Skip to content

Feministische Initiative: Für eine soziale, geschlechtergerechte und offene Gesellschaft

Oktober 3, 2013

Von – aber nicht nur für – Wissenschaftler_innen ist der Aufruf ‚Für eine soziale, geschlechtergerechte und offene Gesellschaft‘. Er besteht aus drei Teilen, die sich gegen Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, die Belastungen durch Sorge-Arbeit sowie die Ungerechtigkeiten der Globalisierung richten.

In der Petition wird unter anderem die neoliberale ‚Aktivierungspolitik‘ kritisiert, die alle Menschen dem Rational ökonomischer Verwertbarkeit unterordnet und daran interessiert ist, sämtliche ‚Arbeitskraft‘, ‚Ressourcen‘ und ‚Potentiale‘ auszuschöpfen, notfalls durch Zwang (siehe Hartz IV). Viele der Forderungen sind sehr sinnvoll – beispielsweise eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle Arbeitnehmer_innen oder eine finanzielle Absicherung und Aufwertung von Sorgearbeit.

Hier der lesenswerte Text zum zweiten Teil, Sorgearbeit (also Arbeit, mit der Menschen für sich und andere sorgen – und zu der selbstverständlich auch Familien-Arbeit zählt):

Ungelöste Sorgekonflikte in Zeiten der Prekarisierung 

Die Aktivierung hat weitreichende Folgen: Die Umstellung der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik vom (westdeutschen) Leitbild des vollzeitarbeitenden Mannes mit teilzeitbeschäftigter Ehefrau auf das Modell der „allgemeinen Erwerbstätigkeit“ führt zu neuen Widersprüchen. Worin bestehen diese Widersprüche? Alle erwerbsfähigen Erwachsenen sollen auf der Grundlage der eigenen Erwerbsarbeit ihre Existenz sichern und für ihr Alter vorsorgen – und zwar ganz unabhängig davon, ob und in welchem Umfang sie Sorgeverpflichtungen zu erfüllen haben und wie sie diese bewältigen können.

Für viele Eltern(teile) und Pflegende ist es aber nahezu unmöglich, in einem Umfang am Arbeitsmarkt teilzuhaben, mit dem sie ihren heutigen Lebensunterhalt und ihre künftige Rente sichern können. Weder die Gestaltung der Arbeitswelt – z.B. die Arbeitszeiten – noch die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen – wie die Infrastruktur für Kinderbetreuung und Pflege – sind auf dieses neue Modell eingestellt. Die ständig ausgeweitete Flexibilität im Erwerbsleben, die zunehmende Nacht- und Wochenendarbeit, die wachsende räumliche Mobilität von Familien und das Leben von beruflich mobilen Arbeitnehmer_innen in getrennten Haushalten erschweren das Leben der Menschen. Dies führt zu einer gestiegenen Erschöpfung von Eltern und Pflegenden aufgrund dieser Mehrfachbelastungen.

Die Pflicht zu „allgemeiner Erwerbstätigkeit“ bedeutet nicht nur einen radikalen Wandel der Arbeitsmarktpolitik in Richtung Aktivierung. Verändert hat sich auch die familienpolitische Vorstellung davon, was gut für Kinder und ihre Eltern, was gut für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, was gut für die ganze Familie ist.

Dieser Wandel deckt sich nur auf den ersten Blick mit dem emanzipatorischen Wunsch sowie der ökonomischen Notwendigkeit vieler Frauen nach einer Erwerbstätigkeit. Auf den zweiten Blick wird deutlich, wie problematisch diese einseitige Vereinnahmung einer gleichstellungs-politischen Forderung durch die gegenwärtige neoliberale Politik ist, denn:

Erstens: Die Bedingungen, unter denen gegenwärtig die Erwerbsarbeit geleistet wird, wurden kaum hinterfragt. Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt kann aber kaum emanzipatorisch sein, wenn die Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen weiter bestehen bleiben. Frauen müssen sich an Normen der Erwerbsarbeit messen (lassen), die für „häuslich entlastete“ Männer ohne Familienpflichten geschaffen wurden (diese Normen sind ebenso unpassend für Männer mit Familienpflichten). Ebenso wenig kann es eine geschlechtergerechte Lösung sein, dass durch Teilzeitarbeit und Minijobs „Reservate“ frauenspezifischer Erwerbstätigkeit geschaffen werden. Diese mehrheitlich weiblichen Erwerbsformen sind zwar auf den ersten Blick zeitlich kompatibel mit Familienarbeit, erlauben aber keine eigenständige Existenzsicherung und sind für Frauen hoch riskant.

Zweitens: Es gibt ethische Grenzen der Flexibilisierung von Arbeit und Leben. Kinder, die lange alleine zuhause sind, schlecht versorgte Ältere, hohe Scheidungszahlen und zunehmen-de Burn-Out-Fälle sind Anzeichen dafür, dass die Grenzen des Zumutbaren erreicht sind. Es stellt sich die Frage, ob etwa eine Kita „rund-um-die-Uhr“ überhaupt den Wünschen und Lebensvorstellungen von Eltern einerseits und von Kindern andererseits entspricht, auch wenn damit vordergründig Vereinbarkeitskonflikte entschärft werden. Es stellt sich auch die Frage, welche Wünsche und Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Versorgung Kranke, Pflegebedürftige oder Ältere haben. Diese Fragen gehen über eine funktionale Vereinbarkeits- und Flexibilisierungslogik deutlich hinaus und werden derzeit durch ökonomische Rationalitätskalküle in den Hintergrund gedrängt.

Drittens: Die sozialpolitische Aktivierungsstrategie führt zu neuen Sorgekonflikten. Sie ver-schärft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für erwerbslose Menschen und ihre erwerb-stätigen Angehörigen. Die Aktivierungsstrategie hat in einem regionalen Umfeld hoher Arbeitslosigkeit nicht nur den Druck erhöht, jegliche, auch wenig familiengerechte Arbeit anzu-nehmen, sondern sie hat zugleich private Ressourcen beschnitten, die die Sorgekonflikte der flexibel Arbeitenden bisher entschärft haben. Arbeitsagenturen und Jobcenter nehmen nur in einem eng gesteckten Rahmen Rücksicht auf Betreuungs- und Pflegeaufgaben der Empfän-ger_innen von Arbeitslosengeld. War es vorher möglich, dass arbeitslose Partner_innen, Ver-wandte und Freunde die Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen übernahmen, so steht dies heute unter dem Vorbehalt, dass diese Erwerbslosen den Bezug von Sozialleistungen durch Aktivitäten rechtfertigen müssen, die ihre Arbeitsbereitschaft beweisen sollen.

Selbst bei 100%igem Bedarfsdeckungsgrad mit Kitas und Altenpflegediensten verbleibt viel Sorgearbeit bei den Familien. Wir brauchen eine umfassende Aufwertung der Sorgearbeit in den vielfältigsten Formen und keine Verächtlichmachung und Abwertung häuslicher Arbeit mit Begriffen wie „Herdprämie“. Die Bedingungen in der Arbeitswelt müssen darauf eingestellt werden, dass viele Arbeitende Sorgeverpflichtungen haben. Die privat in der Familie erbrachte Sorgearbeit muss durch Anspruchsrechte gegenüber dem Staat und den Unternehmen erleichtert werden. Insbesondere bestehen hier Defizite für pflegebedingte Ausstiege. Da die Angehörigenpflege eigene, von der Kindererziehung abweichende Rahmenbedingungen aufweist, muss diesen besonders Rechnung getragen werden.

Die „Zeitsensibilität“ für Fürsorgenotwendigkeiten muss erhöht werden, nicht nur in den Betrieben, sondern auch gegenüber den Bedürfnissen von Eltern und Pflegenden als Konsument_innen, Patient_innen und Ratsuchenden: in Verwaltungen und Schulen, bei Ärzt_innen, in Dienstleistungseinrichtungen und bei Verkehrsbetrieben.

Zur Förderung egalitärer Geschlechterarrangements sind vor allem sozial und arbeitsrechtlich abgesicherte Freistellungsmöglichkeiten über den Lebensverlauf hinweg sowie Anreize zur Teilung von Sorgearbeit wichtig. Leistungen, die der Arbeitsmarktintegration von Frauen entgegenstehen, müssen beseitigt werden.

 – Notwendig ist eine finanzielle Absicherung, gesellschaftliche Aufwertung und egalitäre, geschlechtergerechte Teilung von Sorgearbeit. Männer müssen ihren Anteil daran übernehmen.

 – Sorgearbeit darf nicht ausschließlich als private Arbeit betrachtet werden, sondern muss als qualitativ hochwertige Dienstleistung öffentlich organisiert und auch weitgehend öffentlich finanziert werden. Die professionelle Sorgearbeit – ob in Kitas, Pflegediensten oder Krankenhäusern – muss aufgewertet und leistungsgerecht entlohnt werden.

- Wir fordern den zügigen Ausbau von öffentlicher Kinderbetreuung, um Eltern und insbesondere Frauen zu ermöglichen, erwerbstätig zu sein, und dass die Betreuung von Kindern und Hilfsbedürftigen als gesellschaftlich wie individuell unverzichtbare, der Erwerbsarbeit gleichgestellte Tätigkeit anerkannt wird.

- Wir fordern einen kürzeren Arbeitszeitstandard, um die Zentralität von Erwerbsarbeit zurückzudrängen und um Zeit für private und gesellschaftliche Belange zu eröffnen. Arbeitszeiten sollen unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechend über den Lebensverlauf verteilt werden können. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass die ungleiche Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen aufgebrochen werden kann.

Was mir allerdings im Bereich Familie/Sorge gefehlt hat, ist die Benachteiligung gleichgeschlechtlich lebender Eltern mit Kind. Einige der Punkte scheinen implizit vom heterosexuellen Lebensmodell auszugehen.

Der Aufruf kann von allen Personen unterzeichnet werden, die ihn unterstützen wollen. Dazu eine e-Mail an: feministische_initiative@gmx.de

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: