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Kinder, die auf der Strasse spielen (und ein neues Magazin)

Juli 10, 2013

Kürzlich stieß ich auf das Magazin ‚The Germans‘, das ich bislang nicht kannte und das laut eigener Aussage vor allem ‚europäisch denkenden‘ Leser_innen zwischen 18 und 35 eine Stimme geben möchte. Bestechend war das schöne Cover-Bild der Fotografin Hanna Putz, das eine Mutter mit Baby zeigt, und der Leitartikel ‚Ich liebe mein Kind. Ich hasse mein Leben‘. Der Text stammt von Stefanie Lohaus, die ich sehr gerne lese. Er befasst sich mit der Frage, warum viele Eltern in Deutschland unglücklich sind. Dazu diskutiert er einige zentrale Dinge, wie die ungleiche Verteilung von Hausarbeit in heterosexuellen Paaren, die Präsenzkultur in vielen Unternehmen oder zunehmend unsichere Arbeitsverhältnisse. Interessant fand ich, was sie zur veränderten Vorstellung von Kindererziehung schrieb. Während sie früher oft nebenher liefen, müssen sie heute so früh wie möglich bestmöglich gefördert werden, ein Beispiel auf dem Text:

Nur 20 Prozent aller Kinder der sogenannten Mittelschicht werden in Nordrhein-Westfahlen noch zum Spielen auf die Strasse geschickt, fand die Studie ‚Eltern unter Druck‘ der Konrad-Adenauer-Stiftung heraus. Dabei ist die Zahl der der bei Verkehrsunfällen tödlich Verunglückten heute niedriger als zu Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950 – obwohl heute viel mehr Autos fahren.

Ich wunderte mich schon oft, warum heute viel weniger Kinder auf (wenig befahrenen) Strassen spielen als in der Zeit, in der ich ein Kind war. Unbeaufsichtigtes Gummi-Hüpfen auf der Dorfstrasse gehörte früher zu unserer Tagesroutine. Sicher hat es mit dem maximalen Fokus auf dem Wohlergehen des Kindes zu tun, wie Lohaus meint. Ich frage mich aber auch, in welchem Zusammenhang das mit der Risikowahrnehmung steht: ob hier, wie in vielen Dingen, die subjektiv wahrgenommene Gefahr viel größer als das statistische Risiko ist – oder ob heute eben auch geringste Risiken möglichst ausgeschlossen werden werden müssen.

12 Kommentare leave one →
  1. Juli 10, 2013 10:01 pm

    Also hier sind Schulkinder öfter als vor 20, 30 Jahren in Tagesstrukturen untergebracht oder haben ein Wahnsinnsprogramm von Schule, „Therapien“, Sport, Musik, betreute Aufgabenhilfe, etc. etc. zu absolvieren. Freies spielen draussen wenn’s hoch kommt noch zwischen 1700 und 1800.
    Ich weiss nicht, wie in DE die Schulzeiten sind, aber hier gibt’s auch keine freien Nachmittage mehr, dafür aber Samstags schulfrei. Das sind nicht die Eltern, die überbehüten, sondern das System, das die Kinder mitsamt ihrer Freiheit „auffrisst“.

  2. Juli 10, 2013 11:00 pm

    na, ja ich würde sagen es ist eine Mischung aus beidem: überbehütende Eltern UND System. Wobei ich bei letzterem noch ergänzen wollen würde, dass berufstätigen o.ä. Eltern oft keine andere Wahl gelassen wird als ihre Kinder so lange betreuen zu lassen, da die Arbeitslandschaft praktisch kein flexibleres System zulässt… außerdem merke ich oft wie die Selbstständigkeit meines eigenen Kindes gebremst wird durch die Angst (oder was auch immer) anderer Eltern, wenn z.B. ein Kind eigentlich gern ohne Eltern zur Schule gehen möchte aber keine_r der Freund_innen das darf, mag das Kind so ganz alleine dann auch nicht gehen, ähnliches gilt wohl auch für’s Spielen….

  3. Juli 11, 2013 7:41 am

    Ich denke, das hängt aber auch damit zusammen, dass oft beide Elternteile vollzeit arbeiten. Nach meiner Erfahrung in der Kindheit, haben die Kinder draußen gespielt, konnten aber alle jederzeit nach Hause gehen und sicher sein, dort eine erwachsene Bezugsperson vorzufinden. Das ist ja auch sehr wichtig, größere Kinder mussen nicht mehr ständig einen Elternteil um sich haben, müssen aber doch noch immer die Möglichkeit haben, einen zu erreichen. Wenn das nicht geht, weil beide arbeiten, muss es eben im Hort betreut werden. Ich denke aber auch nicht, dass das unbedingt schlechter ist, zusammen spielen können sie ja dort auch.

  4. Juli 11, 2013 8:20 am

    Mein Vater erzählt mir immer, dass er als Kind den ganzen Nachmittag draußen unterwegs war. Die Eltern wussten in der Regel nicht, wo die Kinder sich aufhielten und nach Hause mussten sie, wenn die Straßenlaternen angingen. Was früher ganz normal war, würde heute schon an Verwahrlosung grenzen. Dass Eltern nicht wissen, wo sich ihre Kinder aufhalten ist einfach undenkbar.

  5. Juli 11, 2013 8:51 am

    Die subjektiv zum statistischen Risiko größer wahrgenommene Gefahr, ist sicher nur ein Grund von vielen für das weniger draußen sein der Kinder. Dazu kommen umfangreichere Tagesprogramme und oft weitere Schulwege, weniger verfügbare Spielkameraden in der Nachbarschaft, ein Straßenraum voller parkender Autos inklusive um deren Lack fürchtende Besitzer, von klein auf verfügbare Bespaßungsprogramme, die ein selbstvergessenes Spielen (oder sich auch mal langweilen und daraus dann kreativ werden) kaum mehr anregen…
    Herzliche Grüße,
    Malou

  6. Juli 11, 2013 3:15 pm

    Es gibt auch Kaum/keine Kidner mehr, die alleine auf den Spielplatz gehen. Es ist immer ein Erwachsener dabei. Fragt man nach heißt es: Heutzutage kann man doch sein Kind nicht mehr alleine auf die Strasse lassen…

    Die Zahl der Sexualstraftäter is in den letzten 20 Jahren bestimmt nicht rasant gestiegen. Die gab es schon immer, zu jeder Zeit – leider. Aber ich finde wir beschneiden bei Kindern in einer Art die Selbstständigkeit, wenn wir sie ständig bespaßen und überall hinfahren.
    Kinder müssen sich auch langweilen um Kreativität zu entwickeln.

    • Juli 15, 2013 2:57 pm

      Ich glaube die Zahl der Sexualstraftaten ist in den letzten 20 Jahren eher gesunken als gestiegen. Ich meine mal gelesen zu haben, dass die Anzahl in den 50er und 60er Jahren sogar deutlich höher war als heute. Durch die Medienberichte wird allerdings die Gefahr als deutlich größer wahrgenommen.

  7. BonnieParker permalink
    Juli 11, 2013 8:00 pm

    Zugegeben ist es ein bisschen weithergeholt jetzt an Putzmittel zu denken, aber eigentlich denke ich auch an Putzmittelwerbung, in denen Bakterien als zähnefletschende Monster den Angriff auf die Familie (wer weiss vielleicht die Menschheit) unternehmen, aber von einer strahlenden Mutter besiegt werden können. Die Welt ist furchtbar und gefährlich, aber Du kannst sie vollständig kontrollieren, sagt mir die Werbung und ich frage mich, ob dieser Slogan nicht das Denken in vielen Bereichen bestimmt. Glaube ich z.B. nicht heimlich in mir drinnen, dass die Tatsache, dass ich meinem Sohn den sichersten auf dem Markt befindlichen Fahrradhelm gekauft habe, ihn vor einem Unfall bewahren wird? Um nicht falsch verstanden zu werden, ich stehe voll ganz hinter dem Helm, musste aber neulich lächeln als merkte, in welchen Aufruhr es mich innerlich versetzt ein Kind ohne Helm zu sehen, als wäre es schon zum Tode geweiht. Dabei habe ich meinen Eltern damals gedroht nie wieder mit ihnen zu reden, wenn sie mir einen Helm kaufen. Haben sie nicht und ich habe überlebt. Ich bin ebenso froh, dass mein Sohn im Auto im Kindersitz sind und erinnere mich an den selbstausgebauten Holzpritschenbus meiner Eltern, in dem sich niemand anschnallen konnte im Modus einer Gruselgeschichte, aber auch in diesem Gefährt habe ich überlebt.
    Aber es ging ums auf der Strasse spielen, das natürlich bei Kinder, die tagsüber in der Kita sind, nicht so ablaufen kann wie bei anderen, aber auch hier geht es um den Glauben daran, dass Kontrolle und Sicherheit das Gleiche sind.

  8. Juli 12, 2013 9:51 pm

    Ich beobachte das schon lange. Schon meine kleineren Geschwister (16, 11) haben nicht mehr draußen gespielt. Meine Mutter sagte mir: Es ist niemand da. Die Kinder gehen nicht einfach „raus“. Die Eltern erlauben es nicht. Wir haben daraus Konsequenzen gezogen und sind in eine Familiensiedlung gezogen. Hier laufen die Kinder bis 20 Uhr über Spielplätze und Wiesen. Sind auch immer ein paar Eltern irgendwo. Jeder schaut mal und fühlt sich verantwortlich. Ich hoffen meinem Sohn so einen (Eltern)freien Raum zu geben. Auch wenn ich ihn sicher nicht mit 6 Jahren den ganzen Tag in den Wald ziehen lassen würde, am besten noch mit einer Axt zum Staudamm bauen, wie mein Liebster es aus seiner Kindheit (am Rand des Ruhrgebiets) erzählt.🙂

  9. Juli 13, 2013 12:51 pm

    Vieles richtig, gar keine Frage!

    Dennoch: Was mich immer wieder wundert, ist das Nicht-Hinterfragen von Statistiken:
    „Heute keine Kinder mehr auf der Straße. Heute viel weniger Unfälle.“ Beides Aussagen, die zutreffen.
    Das Unverständnis, warum dann heute nicht mehr Kinder auf die Straße zum Spielen gelassen würden und die daran anschließende Pathologisierung der so unentspannten Elterngeneration verstehe ich nicht ganz.
    Denn: vielleicht gibt’s ja einen ursächlichen Zusammenhang? Vielleicht gibt’s halt deswegen weniger Unfälle, WEIL weniger Kinder auf der Straße spielen? Im Umkehrschluss: Lassen wir die Kinder wieder auf die Straße, verunglücken auch wieder mehr? Denn ein Faktum ist ebenfalls belegt: Autos (und Fahrer) sind heute deutlich schneller unterwegs (auch in Wohngebieten).
    Ausdehnen ließe sich das übrigens auf weitere Bereiche: Heute weniger Missbrauchsfälle (was so übrigens gar nicht stimmt), WEIL weniger Kinder allein auf dem Spielplatz? Heute weniger selbst verschuldete Unfälle, WEIL Kinder mit Helm und nicht allein unterwegs……?

    Herzlich (und ratlos),
    Stefanie

    • Juli 24, 2013 1:11 pm

      Denn: vielleicht gibt’s ja einen ursächlichen Zusammenhang? Vielleicht gibt’s halt deswegen weniger Unfälle, WEIL weniger Kinder auf der Straße spielen? Im Umkehrschluss: Lassen wir die Kinder wieder auf die Straße, verunglücken auch wieder mehr?

      Oder die Autofahrer gewöhnen sich daran, weil Kinder auf der Straße als normal wahrgenommen werden? Beim wachsenden Radverkehr ist dieser Effekt jedenfalls vorhanden.

      Außerdem lasse ich mal Werbung für Tempo 30 in Wohngebieten da:
      http://de.30kmh.eu/warum-30-kmh/

  10. Ossi permalink
    Juli 16, 2013 2:18 pm

    http://www.gerlinde-geffers.de/strassen_sind_fuer_alle_da.htm

    „Wir dürfen hier nicht vor der Tür spielen“, erklärt die achtjährige Sally, als sie mit Sascha und Alex in der Kinderwerkstatt Horn über den Verkehr fachsimpelt. Das sei zu gefährlich. Denn alle zehn Minuten wird in Deutschland ein Kind angefahren. Täglich verlieren ein bis zwei kleine Menschen im Straßenverkehr ihr Leben. Europaweit hält die Bundesrepublik damit einen traurigen Rekord. Dabei ist keineswegs der Schulweg die gefährlichste Strecke. 85 Prozent der Kinder verunglücken in der Freizeit zwischen 16 und 18 Uhr, wenn sie nach den Hausaufgaben noch zum Toben ins Freie drängen – genau dann schleppt sich eine Karawane müder Autofahrer heimwärts.

    Ich finde das nicht so irrational, vorsichtig damit zu sein, die Kinder alleine rauszulassen. der Verkehr hat einfach enorm zugenommen. Ich selbst wohne in einer 30er-Zone, aber mit sehr viel Durchgangsverkehr, wo die wenigsten wirklich 30 fahren. Ich habe lange gegrübelt, wie ich es machen soll, das Kind später alleine in die Schule gehen zu lassen – die ist nämlich auf der anderen Straßenseite! Das Problem hat sich erst gelöst als die Stadt nach langem Betteltn doch endlich eine zebrastreifen spendiert hat.

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