsichtlich der Arbeitszeit und des Arbeitsortes. Solche Frage kann man doch auch stellen, ohne sein eigenes Dilemma zu präsentieren. Du könntest z.B. ganz generell fragen, wie dies an der Uni bisher gehandhabt wurde und wie die dazu stehen. Und wenn Du diese Eckpfeiler kennst und dazu auch Deine neue Chefin, würde ich an Deiner Stelle überlegen, ob es Sinn macht unter den gegebenen Bedingungen die Stelle anzunehmen. Entscheiden musst Du Dich erst, wenn Du Deinen Arbeitsvertrag unterschreibst, nicht schon im Vorstellungsgespräch. Und kommunizieren kannst Du die Schwangerschaft auch nach der Jobzusage (und vor der Vertragsunterschrift sozusagen). Dann kannst Du immer noch ausloten, wie Deine Chefin damit umgeht und ob Du mit ihr zusammen arbeiten möchtest oder nicht.

    • Oktober 13, 2013 9:03 pm

      Ich würde im Vorstellungsgespräch nichts kommunizieren, das dazu führen könnte, dass Du die Stelle aus unsachlichen Gründen nicht bekommst. Ich würde aber sehr genau ausloten, wie viel Flexibilität man bereit wäre Dir zu geben, dh hinsichtlich der Arbeitszeit und des Arbeitsortes. Solche Frage kann man doch auch stellen, ohne sein eigenes Dilemma zu präsentieren. Du könntest z.B. ganz generell fragen, wie dies an der Uni bisher gehandhabt wurde und wie die dazu stehen. Und wenn Du diese Eckpfeiler kennst und dazu auch Deine neue Chefin, würde ich an Deiner Stelle überlegen, ob es Sinn macht unter den gegebenen Bedingungen die Stelle anzunehmen. Entscheiden musst Du Dich erst, wenn Du Deinen Arbeitsvertrag unterschreibst, nicht schon im Vorstellungsgespräch. Und kommunizieren kannst Du die Schwangerschaft auch nach der Jobzusage (und vor der Vertragsunterschrift sozusagen). Dann kannst Du immer noch ausloten, wie Deine Chefin damit umgeht und ob Du mit ihr zusammen arbeiten möchtest oder nicht.

  4. Anke permalink
    Oktober 14, 2013 9:47 am

    Habs gemacht wie Magda. Mit dem 2.Kind schwanger an der Uni beworben, da war ich in der 13.Woche, Job bekommen, gedacht: Nach mir die Sintflut, Augen zu und durch.
    Der Professor war nicht begeistert, als ich ihm im 5.Monat gestand, dass ich schwanger bin.
    Letztlich sagte ich mir, ist die Uni nicht der einzige Arbeitgeber für mich, wichtig ist es, den Fuß in die Tür zu kriegen, um Arbeitserfahrung zu sammeln, Referenzen zu erhalten.

    Habe dann den Arbeitgeber gewechselt, sozusagen die familienunfreundliche Uni in ein extrem familienfreudliches Forschungsinstitut umgetauscht, war dort 2 Jahre tätig und bekam Kinder Nummer 3 und 4. Wieder 7 Jahre Kinderpause, bis irgendwann meine Kollegen anriefen und fragten, ob ich mir einen Wiedereinstieg in Teilzeit vorstellen könnte.
    „Ich glaub, mein Hamster bohnert“ hab ich damals voller Freude in den Telefonhörer gebrüllt und bin dann als Teilzeitkraft mit Freitags frei wieder eingestiegen.

    Karriere wird das bei mir nie, aber eine zufriedene Mutter mit saunetten Kollegen.

  5. sonja permalink
    Oktober 14, 2013 9:33 pm

    Also erst mal: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!!
    Aus meiner Sicht ist es so: Der Job muss sich meiner Familie anpassen. Ich arbeite um zu leben, nicht umgekehrt. Deine Kinder sind nur einmal klein, vollkommen von meinen Entscheidungen abhängig und müssen alles so hinnehmen, wie es ist.
    Was möchtest du denn? Wenn Geld kein Thema wäre – wie sähen die nächsten 2-3 Jahre aus? (Ja Urlaub ist schön, aber wie du schon sagst: Luxus.)

    Mit dem zweiten Kind hat man es zwar meist einfacher, weil man entspannter an die Sache rangeht, aber jetzt schon einen Berufseinstieg nach dem 4ten Monat zu planen, halte ich für sinnlos. Erstens ist das ältere Kind ja auch noch da und zweitens sind Kinder eben doch die letzte Wundertüte, die diese Welt für uns bereit hält: keiner kann sagen wie viel es schlafen, schreien, spucken, stillen oder krank sein wird.

    Mein Tipp: Mach dir klar was du willst. Und im Notfall kann man eine Arbeitsstelle, die einem über den Kopf gewachsen ist, auch immer noch kündigen. (Ein Weg, den ich gehen musste, als die Doppelbelastung Familie / Beruf – wir hatten keinerlei Fremdbetreuung – zu groß geworden war. Keine einfache Zeit, aber nur so konnte ich dann den Job finden der mich glücklich macht und genau zu mir und meinem Anhang passt.)

    Viel Glück bei der Entscheidungsfindung und jetzt genieß BITTE erst mal deine Schwangerschaft!!!

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