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Wie ist das mit der Abhängigkeit und der Arbeit? Viele Fragen, wenig Antworten

Juli 24, 2013

„Unabhängigkeit gibt es in menschlichen Gesellschaften nicht, wir sind immer auf andere angewiesen. Kein Mensch ist autonom. Und worum es geht, das ist nicht, die Abhängigkeit angeblich abzuschaffen, was eine Illusion ist, sondern die Abhängigkeit so zu gestalten, dass sie möglichst hierarchiefrei ist und möglichst viel Freiheit ermöglicht.“ Dieser Gedanke von Antje Schrupp geht mir, ebenso wie das dazugehörige Post zum Ehegattensplitting 2.0., seit einigen Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Ich finde ihn sehr wichtig, weil ich denke, dass heute tatsächlich eine „Fetischisierung von Autonomie“ existiert und dass diese Autonomie meist männlich kodiert ist. Ich frage mich aber, ob und wie es eine hierarchiefreie Abhängigkeit geben kann.

Ebenso wichtig ist ihre Feststellung, dass Erwerbsarbeit nicht automatisch besser, freier oder spaßiger ist als Haus- und Pflegearbeit; und dass die Abhängigkeit von einem_er Chef_in keineswegs automatisch besser ist als die Abhängigkeit von Parter_innen oder sonstigen privaten Beziehungen. Notwendig ist beim einen wie beim anderen, dass es Regeln und Institutionen gibt, die verhindern, dass Abhängigkeit nicht in Unterwerfung unter totale Tyrannei kippen kann. Das können zum Beispiel Gewerkschaften, Betriebsräte oder das Arbeitsrecht, oder Scheidungsgerichte und Unterhaltspflicht sein – die aber in der heutigen Gesellschaft viele Abhängige leider eher unvollkommen schützen. Trotzdem frage ich mich weiter, ob die Abhängig im privaten und im beruflichen tatsächlich vergleichbar ist. Gibt es nicht doch massive Unterschiede durch Gefühle und Intimität? Sind bestimmte Beziehungen, besonders zu Kindern, nicht doch viel langfristiger als die zu einer Arbeitsstelle? Oder führe ich dadurch die viel kritisierte Unterscheidung Privat versus Öffentlich wieder ein?

Nicht ganz mitgehen kann ich jedoch bei Antje Schrupps Idee eines „Ehegattensplitting 2.0“ – oder, in ihrer Definition,  eines ‚Nahbeziehungssplittings‘ bzw. ‚Solidaritätssplittings‘. Das Modell, soziale Gemeinschaften und Kollektive, die auch aus mehr als zwei Personen bestehen können, rechtlich zu unterstützen, finde ich sehr gut. Das Splittingmodell ist dennoch problematisch: Erstens sorgen gerade Steuerbegünstigungen dafür, dass die Vorrangstellung der Erwerbsarbeit weiter existiert. Schließlich muss man in unserer Gesellschaft nur auf diese Arbeit Steuern bezahlen. Zweitens gibt es Menschen, die wenig enge oder sie unterstützende Sozialbeziehungen haben. Alleinerziehende ,ohne helfende Großeltern oder Freund_innen mit viel Zeit, sind ein Beispiel. Sie wären dann wieder benachteiligt. Und drittens begünstigen Steuererleichterungen diejenigen Menschen, die viel Geld verdienen und deswegen viel Steuern zahlen. Arme Menschen kommen nicht in den Genuß dieses Vorteils und gehen leer aus.  Sozial gerechter wären deswegen vielleicht eher Transferleistungen. Oder doch ein bedingungsloses Grundeinkommen?

3 Kommentare leave one →
  1. Mel permalink
    Juli 25, 2013 11:56 am

    Dazu spannend: der derzeitige Beitrag von „Der Blogger“ bei Arte zum Thema Steuern in Europa. Nachzuschauen in der Arte +7 Mediathek.

  2. Juli 27, 2013 3:59 pm

    Na endlich sagt’s mal wer kurz und knapp: Autonomie geht nur in Beziehungen. Unabhängigkeit ist ein relatives Gut (Unabhängigkeit von wem oder was -> Beziehung).

    Ich halte selbst (möglichst) hierarchiefreie Abhängigkeit für leicht illusionär, zumal oft die Tatsache, dass Menschen in bestimmten Beziehungen und Organisationen bestimmte Aufgaben haben und andere zwar ihre Ausführung beurteilen, aber nicht automatisch übernehmen können, als Herrschaft interpretiert wird. Dabei rannte und renne auch ich gerne gegen Windmühlen an. Hierarchien (z.B. in bestimmten Kompetenzen/Fähigkeiten) sollten nur möglichst transparent sein, finde ich.

    Schließlich glaube ich, dass auch am Arbeitsplatz Gefühle und Intimitäten eine wichtige Rolle spielen. Aber halt andere Rollen: so etwas wie ‚Teilen von Geborgenheit‘ vs. ‚Teilen von Fähigkeiten‘. Das überschneidet sich, aber es wäre ein Anfang.

Trackbacks

  1. Definitionsmacht, Pillen-Statement & Koffertragen « Reality Rags

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