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Warum ich ging

April 3, 2013

Eine Aufarbeitung in 3 Akten

Nachdem der erste Text veröffentlich wurde, steht eines fest: die nächsten Texte wollen folgen.

Und plötzlich stellt sich mir die Frage nach Chronologie und ich widerspreche ihr sofort.

Dennoch bleibt eine gewisse Verantwortung die mir selbst gegenüber, ehrlich meine Geschichte zu erzählen und die damit verbundene Verantwortung auch verstanden werden zu wollen.

Ich stehe also vor dem Spiegel und überlege meinen nächsten Schritt. Ich sehe mich an und stelle mir eine lange verdrängte Frage: Warum ging ich ohne die Kinder?

Was unterscheidet mich von so vielen Müttern? Was unterscheidet meine Geschichte von vielen von Euch?

Eines zeichnet sich mir sofort auf. Meine eigene Mutter.

1. Akt Brief an Mam´, 

das erste an das ich denke, wenn ich an dich denke:

ich bin dir so verdammt ähnlich.

Was ich alles an deiner Seite erlernt habe. Deinen Stolz. Dein Lachen. Dein Organisationstalent. Dein Nie Aufgeben. Du bist eine starke Frau und auch ich sehe mich so.

Dann denke ich an die vielen Male, als du bei Familienfeiern erwähnen musstest, dass dich doch niemand gefragt hat, ob du die Kinder großziehen möchtest. Und auch daran, dass ich schuld bin, das du und Vater geschieden seit. Er wollte ja das zweite Kind nicht. Mich nicht.

Tja- shit happend. Here I AM!

…Mam´. Ich weiß, du hast immer dein Bestes gegeben. Und ich weiß, dein Leben war verdammt hart. Ich bin immer stolz auf dich gewesen.

Aber wenn wir ehrlich zu uns sind, du warst keine gute Mutter. Eigentlich warst du nie Mutter. Man könnte sagen, du hast mich anti-autoritär erzogen. Wenn du jemals gewusst hättest, was das bedeutet.

In meiner Erinnerung, da warst kaum da.

Du hast dich nur von uns Kinder gestört gefühlt und wenn ich deine Nähe brauchte, habe ich mich am Besten zu dir aufs Sofa, zum Fernsehgucken gesetzt. Dann war ich bei dir.

Nur du, du warst da leider nie bei mir.

Aber das ist ok. Ich bin dir deshalb nicht böse. Ich habe damit schon längst abgeschlossen. Ich weiß, dass du alles erdenkliche getan hast, um dich um unsere Familie zu kümmern. Deine Arbeit, 2 Kinder, eine pflegebedürftige Mutter (damals gab es noch keine Pflegeversicherung in Deutschland). Du hast viel geleistet.

Als es dann zur Trennung kam, meiner Trennung, da hast du zu meinem Ex gehalten. Vielleicht weil er nicht mit den Kinder weit weg wollte, so wie ich.*

Vielleicht, weil du nicht wolltest, dass es mir so ergeht wie dir.

Aber es gibt auch noch eine andere Interpretation.

Vielleicht, aber nur vielleicht, warst du ja ein kleines bisschen eifersüchtig auf mich. Mich kleines, egozentrisches, selbstverliebtes, zerstörerisches Kind, welches einfach so ihren Weg geht und dafür sogar in Kauf nimmt, dass eine Familie daran zerbricht.

 

Mam´. Ich liebe dich. Aber du warst mir nie eine Mutter. Verlangen wir also nicht von mir, so zu tun, als müsste ich das können!

 

Alles liebe,

deine Tochter

Beschäftigt man sich mit dem Thema der Rabenmutter, die ohne die Kinder weggeht, kommt man häufig nicht umhin, die damit verbundene Mutter- Tochter Rolle zu beleuchten. Häufig gibt es bereits ein sich wiederholendes Schema von Mutter zu Tochter zu Tochter, welches nicht aufgearbeitet seine Kreise zieht.(Natürlich spielen dabei auch immer die jeweiligen Väter eine Rolle, aber das ist eine andere Geschichte.) Manche sagen, Mütter, die ohne ihre Kinder leben hätten auch Stärke bewiesen, diesen Kreis aufzubrechen und dem Beziehungsmuster zu einander eine neue Chance gegeben.

 Ich finde es besser, Dinge in einen positiven Licht zu betrachten und in Veränderungen Chancen zu sehen und neue Wege zu gehen.

 

*Ich habe die Trennung und den Umzug nach Berlin getan, um meine schulische Ausbildung nachzuholen.

**Berlin ist das einzige Bundesland in Deutschland (Stand 2003) in welchem es für das Absolvieren des Allgemeinen Abitures eine Zusatzklausel gibt, welche da besagt, dass 5 Jahre Haushaltsführung anerkannt werden.

Danke Berlin! Du bist die einzige gewesen, welche mir diese Chance ermöglicht hat. Dafür stehe ich für immer in deiner Schuld!

 

2 Kommentare leave one →
  1. Catfish permalink
    April 3, 2013 4:17 pm

    Hey,

    erstmal danke dafür, dass du so offen darüber schreibst, was du erlebt und gefühlt hast/ fühlst.

    Mich interessiert auch, ob du nach der Trennung Kontakt zu deinen Kindern hast/hattest. Und ob und wie die Kinder selbst (jetzt mit 15 und 12, wenn ich richtig liege^^) mit dir darüber reden, also ob das ein Thema ist (oder war), dass du gegangen bist. Also, falls du Kontakt hast.

    Und vielleicht noch eine kleine Frage am Rande: du schreibst, dass deine Mutter nie „eine Mutter“ für dich war. Wie ist das bei dir? Fühlst du dich selbst als Mutter? (Ist aber wahrscheinlich eher wieder eine philosophischere Frage.. Was macht einen zur Mutter, etc)

    Bin auf jeden Fall gespannt auf weitere deiner Erlebnisse und Gedanken.
    LG

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  1. Warum ich ging, 2. Akt | fuckermothers

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