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Geh besser wieder Heim

März 17, 2013

Fuckermothers freut sich heute eine neue Gastautorin vorstellen zu dürfen.

Rufende Nebelkrähe ist 33 Jahre alt und lebt seit gut 10 Jahren ohne ihre beiden leiblichen Kinder in Berlin. Seitdem kämpft sie für ein neues Verständnis der Mutterrolle. Sie findet die Analyse von Müttern, die gehen, wäre ohne Feminismus nicht möglich- möchte aber darauf hinweisen, dass die eigenen Kinder zu verlassen, rein gar nichts mit Feminsimus zu tun hat- sondern individuelle Biographien darstellen.

Als ich mit 23 Jahren nach Berlin kam – da kam ich alleine.

Mutterseelenallein.

Ich habe nämlich meine beiden Kinder, damals 5 und 2 Jahre, bei ihrem Vater gelassen und bin in eine kleine 2- Raum-Wohnung in Kreuzberg gezogen.

Die Trennung war gerade erst vollzogen, als ich im Café Bateau Ivre mit einem, in meinen Augen, älteren Mann ins Gespräch komme. Auch er lebt ohne seine Kinder in Berlin.

Er leidet. Er vermisst. Er ist alleine.

Er sieht mich an und gibt mir einen Ratschlag: „geh besser wieder Heim“. Als wüsste er irgendwie, was Heim für mich bedeutet.

„du als Mutter“ erklärt er weiter, „du schaffst das nicht ohne die Kinder“

Nach 10 Jahren sehe ich immer noch die Oranienstraße vor mir, sehe diesen fremden Mann, welcher es doch ach nur so gut mit mir „Mädchen“ zu meinen scheint. Ich sehe seine traurige Art und Weise, er ist leicht geduckt. Ich sehe ihn noch genau vor mir.

Ja, und beinahe hätte er Recht gehabt. Ein Leben ohne die eigenen Kinder kann schwer sein. Eine Familie gehabt zu haben, sich selbst zu wandeln ist nicht leicht. Und das Leben alleine genießen zu können, das mensch meist ja nicht einmal nach einem Beziehungs-Aus ohne Kinder.

Aber irgendetwas in mir stört sich an meinem Geschlecht. Frau sein. Mutter sein. Ist es zwingend so, dass ich mehr vermissen werde? Ist es so, dass es ein Band gibt? Das Band, welches nur der Gebärenden zugesprochen wird?

Ich glaube nicht daran. Ich kann ja nicht einmal glauben, dass sich noch im 21. Jhd viele Leute nicht vom Ideal einer biologischen Mutter trennen möchten. Für diese besteht ein unwiederrufliches Band, das durch die Schwangerschaft gebildet ist und das sie heilig sprechen. Aber zwingt es die leibliche Mütter nicht in eine aufopfende Rolle und schreibt gleichzeitig Vätern – oder nicht biologischen Eltern – eine gleichsam liebevolle Beziehung ab?

Deshalb gibt es wohl auch keine Rabenväter. Oder Rabeneltern.

Das Kindswohl liegt einzig und allein in Mutters Liebe und Zuwendung.

Jetzt kommt schon? Wirklich?

Was mein Leben als Rabenmutter aber so schwer gemacht hat, waren diese Zuschreibungen.

Entweder gut oder böse.

Die einen halten mich für ein Opfer, dass große Qualen auf sich genommen hat, um die Kinder in dem Umfeld aufwachsen zu lassen, wo es ihnen am Besten geht. Sie wollen, dass ich kämpfe, ein Löwenherz habe und leide. Denn so gehört sich das.

Die anderen halten mich schlichtweg für einen schlechten Menschen. Eine Frau, welche ihre Kinder verletzt. Sie fragen nicht nach meiner Geschichte – aber sie malen sich Bilder aus. Gewalttätige, Gefühlskalt Bilder. Und wenn sie einen traurig sehen, dann halten sie das für die gerechte Strafe.

Es muss aufhören, dass sich jedes Mal, wenn ich anfange von meinen Kindern zu reden, ein mitleidiger Blick kommt. Dass mein Gegenüber sich mir mit seitlich geneigtem Kopf zuwendet und fragt, ob alles ok sei? Oder ein Aufblitzen in den Augen, gepaart mit einer leicht steiferen Körperhaltung. Da möchte ich gar nicht wissen, was sich für Bilder im Kopf meines Gegenübers bilden.

Jeder Mensch, welcher durch welches Schicksal auch immer seine Kinder verlässt, hat seine eigene, individuelle Geschichte.

Wollen wir emanzipierte Väter und sich selbst definierende Familien, müssen wir auch die Mütter, welche ihre Kinder verlassen, in unserer Mitte akzeptieren.

Deshalb werde ich ab jetzt Geschichten erzählen, meine Geschichte.

8 Kommentare leave one →
  1. Nee permalink
    März 17, 2013 9:38 pm

    Hallo fuckermothers, hallo Rufende Nebelkrähe,
    Ich fass mich kurz: Ich bin sehr gespannt auf die Geschichte. Und noch ein Kompliment an die Autorin zu Ihrem gelungen Vorwort. Ihr Schreibstil gefällt mir auch sehr gut.🙂

  2. März 18, 2013 4:57 pm

    Ich stimme dir zu, dass wir im 21.Jhdt noch nicht sehr weit sind mit der Befreiung von tiefsitzenden Rollenvorstellungen. Ich kenne jemanden, einen Mann, der vor vielen Jahren seine Kinder, verlassen hat, die dann bei der Mutter aufgewachsen sind. Er wird unter Freuden und Bekannten oft deswegen, wegen dieses Schicksals, ohne seine Kinder aufwachsen gesehen zu haben, bemitleidet. Ich frage mich manchmal, und die Kinder, wie fühlen die sich?
    Wie auch immer, wenn ich höre, dass du mit 23 Jahren zwei Kinder hattest, dann ist das schon eine besondere Situation. Alles Andere ist eigentlich deine Sache und die des Kindsvaters und geht erst einmal niemanden etwas an.
    Das hat wirklich mit individuellem Schicksal zu tun und mit verantwortungsvollen Entscheidungen, die jede_r trifft.
    Und apropos biologisch: Väter leiden ja im Prinzip genau so an der Trennung, auch wenn sie es per männlicher Rolle manchmal besser verdrängen oder einsortieren, irgendwann holt es sie auch ein. Spätestens wenn die heranwachsenden Kinder ihnen Fragen stellen und ihr Leid klagen. Das finde ich einfach nur menschlich, nicht biologisch, und wenn biologisch, dann gilt es für beide Geschlechter.
    Ich finde nur wichtig, dass die Entscheidung verantwortungsvoll getroffen wird und die Gefühle der Kinder eine gleiche Rolle spielen wie die der Erwachsenen. Für Kinder ist das „Im Stich gelassen werden“ oft eine traumatische Erfahrung, egal ob von Vater oder Mutter.
    Ich stell mir das sehr belastend für alle Beteiligten vor und wünsche dir, dass das Leben dir die Hilfe bringt, die du brauchst. Solche Vorschläge wie „Geh heim“ und „du schaffst das nicht als Mutter“ gehören eher nicht dazu und sind keine Lösung.
    Freundliche Grüße

  3. März 18, 2013 6:52 pm

    Der post hat mich zu einem eigenen Post zum Thema motiviert: http://talentfreischoen.blogspot.de/2013/03/steile-these.html

  4. März 19, 2013 4:47 pm

    Danke für diesen Beitrag von einer weiteren „Rabenmutter”, der tatsächlich gut geht mit ihrer Entscheidung. Und dem Kind geht es auch gut, denn es wird geliebt. Mensch mag es kaum glauben.

    • März 19, 2013 4:47 pm

      Danke für diesen Beitrag von einer weiteren „Rabenmutter”, der tatsächlich gut geht mit ihrer Entscheidung. Und dem Kind geht es auch gut, denn es wird geliebt. Mensch mag es kaum glauben.

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