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I would prefer not to. Von Slackern und Slacker-Müttern

April 19, 2013

‚Slacker‘ waren in meinen frühen Teenager-Jahren eine Verheissung. Das waren coole Typen wie der Sänger von Nirvana, mit langen Haaren, kaputten Jeans und hängenden Schultern. In ihrer Verweigerungshaltung wollte ich mich selbst sehen. Denn sie wirkten eher irgendwie rebellisch als nur depressiv, eher unnahbar als schüchtern, eher als stolze Outlaws denn als Aussenseiter.

Ein Teil von jener längst überwunden geglaubten Verheissung kam wieder, als ich kürzlich den Begriff der ‚Slacker Mom‘ hörte. Denn die Suche nach coolen Mutter-Typen gestaltet sich bekanntlich schwierig. Konservative Mutter-Mythen, Debatten um vermeintliche Latte-Macchiato-Mütter und das ewig beschworene Kind&Karriere-Dilemma lassen wenig Raum für Alternativen.

Der Begriff ‚Slacker‚ kommt aus dem englischen Sprachraum und war lange Zeit ein Schimpfwort. Er bezeichnete faule, arbeitsunwillige und passive Menschen. In den 1990er Jahren erfuhr die Bezeichnung eine popkulturelle Aufwertung, Generation x, Grunge, unfrisiertes Haar, Trainspotting und so. ‚Slacker‘ waren nun bewusst gegen gesellschaftliche Anforderungen, die galten als unangepasst und kritisch gegen Status, Konsum und Karriere. „Choose life. Choose a job. Choose a career. Choose a family. Choose a fucking big television, Choose washing machines, cars, compact disc players, and electrical tin openers. (…) But why would I want to do a thing like that?“ heisst es in Trainspotting.

‚Slacktertum‘ scheint somit erstmal als wundervoller Ausweg aus den Zwängen der Mutterschaft – einen Bereich, der von strikten Rollenvorstellungen und diversen Arbeitsaufträgen überdeterminiert ist. Die Slacker-Mom könnte sowohl dem traditionellen Muttermythos als auch der neoliberalen Idee einer stets perfekt funktionierenden Karrieremutter ein Schnippchen schlagen. Und tatsächlich richten sich die ‚Slacker Moms‘ teilweise gegen das Ideal der immer motivierten und fleissigen Mutter. Die US-amerikanische Autorin Muffy Mead-Ferro prägte den Begriff im 2004 erschienenen Buch ‚Confessions of a Slacker Mom‚, in dem sie übertriebene Erwartungen an mütterliche Verantwortung und Kindererziehung kritisiert. In der Anleitung ‚How to Be a Slacker Mom‚ werden 10 Punkte genannt. Dazu gehört, Perfektionismus abzulehnen, Elternschaft nicht als Wettbewerb zu betrachten, die Kinder nicht zu sehr zu behüten, Aufgaben abzugeben und sich ohne Schuldgefühle zu entspannen.

Das klingt gut. Ist es sicherlich auch – weil es Druck abbaut und ein weiteres Spektrum von Mutterschaft ermöglicht. Doch leider wandelte sich beim Lesen einiger Slacker-Mütter-Texte die Verheissung oft in Enttäuschung. Die Slacker-Moms haben wenig mit dem popkulturellen Slacker der 90er zu tun, schließlich wurde der auch in erster Linie von Männern verkörpert. Genau gesehen ist ja schon ein How-To mit 10 Punkten ziemlich unslackerig. Und auch allgemein werden überraschend viele Arbeitsaufträge formuliert. So erwähnt ein Slacker-Blog die eigentlich schöne Idee einer Not-to-do-Liste. Diese bedeutet aber keineswegs, dass frau tatsächlich nichts tut, sondern, dass sie wichtige Sachen statt der unwichtigen tut –  damit sie effektiver arbeitet: “ If I need to wash the diapers I will not try to wash the bedding. If my husband needs clean work clothes I will not wash towels.“ Faulheit muss gelernt sein, so scheint es, und Verweigerung darf – zumindest für Frauen und Mütter – keinesfalls zu weit gehen.

Die meisten Slacker-Mütter kritisieren zwar unrealistische Erwartungen an Mütter, verstehen sich aber nicht im engeren Sinne politisch. In vielen Texten werden traditionelle Vorstellungen von Familie im Sinne der Dreifaltigkeit von Vater-Mutter-Kind vertreten, alternative Modelle werden kaum mitgedacht. Auch Bluemilk betrachtet das Slacker-Mom-Movement ambivalent. Sie begrüsst deren entspanntere Haltung, betont aber den wenig thematisierten Klassismus in der Bewegung. Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt.

Denn bestimmte Insignien von Slackertum sehen nur bei bestimmten Menschen cool aus. Um etwas verweigern zu können, muss man es zunächst einmal besitzen. Um Privilegien, Ideale und Status ablehnen zu können, muss man Zugang zu ihnen haben. Schon die meisten Slacker der 90er Jahre waren junge weiße Männer der Mittelklasse, die in westlichen Industriestaaten lebten – also Menschen, die potentiell Zugang zu Job, Zukunft und Karriere hatten. Und auch viele selbsternannte Slacker-Mütter sind weiße, verheiratete Frauen aus der Mittelklasse – also genau jene Frauen, denen gemeinhin zugetraut wird, Kinder zu bekommen, versorgen und ‚richtig‘ zu erziehen. Für viele Mütter, die nicht in dieses Schema passen, wäre ein offen zur Schau getragenes Slackertum wohl eher eine Gefahr.

Trotzdem – vielleicht als Remineszenz an mein pubertäres ich: Ich mag den Begriff der Slacker-Mom. Zumindest klingt er cool. Und faul-sein ist wichtig. Vielleicht lässt der Begriff sich ja noch anders füllen.

7 Kommentare leave one →
  1. April 19, 2013 1:30 pm

    Dein Schlusssatz erinnert mich an einen Buchtipp, den ich neulich gelesen habe. Mein Kind steckt zwar noch in meinem Bauch, aber dieses Buch schien mir schon mal sehr sympathisch, und ich werde es wohl noch lesen: „Leitfaden für faule Eltern“ von Tom Hodgkinson. Hier eine Rezension der FAZ dazu: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/leitfaden-fuer-faule-eltern-langsam-lerne-ich-katastrophen-zu-geniessen-1803219.html
    Gruß!

    • Line permalink
      April 20, 2013 7:53 pm

      Ein großartiges Buch! Unbedingt empfehlenswert, auch seine anderen Bücher.

    • Oktober 10, 2013 10:29 am

      Ja, dieses Buch („The idle parent“ von Tom Hodgkinson) kann ich auch empfehlen. Folgender Satz ist mir von meiner Lektüre geblieben: „Leave the kids alone.“ Er erscheint im Zusammenhang mit der Vorstellung, dass Eltern sich ständig um das Kind bewegen, ihm etwas zum Spielen anbieten und beschäftigen müssen. Aber, so TH, das Kind braucht seine Zeit und Freiheit, um die Welt spielerisch zu entdecken. Es kann stundenlang mit ein paar Steinen am Strand spielen, währendessen die Eltern gemütlich ein Bierchen schlürfen.

  2. April 20, 2013 11:44 am

    Seit Becks „Loser“ in den 1990er-Jahren (und im Nachhall des Grunge) bin ich Slacker. Gefühlt, also mit Fühlung, aber bisher noch nicht konkreter gefüllt. Muss auch nicht immer sein. Aber ich bin auch nicht Vutter oder Mater (allerdings ein verwöhnter Sohn), bin also vor manche konkrete Handlungsentscheidung nicht gestellt. Als Rahmen ist mir am Slackertum (nach meiner noch etwas spontanten Assoziation und Definition zu diesem Begriff) aber ein paar abstrakte Punkte wichtig: Faulheit ist ein Element des Lebens, kein Verbrechen. Entspannung und entspannte Haltung sind wichtig, um offen zu bleiben und gerade dafür, die Kraft zu haben, einige Dinge im Leben ernst zu nehmen (romantisch- und rational-ideelle und „andererseits“/gleichzeitig lebens-praktische Dinge, die uns das Leben erleichtern sollen -> also dekonstruiert und rekonstruiert gehören, wenn sie uns autoritär normieren).

    Dass es nicht ins „zuverlässige Mutter“-Schema F(*** off) passende Mütter/Eltern sozialnormiert verdächtig macht, wenn sie „dazu auch noch“ ent-verspannte (und dadurch hoffentlich auch ent-verspannende) Eltern sind, ist traurig aber vermutlich allgemein (und nicht nur als duldbare Ausnahme) wahr.

  3. Line permalink
    April 20, 2013 8:01 pm

    faul-sein ist total wichtig! und sich als eltern diese freiheit rauszunehmen nicht unbedingt einfach. damit ich das faul-sein nicht vergesse, hängen in meiner wohnung ein paar bilder von einem künstler, der das wohl auch so sieht;-)
    http://www.flickr.com/photos/dr_ocioso/page1/

  4. April 21, 2013 11:17 am

    cool, cooler, slacker-mutter … ha! ja, da hüpft mein teenager-herz auch ein bisschen mit. ich finde, je mehr mutter-bilder verbreitet werden, umso befreiender (für hoffentlich viele mütter). trotzdem, das klassismus-argument teile ich, kann das dilemma aber nicht wirklich auflösen …

  5. linagr permalink
    September 16, 2013 11:22 am

    klar, ich bin eine von den Mittelschicht Müttern die auf Geldverdienen nicht zuviel wert legen muss (Glück). ich lebe in einem Umfeld dass Slackerigkeit goutiert. Ja schön… ich habe einen creativen job wo ich viele coole Brotlose „Projekte“ machen kann falls mir mal langweilig wird wegen der Auftragslage. (schlecht)

    klar. kein Konzept für die Masse

    weil: ich sehe durchaus ein das slackertum auf harz 4 basis kein spass ist. trotzdem denke ich doch, das ein lifestyle jenseits des autogeleases und townhausbewohnens von menschen die theoretisch eine wahl haben, menschen die faktisch keine wahl haben vlcht mut macht?

    und richtig. @aufZehenspitzen diversität in den Rollenbildern ist auch wichtig.

    der Klassizismus? Kann es sein das Ihr meint die meisten Slacker brauchen einen Verdiener irgendwo? (Erbschaft, Mutti, Ehemann?) Im Falle von Müttern dann einen Ehemann der die nötige Kohle ranholt?
    Weil Geldverdienen und Mutter und faul sein? das heisst dann nicht faul, das heisst Erschöpfung.

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