Skip to content

jetzt ist es also soweit

August 3, 2013

Seit vorgestern, dem 1. August, gilt in Deutschland das Recht auf einen Kita-Platz für ein- und zweijährige Kinder. Es ist erfreulich, dass dieser Anspruch, nach mindestens 30 Jahren feministischen Forderungen, endlich besteht. Leider scheint es allerdings, wie erwartet, zu wenig Plätze zu geben: In der aktuellen Jungle World war zu lesen, dass die vom Ministerium herausgegebenen Zahlen geschönt wurden, indem Plätze bei Tagesmüttern dazugezählt wurden und Plätze mit sehr wenig Betreuungsvolumen und langen Anfahrtswegen als ‚Ganztagesplätze‘ präsentiert wurden.

Der Backlash gegen den Kita-Anspruch ließ nicht lange warten, CDU-Politiker Norbert Blühm veröffentlichte in der FAZ ja kürzlich einen seltsamen Artikel. Dort kritisierte er einerseits richtigerweise, dass heute allein Erwerbsarbeit und Wirtschaft zählten (verschweigt aber, dass die CDU daran als Wegbereiter des Neoliberalismus maßgeblich beteiligt war). Anderseits beklagt er in typisch konservativer Manier, dass früher, als die meisten Frauen nicht erwerbstätig waren, eben doch alles besser war, die Familie nun zu einem ‚rein ökonomischen Vernunftprojekt‘ verkomme und dass Eltern durch den Kita-Anspruch endgültig keine Zeit mehr für ihre Kinder hätten (Schön absurd schon sein Eingangssatz: „Die Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf ist das Ende der Freiheit.“) Passend zur früher-war-alles-besser-Position fand ich die Argumentation von Christiane Dienel (auch wenn ich ihren Aussagen ansonsten nicht in allen Punkten zustimme):

„Ich würde gerade die Gegenthese wagen. Ich denke, dass heutige Familien, auch mit beiden erwerbstätigen Eltern am Ende mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, intensiver etwas mit ihnen zusammen unternehmen als die, sagen wir mal, 1950er-Familie in Westdeutschland.
Und wenn Sie mir ein persönliches Beispiel erlauben, mein Vater, Jahrgang 1920, also ungefähr die Zeit, in der auch Herr Blüm seine Familie gestaltet hat, kam um fünf Uhr nach Hause, und dann musste ich das Wohnzimmer verlassen. Und es war nicht so, dass er sich dann mit mir unterhalten hätte. Also ich glaube, dass heutige Väter, und zwar ganz unabhängig davon, ob ihre Kinder in der Kita sind oder nicht, sich viel mehr einbringen in das Familienleben, und dass die Gesellschaft auch ein viel höheres Engagement von Eltern erwartet, tatsächlich Gespräche mit den Kindern zu führen, mit ihnen etwas zu unternehmen, viel mehr in Urlaub zu fahren als früher.“

Auch auf struktureller Ebene gab es den Backlash: Gleichzeitig wurde zum 1. August von CDU und CSU das Betreuungsgeld eingeführt, was, wie gefühlte 1 Million mal gelesen, eine ausgesprochen schlechte Idee ist. Als vermeintlicher Lohn für Erziehungs- und Hausarbeit sind 100 Euro ein Witz, der gerade die von Blühm kritisierte ‚Herabwürdigung der Familienarbeit‘ manifestiert. Das in diese Maßnahme gesteckte Geld wäre an anderer Stelle sehr viel besser aufgehoben: im Kita-Ausbau beispielsweise, in einem besseren Betreuungsschlüssel und vor allem in einer höheren Bezahlung der gering entlohnten Erzieher_innen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: