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„Wenn es ihr nicht gefällt, musst Du aufhören“ – Zur Jungenerziehung

März 30, 2013

[Trigger Warnung: Es geht um sexualisierte Gewalt]

In unserer Gesellschaft wird vielen Mädchen beigebracht, nicht offen aggressiv zu sein, sondern sich rücksichtsvoll, nachgebend und vorsichtig zu verhalten. Trotzdem erscheint Gewalt – insbesondere sexualisierte Gewalt – als Frauenproblem: Um nicht Opfer zu werden, sollen Frauen von klein auf möglichen Gefahren aus dem Weg gehen. Sie sollen nicht ‚provozieren‘, sich ‚vernünftig‘ verhalten, sich nicht ‚aufreizend‘ kleiden, sich nicht zu sehr betrinken, nicht Nachts alleine auf der Straße sein, etc. Diese Vorstellungen haben zur Folge, dass im Falle eines sexuellen Übergriffs der Frau oder dem Mädchen die Schuld gegeben wird. ‚Sie war eben nicht vorsichtig genug‘ heißt es dann. Dieser Mechanismus wird oft ‚Blaming the victim‚ genannt.

Täter sind in den meisten Fällen Männer und Jungen. Selbstverständlich werden auch Frauen gewalttätig, doch statistisch gesehen sind sie in der Minderheit. Laut einer Studie den Bundesfamilienministeriums von 2004 waren 99 Prozent der Täter von sexueller Gewalt gegen Frauen erwachsene Männer. Ähnlich sieht es bei häuslicher Gewalt aus: 2/3 der Tatverdächtigen sind Männer (und, by the way, der Großteil davon sind wiederum männliche Deutsche). Dennoch erscheint Vergewaltigung kaum als Männerproblem. Folglich wird vielen Jungen nicht beigebracht, weniger aggressiv zu sein, nicht zu schlagen und nicht zu vergewaltigen. Vielmehr gilt oft weiter die traditionelle männliche Geschlechterrolle für sie. Der ’normale‘ Junge scheint mutig, wild, laut, Raum-greifend und latent aggressiv.

„Don’t teach women how to avoid being raped, teach men not to rape“ oder „Don’t teach us what to wear, teach your son not to rape“ lauten deswegen viele Leitsprüche – nicht erst seit der brutalen Vergewaltigung in Steubenville: Statt Mädchen dazu zu erziehen, nicht vergewaltigt zu werden, sollen Jungen lernen, nicht zu vergewaltigen. Zerlina Maxwell zählt hierzu fünf Punkte auf, wie sexualisierte Gewalt durch Männer verhindert werden kann. Sie wurden von Maike auf kleinerdrei übersetzt:

„1. Bringt jungen Männern bei, was einvernehmlicher Sex ist.
2. Bringt jungen Männern bei, Frauen als Menschen anzusehen, und nicht als sexuelle Objekte, die zum Vergnügen der Männer da sind.
3. Bringt jungen Männer bei, wie sie ihre Männlichkeit auf eine positive Weise ausdrücken.
4. Bringt jungen Männern bei, missbrauchten oder vergewaltigten Frauen und Mädchen zu glauben, die mit ihren Fällen an die Öffentlichkeit treten.
5. Bringt jungen Männern bei, einzugreifen, wenn Sie Zeugen von Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch werden.“

Sinnvoll ist allerdings, nicht erst bei den ‚jungen Männern‘ anzusetzen, sondern bei den Erziehung von Jungen generell. Hier gilt es, überzogene Stereotype von traditioneller Männlichkeit in Frage zu stellen. Der Berliner Verein Pat-Ex bietet ‚patriarchats-‚ bzw. ‚identitätskritische Jungenarbeit‘ in der Schule an. Zu seinen Publikationen gehört unter anderem das Buch ‚Müssen Jungen aggressiv sein?‚ von Jens Krabel. Dabei ist ein Ziel von Jungenarbeit: „Einen Raum schaffen, indem das Selbstbewußtsein gefördert, das Vertrauen in die eigenen Stärken und Schwächen entwickelt und gelernt wird, Grenzen zu setzen und zu respektieren.“

Die Grenzen anderer Menschen wahrzunehmen und zu respektieren stellt auch einen der Schwerpunkte in der Sexualaufklärung des Wiener Vereins Selbstlaut dar. Seine Broschüre richtet sich nicht nur an Jungen, sondern an alle Kinder. Beim Thema „Zustimmung & Grenzen setzen“ (S. 16) geht es darum, „die Schüler_innen zu ermutigen, das Mitteilen von Wünschen und Grenzen auszuprobieren und somit über die Wichtigkeit von achtsamem, konsensuellem Miteinander zu lernen und dieses erfahrbar zu machen.“ Die anschliessenden Übungen beinhalten eine ‚Ampel‘ zum Einschätzen von Zustimmung und einige Beispielgeschichten mit Situationen beim Sport, beim Spielen oder in ersten Liebesbeziehungen.

Über die Erziehung ihrer Söhne schreiben einige Blogger-Väter. So ist bei Mochadad zu lesen: „As fathers, we must teach our sons to respect women. This culture of disrespect can only be reversed by strong men taking a stand. We must model appropriate behavior and teach them that their manhood is not tied to their sexual conquests.  Most of all, we have to reinforce the notion that ‚No‘ means ‚No.'“

Ein sehr alltägliches Beispiel, wie eine solche Erziehung im Kleinen aussehen kann, gibt Yesmeansyes. Dort wird eine Szene beschrieben, in der ein zweijähriger Junge ein kleines Mädchen beim Spielen kitzelt. Der anwesende Vater sagt zu seinem Sohn einfach: “If she’s not having fun, you have to stop.” Wenn es Ihr nicht mehr gefällt, musst Du aufhören.

5 Kommentare leave one →
  1. März 30, 2013 10:36 pm

    Wenn es Ihr nicht mehr gefällt, musst Du aufhören.
    Das gilt aber immer und überall! Nicht nur zwischen Jungen und Mädchen, sondern zwischen Menschen überhaupt und auch von Mensch gegenüber anderen Lebewesen. Wer stärker ist, hat mehr Verantwortung.
    Nein, ich denke nicht, dass das nur für Jungs passend ist.

  2. März 30, 2013 11:09 pm

    der schönste Ansatzpunkt ist die Sexualpädagogik, da sind Jungs wie Mädchen dankbar und erleben das „zusammen kommen“ als neu und unsicher. Der härteste Gegner sind die Pornolügen in den Köpfen einiger Jungs mit größeren Brüdern, aber auch die lassen sich sachlich bearbeiten.

  3. Sam permalink
    April 1, 2013 9:11 pm

    „Dennoch erscheint Vergewaltigung kaum als Männerproblem. Folglich wird vielen Jungen nicht beigebracht, weniger aggressiv zu sein, nicht zu schlagen und nicht zu vergewaltigen. Vielmehr gilt oft weiter die traditionelle männliche Geschlechterrolle für sie. Der ‘normale’ Junge scheint mutig, wild, laut, Raum-greifend und latent aggressiv.“

    Ich (als Mann) finde die Wahrnehmung, daß Vergewaltigung kaum als Männerproblem dargestellt wird, höchst merkwürdig. In meiner Wahrnehmung des gesellschaftlichen Diskurses ist es viel eher so, daß Männlichkeit und vor allem männliche Sexualität als grds. problembehaftet diskutiert wird (#aufschrei) während gleichzeitig auch und insbesondere von Frauen Erwartungen an Männlichkeit und männliche Sexualität herangetragen werden, die dann zu Verwirrung führen müssen (#Schmerzensmänner/ 50 Shades od Grey). Persönlich möchte ich anmerken, daß „identitätskritische Genderarbeit“ bei Jugendlichen, die zumeist nichts mehr wollen, als überhaupt eine Idee davon zu bekommen, wer sie sind, vor allem in geschlechtlicher Hinsicht, aus meiner Sicht höchst problematisch ist. Das *kann* wertvoll sein, aber mir erscheint bei nicht wenigen dieser Initiativen das Individuum und seine Bedürfnisse hinter ideologischen Erwägungen vergessen zu werden, die mit den betroffenen Jugendlichen tendenziell nichts zu tun haben, diese aber potentiell dauerhaft verunsichern können.

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