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Kennst Du eine, kennst Du alle?! Replik auf den NZZ-Artikel »Erst Karriere, dann Kinder« (27.01.13)

Februar 19, 2013

Es ist gut von einer Mutter zu lesen, die zufrieden mit ihrem Beruf ist, ihr Privatleben  schätzt und ohne Reue auf die eigene Biographie schaut, so wie Charlotte Jacquemart, die vor knapp drei Wochen in der NZZ am Sonntag den Artikel »Erst Kinder, dann Karriere« veröffentlichte. Ärgerlich ist, wenn eine Autorin von sich auf andere schließt, wenn sie voraussetzt, dass sämtliche Mütter eines Landes (Schweiz) die gleichen Wünsche haben und den gleichen Lebensweg bestreiten sollten. »Wir Mütter«  tun »uns keinen Gefallen«, wenn wir über 30 Kinder bekommen, heisst es im Untertitel des Texts. Doch auch wo Erfahrungsgemeinschaften postuliert werden, versteckt sich oft Häme.

Verständlich ist also, dass dieser Artikel viele Mütter getroffen hat. Jacquemart ist nicht gerade zimperlich. Da werden Mütter über 30 mit Großmüttern verwechselt und eine mangelnde Hautelastizität diagnostiziert, verkündet, solche Frauen hätten die besten Jahre ihres Lebens an falsche Männer verschwendet und – um noch eins draufzusetzen: Kinder finden eh nur junge Mütter cool. Unklar bleibt, wieso sich die Autorin überhaupt so einen Kopf um andere Frauen und ihr Gebäralter macht. Oder ist der Artikel am Ende gut gemeint? Unerklärlich ist dann, warum sich die dem Text eingeschrieben Aggression ausgerechnet gegen andere Frauen richtet. Die, in meinen Augen grob fahrlässige, Aufforderung sich den aktuellen Zuständen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen ist im besten Fall ein Zeichen von Unkenntnis und Resignation. Im Übrigen: Neoliberalismus meint es selten gut!

Was geht es mich oder eine Journalistin der NZZ an, ob meine Nachbarin von oben mit 20 ein Kind bekommt oder die von nebenan mit 40? Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, wann im Leben der richtige Zeitpunkt für Kinder ist. Mit welchem Interesse sollte ich diese Fähigkeit anderen Menschen absprechen? Mit welchem Recht gucken die einen verächtlich auf die Teenage-Mutter und die anderen auf in den Vierzigern? Darüber hinaus ergibt es in einem Land, in dem nicht jeder Mensch mit den gleichen ökonomischen Vorraussetzungen ausgestattet ist, die Bildungs- und Berufswege sich unterscheiden und die individuellen Sehnsüchte keiner planwirtschaftlichen Normerfüllung unterworfen sind, schlichtweg wenig Sinn einen einzigen Lebenswurf als Idealverlaufsform zu preisen.

Nicht jede Frau hat mit 24 wenig Geld und mit 42 viel. Und wenn doch, ist das Angewiesensein auf finanzielle Hilfe während der Ausbildung, z.B. von den eigenen Eltern, oder die Existenzangst angesichts eines gestohlenen Kinderwagens oder eines  plötzlichen Wachstumsschubs tatsächlich so viel entspannender als der Fleck auf dem Designersofa? Nicht jeder Mensch sehnlichster Wunsch ist übrigens ein Designersofa. Die kommen nicht wie die Kurzsichtigkeit. Und nicht jede Familie über 40 kann sich eines leisten und das liegt nicht daran, dass die Kinder zu spät kamen. Ebensowenig sehnt sich jede Frau danach mit 45 auf dem Tisch zutanzen. Mal ganz zu schweigen davon, was so eine Partynacht einem Körper über 40 antut. So gesehen müsste es heissen: Sobald ein Wodka zu viel einen Kater auslöst, ist der richtige Zeitpunkt zum Kinderkriegen!

Frau Jacquemart mag jetzt denken, dass genau dieser Wodka viele Frauen in die Arme von falschen Männern und somit in die verspätete Mutterschaft treibt. Aber warum nur sollte jeder Mann, der kein »Vatermaterial« abgibt, ein «unwerter» Mann sein? Und warum nur sollte jede Frau die Mutterschaft dem lustigen Sex, der schrägen Beziehung vorziehen? Auch wenn auf den ersten Blick so anmutet vertritt die Autorin hier kein katholisches Weltbild, denn nur der frühe Sex muss der Fortpflanzung dienen. Danach darf wieder jede mit jedem. Im Rahmen dieser Argumentation überrascht es nicht, dass Männer in dem Text lediglich die Rolle von Samenspendern und Unterstützern spielen und andere Familienformen unter den Tisch fallen.

Natürlich ja, es geht bei Jacquemart um den Arbeitsmarkt bzw. die Karriere (wieso nur muss ich bei diesem Wort inzwischen lachen?). Es stimmt natürlich, dass Eltern von Kleinkindern dort häufig an ihre Grenzen geraten, die frühe Elternschaft aber bewahrt die Arbeitnehmer_innen weder vor Schikanen noch ist sie – wie es in dem Artikel antönt – ein Garant für Zufriedenheit bei der Arbeit. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich die Arbeitswelt ändern kann und sich bessere Bedingungen für Frauen wie auch für Männer, die Kinder haben, etablieren werden. Das aber klappt nur, wenn Eltern untereinander solidarisch sind, egal wie alt, welcher sexuellen Orientierung und welcher Herkunft.

Da Draussen braucht es keine coolen Mütter, sondern bad ass Eltern!

Ein Gastbeitrag von GT

8 Kommentare leave one →
  1. Februar 20, 2013 9:33 am

    schöne replik, schöner schlusssatz.

  2. Katharina permalink
    Februar 22, 2013 1:26 pm

    Ich hatte mich auch sehr über den Artikel in der NZZ geärgert. Solidarität zwischen Müttern ist wichtig, und die Annahme, es gäbe genau einen Weg, es ‚richtig zu machen‘ ist absurd. Danke für Deine Replik!

  3. Februar 26, 2013 9:22 am

    So ein Blödsinn (lese gerade den Artikel „Erst Kinder, dann Karriere). Ich war 31 beim ersten, 34 beim zweiten Kind, und keine Spur von Schwangerschaftsstreifen. Meine Schwägerin, die fast zur gleichen Zeit schwanger war und 8 Jahre jünger ist, hat total arge Schwangerschaftsstreifen bekommen. Jede soll ihr(e) Kind(er) bekommen, wenn es für sie passt. Punkt, mehr gibt es dazu nicht zu sagen, glaube ich.

  4. Plitsch permalink
    März 1, 2013 7:30 pm

    Ein ausgezeichnet geschriebener Text. Ich glaube, die Kritik am Alter, in dem Frauen Mütter werden, ist oft nur vordergründig. Würden alle mit Anfang 20 Kinder bekommen – und wäre dann höchstwahrscheinlich die Gehalts- und Aufstiegsungleichheit zwischen Männern und Frauen trotzdem nicht besser – würde man wahrscheinlich genau anders herum argumentieren. Es geht vor allem darum, die jetzige Situation der Entscheidung einzelner Frauen anzulasten – und nicht Sexismus und struktureller Benachteiligung.
    Und ich mag ebenfalls den Schlusssatz und wäre gerne eine ‚badass mom‘.

  5. März 4, 2013 1:59 am

    “ Aber warum nur sollte jeder Mann, der kein »Vatermaterial« abgibt, ein «unwerter» Mann sein?“

    Ja. Und die Konsequenz wäre: Elternschaft sollte die Ehe im Sinne einer grundgesetzlich unterstützten Lebensform ablösen! Weg von der romantischen Liebe als „MUSS“, weg von geschlechtlichen oder biologistischen Sichtweisen hin zu: Wo Kinder aufgezogen werden, ist Famile – und DA ist auch Förderungsbedarf.

  6. Muyserin permalink
    März 5, 2013 12:52 am

    Solange es noch irgendeine Frau da draußen gibt, die ernsthaft vertritt, das Problem am Muttersein seien Schwangerschaftsstreifen, solange müssen sich die Herrschenden keine Sorge um anstehende Umbrüche machen.

    Wie armselig, anderen Frauen, aber vor allem auch sich selbst gegenüber. Da hat diese Frau nun heldenhaft Kinder geboren, und dann gestattet sie es sich nicht, trotz etwaiger Alterungszeichen für liebens-, begehrens- und bewundernswert erachtet zu werden. Schön blöd, bzw. schön und blöd, kann man da der jungen Mutter nur ins Stammbuch schreiben.

  7. Lexi permalink
    März 7, 2013 5:15 pm

    Das Problem ist finde ich ganz allgemein, den Leuten reinzureden, wie sie Leben. Möglichkeiten aufzeigen, ja, auf jeden Fall. Kritisieren, ja. Aber alles darüber hinaus ist mMn oft anmaßend. Übrigens: Die Schweiz ist nicht Deutschland. Das darf man nicht vergessen.

  8. bonnie permalink
    Oktober 8, 2013 8:45 am

    madame fuckermother-chefin: ich habe gestern dein blog gefunden und könnte den ganzen tag lesen und mitreden und diskutieren und freuen und schimpfen und lachen. du machst das fantastisch!
    und diesen beitrag mag ich ganz besonders: ich habe diese vergleicherei satt! dieses immer-origineller-einzigartiger-bio-und gleichzeitig irgendwie charmant vernachlässigt attraktiver sein!

    wir sind so laut stolz auf unsere einzigartigkeit. ja geht das denn dann nicht auch leise für andere?…

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