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Montessori Referat

Mai 30, 2013

Ich befinde ich mich nun über ein Jahr in dieser Klassenkonstellation. Alle kenne mich ein bisschen. Alle kennen meine Geschichte sehr genau.

Nur wenigen gelingt es, wertfrei damit umzugehen.
Im Unterricht beschäftigen wir uns viel mit der Frage, was Familie heute eigentlich ausmacht. Welche Veränderungen die Kinder von unserer Kindheit unterscheidet.

Zusammen mit noch einer anderen Kameradin in diesem Raum, gehöre ich zu den Kindern, die für ihr Fehlverhalten geschlagen wurden. Alle anderen, jüngeren, durften bereits eine andere Form der Erziehungs-Sanktion erfahren.

Dinge ändern sich.

Montessori. Einfacher Lernstoff für mich. Meine beste Freundin seit Kindeszeiten ist M-Pädagogin. Ihre Mutter ist M- Lehrerin. Seit der Geburt meiner Kinder waren sie ein fester Bestandteil, der mir half, mich in meiner Mutterrolle zu finden. Zu stärken. Die Defizite meiner Kindheit konnte ich mit diesen beiden starken Frauen an meiner Seite gut verarbeiten und Entwicklungsprozesse meiner Kinder besprechen. Ich kenne die Methoden und auch die Biographie von Maria Montessori gut.

In der Klasse sitzen wir im Kreis und hören dem Vortrag zu. Alle finden es gut vorgetragen, sind neugierig. Ein Vortrag über den so häufig gehörten Namen. Hintergründe lernen.

Wir sind sehr konzentriert.

Da kommt eine der Referendarinnen an den Punkt: „maria montessori ließ ihr Kind im Kinderheim“ und möchte eigentlich am Rande dies nur kurz erwähnen und weiter in der Biographie durchstarten- …ein fassungsloses, kollektives Raunen geht durch den Raum.

Nicht eine, nicht zwei. Viele.

Blickkontakte des Unverständnisses werden ausgetauscht und die erste Stimme erhebt sich:

„WARUM?“

… wie in Zeitlupe blicke ich einmal diesen Stuhlkreis in die Gesichter der Menschen die ich schon so oft gesehen. Ich lehne mich zurück und frage mich, wer von diesen entsetzten Frauen nicht mitbekommen hat, das auch ich ohne meine Kinder lebe. Ich lehne mich vor und spüre Wut. All eure Anteilnahme, eure Fragen und ihr habt nichts verstanden?

Montessori war eine der ersten Frauen, welche Mathematik an einer Universität studieren durften.

Sie hat mit ihren Methoden das Unterrichten von Kindern revolutioniert.  Und – das am Rande – sie hatte später eine schöne Mutter-Kind-Beziehung mit ihrem Sohn Marcus aufbauen können.

Ich stehe auf, trete meinen Stuhl nach hinten weg und verlasse den Raum.

Sie haben einfach nichts verstanden.

4 Kommentare leave one →
  1. Nee permalink
    Mai 31, 2013 9:52 am

    Grauenvoll, wie dieses Klischeedenken immer noch in den Köpfen verankert ist.

    Ich stand neulich in einem Seminar vor der Aufgabe, mir eine Person, welche im Management tätig ist, vorzustellen. Die Aufgabe war genauso neutral gehalten. Dennoch war ich unter den acht Teilnehmerinnen die einzige, die beide Geschlechter gewählt hat.

    In der deutsch- und englischsprachigen Wikipedia wird der Name ihres Sohnes mit Mario angegeben.

    Wieder ein sehr schön geschriebener Artikel von Nebelkrähe, vielen Dank, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst.

  2. Mai 31, 2013 4:12 pm

    Also ich kann die Reaktion schon verstehen, Wenn ich „Kinderheim um 1900“ höre, dann stelle ich mir auch ziemlich schlimme Verhältnisse vor, in denen kein Elternteil ein Kind ohne sehr große existenzielle Not lassen sollte. Da stelle ich mir die Verhältnisse, in denen dein Kind heute lebt, doch sehr grundsätzlich anders vor und verstehe daher deine krasse Reaktion nicht ganz.

    • Ossi permalink
      Juni 3, 2013 12:52 pm

      Das geht mir genauso. Ich sehe da schon einen gewissen Unterschied zwischen „Kinder leben beim Vater“ oder „Kinder leben im Kinderheim“.

  3. Juni 1, 2013 7:25 pm

    danke fürs beim verstehen-lernen-helfen.

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