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„O Jesu, die Feministinnen erobern noch ein Thema, die Mutterschaft“ – Interview zur polnischen Stiftung ‚MaMa‘

Juli 29, 2013

Anna Kasten hat ein Interview mit Sylwia Chutnik geführt, einer polnischen Autorin und Mitbegründerin der Stiftung MaMa. Das Interview kann hier vollständig als pdf heruntergeladen werden. Es folgen Auszüge:

 Die feministische Bewegung und Mutterschaft in Polen 

Eines der Hauptziele der Stiftung ist, die Mütter von Zuhause auszuladen. Das heißt, ihnen zu zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, Mutterschaft zu erleben als zu Hause eingesperrt wie die Prinzessin im Turm. 

Anna Kasten: Die Stiftung MaMa ist gegenwärtig die einzige Organisation dieses Formats in Polen, die unabhängig von der Katholischen Kirche – die weiterhin im Bereich der Arbeit mit Müttern oder Familien das Monopol inne hat – tätig ist. Könnte ich sagen, dass ihr eine feministische Organisation seid? 

Sylwia Chutnik: Ja, selbstverständlich!

Was bedeutet das für die Strategien der Stiftung? 

Es ist für uns von großer Bedeutung, dass die Gründerinnen der Stiftung MaMa (drei Personen), die im Jahr 2006 beschlossen, die Stiftung ins Leben zu rufen, einen feministischen Hintergrund haben. Wir haben uns zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Ebenen politisch engagiert. Wir waren in informellen Gruppen aktiv. Wir waren an der Organisation der Manifa beteiligt. Wir sind Absolventinnen der Gender Studies, hier an der Warschauer Universität. Wir engagieren uns vom Straßenfeminismus bis hin zum akademischen Feminismus. Für uns war es selbstverständlich, dass unsere Organisation eine feministische Organisation ist. Ebenfalls sehr wichtig war für uns die Einführung des Themas Mutterschaft in den feministischen Diskurs. Noch im Jahr 2006, als wir anfingen, hatten wir den Eindruck, dass außer zwei oder drei Büchern nichts zum Thema Mutterschaft aus der feministischen Perspektive existierte.

Sicherlich handelte es sich bei den Publikationen um Übersetzungen aus dem Englischen? 

Zwei waren aus dem Englischen übersetzt. Bei der dritten handelte sich um die Dissertation einer Wissenschaftlerin aus der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Dissertationen sind keine Bettlektüre. Sie stiften zwar Unruhe, aber nicht stark genug. Wir hatten den Eindruck, dass es ein bisschen seltsam ist, dass das Thema in der polnischen feministischen Bewegung nicht behandelt wird. Wenn der Ausdruck „Reproduktionsrechte“ auftaucht, dann nur im Kontext der Abtreibung. Diesen Zusammenhang empfanden wir als ungerecht, besonders hinsichtlich der Erfahrung von Frauen als Müttern. Das ist sehr lustig, weil sich besonders am Anfang unserer Aktivität unsere, sagen wir, politischen Gegner – zumindest haben die sich so bezeichnet – an den Kopf gefasst haben „O Jesu, die Feministinnen erobern noch ein Thema, die Mutterschaft, um Gottes willen, was soll dabei herauskommen?“. Anderseits trägt die Stiftung den Namen MaMa, also bekommen wir oft Einladungen von rechtskonservativen Politikern zu Symposien, die sich mit Familienpolitik befassen. (…)

Ich verwende jetzt deinen Ausdruck „Unruhe stiften“. Wie sieht es in der Praxis aus, wenn es z. B. um Begriffe wie unvollständige Familie geht. Wie sorgt ihr für Unruhe? 

Die Sprache ist sehr symbolisch. In diesen Zusammenhang fällt der Kampf um die weiblichen Endungen. Das ist in Polen eine Sisyphusarbeit. Obwohl die weiblichen Endungen keine Erfindung der Gegenwart sind und vor dem Krieg populärer waren als heute, wird das heutzutage gerne vergessen. Man muss das jeden Tag wiederholen, sich eine Schriftstellerin nennen, sich Geschäftsführerin nennen. Und so langsam kommt es in den öffentlichen Diskurs. Unsere Aufgabe liegt jedoch in der Wiedergewinnung des Wortes Familie.

Wie setzt ihr das in der Praxis um? 

Nicht zuletzt durch die Aktivitäten der Partei Liga Polnischer Familien und des katholischen Rechtsflügels wird Familie mit Vater, Mutter und am besten zwei Kindern und mit klarer Arbeitsteilung assoziiert. Wir versuchen den Begriff neu zu definieren. Das bedeutet, wir versuchen andere familiäre Lebensentwürfe zu zeigen wie z.B. Patchworkfamilien oder nichtheteronormative Familien. Wir benutzen den Begriff Familie, aber die Definition ist eine ganz andere als in Gruppen mit den tradierten Familienvorstellungen. (…)

 

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