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Kita-Kritik braucht Geschlechter-Kritik

Juni 8, 2013

Nicht alle Krippen sind super – und nicht alle Kinder gehen gern in die Kita, mögen ihre Erzieher_in oder lassen sich innerhalb der vorgesehenen Zeit eingewöhnen. In vielen Kitas ist der Betreuungsschlüssel zu groß, oft fehlen Erzieher_innen – nicht zuletzt weil diese ausgesprochen schlecht bezahlt werden. Beim Kita-ausbau wird vielmals Qualität zugunsten von Quantität vernachlässigt. Eine Kritik am derzeitigen System von Kitas und Krippen, wie sie etwa in der taz zu lesen war, ist also mitunter durchaus gerechtfertigt. Das Problem ist allerdings, dass diese Kritik schnell in eine reaktionäre Richtung geht. Auch wenn sich die meisten Texte oberflächlich aufgeklärt geben, schwingt in vielen implizit trotzdem die Idee des ‚früher-war-alles-besser‘ und das Ideal der Hausfrau & Mutter als einzigem Garant frühkindlichen Wohlbefindens mit. Ein Beispiel dafür ist ein Interview mit dem bekannten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul in der Zeit (dessen Erziehungsratschläge meiner Meinung nach sowieso auf Gemeinplätze hinauslaufen).

Hier findet sich ein typisches Argumentationsmuster konservativer Kita-Kritik: Offiziell zielt sie auf die Qualität von Krippen und Kitas, also auf Dinge wie den Betreuungsschlüssel, pädagogische Konzepte und die Ausbildung von Erzieher_innen. Inoffiziell geht es in den Texten aber meist nicht um den Vergleich von guten versus schlechten Kitas –  der eigentliche Maßstab bleibt weiterhin die Betreuung der Kinder zuhause in der Familie. Beispielsweise fordert Juul eine Langzeitstudie, die zwischen Kindern in Kita- und Familienbetreuung vergleicht (und nicht etwa zwischen verschiedenen Kita-Konzepten). Als sein vermeintlich progressives Vorbild nennt er „eine kleine Bewegung von Eltern, die sagen: Wir wollen ein Recht darauf haben, unsere Kinder von der Geburt bis zur Einschulung selber zu erziehen“ (und nicht etwa eine Bewegung von Eltern, die sich für einen kleineren Betreuungsschlüssel in ihrer Kita einsetzen).

Problematisch ist zudem, dass die Kita-Probleme oft als Folge der privaten Entscheidung von Eltern erscheinen: Diesen Eltern kümmerten sich eben zu wenig um die spezifischen Bedürfnisse ihres Kindes, ihre  ‚Karriere‘ sei ihnen wohl wichtiger, sie  liessen sich zu sehr vom heutigen Leistungsdruck stressen und interessierten sich auch noch viel zu wenig für das pädagogische Konzept der jeweiligen Kita. Dadurch werden gesellschaftliche Probleme individualisiert. Denn der größere politische Zusammenhang wird ausgelassen oder nur gestreift. Dass Faktoren wie sinkende Löhne, der Abbau von Sozialsystemen, einkommensabhängiges Elterngeld und das Ideal der Vollzeit-Arbeit vielen Eltern wenig Raum für Entscheidung oder Zeit für Kita-Konzept-Diskussionen lassen, bleibt außen vor.

Vor allem aber fehlt in vielen Anti-Kita-Polemiken auffallend häufig die Dimension von Geschlecht – oder wird allenfalls in einem Nebensatz kurz angeschnitten. Vordergründig beschreiben die Texte neutral beide ‚Eltern‘ und unterschlagen so, dass ein zentraler Teil des Problems vor allem geschlechtspezifische Ungleichbehandlung betrifft. Denn zum einen ist die scheinbar kindgerechtere Vergangenheit, die beschworen wird, eng mit dem traditionellen Mutterideal verbunden. Zum anderen haben genderpolitische Aspekte entscheidenden Einfluss sowohl auf die Betreuung Zuhause als auch in der Kita. Strukturelle Faktoren wie der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen und das Ehegattensplitting bewirken, dass es in heterosexuellen Paaren meist die Frau ist, die den Großteil der Erziehungsarbeit übernimmt. Somit ist es in der Realität vor allem die Mutter, der die kritisierte ‚Entscheidung‘ zur Kita angelastet wird. Zudem spielt die Dimension von Geschlecht eine entscheidende Rolle bei der Quantität und Qualität von Kita-Betreuung. Schließlich gilt Erzieher_in nach wie vor als sogenannter ‚Frauenberuf‘ – und solche Berufe zeichnen sich traditionell dadurch aus, dass viel altruistisches Geben erwartet wird, während die Bezahlung ausgesprochen schlecht ist. Eine informierte Kita-Kritik schließt also immer auch eine Kritik der hegemonialen Geschlechterordnung ein.

4 Kommentare leave one →
  1. Juni 8, 2013 11:42 am

    Endlich jemand, die Jesper Juul kritisiert. Ich habe mich ja schon manches Mal über seinen Twitteraccount „familiylab“ aufgeregt, am meisten darüber, was er zu Bullying schreibt.

    • carol permalink
      Juni 11, 2013 4:50 pm

      Wie wahr!

      Die Säulenheiligen der Pädagogik wie Jesper Juul & Co haben eben ihre ganz eigene Interpretation der „Vereinbarkeit von Familie & Beruf“: Sie verdienen ihr Geld und ihr Ansehen damit, dass sie aus sicherer Entfernung Verantwortungsmaßstäbe der (weiblichen) Ideal-Elternschaft formulieren und den pädagogischen Ablasshandel von Ratgebern bis Elternkursen zu ihrem Kerngeschäft machen.

      Ein wirtschaftlich-moralisches Win-Win-Modell – das vom Druck auf (weibliche) Eltern enorm profitiert und ihn verschärft.

  2. Juni 13, 2013 1:47 pm

    Leider wird es wohl noch Jahrzehnte dauern, bis Kita-Konzepte und der Mangel an männlichen Betreuern öffentlich so diskutiert werden sie seinerzeit die Einführung des – iiih – Betreuungsgeldes. Um so wichtiger ist der Einwurf hier.

    Was immer davon zu halten ist, PEKiP entstand ja auch im Rahmen von kritischen Beobachtungen in Kitas.

    Seltsam ist auch Juul hier (aus Gesterkamps Artikel): „Jasper Juul weist in seinem Buch auf Befragungen in Dänemark hin. Dort sagten 24 Prozent der kleinen Jungen und 10 Prozent der kleinen Mädchen, es gehe ihnen in Betreuungseinrichtungen nicht gut. „Zu viele Kinder haben resigniert“, glaubt Juul, „sie sind passiv, machen nicht mit und fühlen sich einsam.“ “ Er zitiert, dass es in Kitas mehr Jungen als Mädchen schlecht geht, schwenkt dann sofort auf ‚die Kinder‘ um. Das finde ich eine Gender-Neutralisierung, die Probleme eher unter den Tisch wischt, als sie zu benennen. Was für Probleme haben die Jungs in den Einrichtungen? Wobei sollen sie denn mitmachen? Und wie ist es für die Mädchen?

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