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Feminismus vs. Mutterschaft IV: Iris Marion Young zur Phänomenologie der Schwangerschaft

Januar 9, 2013

Die Politikwissenschaftlerin und Feministin Iris Marion Young hat Anfang der achtziger Jahre eine einflussreiche Analyse der Schwangerschaft veröffentlicht. Darin kritisiert sie die Situation in der heutigen Gesellschaft: „pregnancy does not belong to the woman herself“. Die Schwangerschaft gehöre nicht der Frau selbst, weil sie nur als passive Hülle für den Fetus objektiviert werde und weil die Medizin die Schwangerschaft allein als Prozess konzipiere, der latent pathologisch sei und deswegen mit technischen Instrumenten überwacht werden müsse. Auf diese Weise werde die Frau von ihrem Körper entfremdet und ihr Empfinden abgewertet.

Dagegen stellt Young eine phänomenologische Perspektive auf Schwangerschaft, die ihre aktiven und kreativen Elemente betont und das unmittelbare Bewusstseinserleben in den Vordergrund stellt. Hierbei betont sie etwa, dass sich in diesem Zustand die dualistische Trennung von Außen und Innen, Subjekt und Objekt veruneindeutigt wird. Die Schwangere steht wieder in Verbindung mit dem verloren geglaubten Körper ihrer eigenen Mutter. Klassische Grenzen der Subjektivität verschieben sich und es kommt zur Erfahrung einer eigenen Zeitlichkeit und zur Teilhabe an einem schöpferischen Prozess.

Youngs Aufsatz wird auch heute noch viel in Texten zu Reproduktion und Mutterschaft zitiert. Er war wichtig, weil er eine weitreichende Medizinkritik beinhaltet und versucht, einen alternativen Ansatz auf Schwangerschaft jenseits dominanter Körpermodelle zu formulieren.

Auch wenn sicherlich viele medizinische Methoden und Strukturen sehr kritisierenswert sind, finde ich die sehr pauschale Verurteilung der Medizin problematisch. Zudem bin ich generell keine Freundin der Phänomenologie und finde mich auch in Youngs Verwendung derselben bestätigt. Denn in ihrem Entwurf geht sie davon aus, dass es eine universale weibliche Erfahrung einer Schwangerschaft geben kann.

Hierdurch schafft sie eine Art Norm, wie frau sich zu fühlen hat und einen Bereich des ‚Unnormalen‘ für vermeintliche Ausnahmen des Fühlens. Durch die Annahme eines ‚authentischen‘ Zugangs zum Körper klammert sie sowohl die Bedeutung des Sozialen, als auch Unterschiede zwischen Frauen aus. Beispielsweise sind manche Schwangerschaften erwünscht, andere nicht. Manche Frauen haben ausreichend Ressourcen und Unterstützung für ein Kind, andere nicht. Hintergründe wie diese prägen die Erfahrung der Schwangerschaft, die Wahrnehmung von Subjekt und Objekt sowie das Verhältnis zum eigenen Körper.

Deswegen hat Caroline Lundquist dieses Konzept um eine Phänomenologie der ungewollten Schwangerschaft erweitert – ich bin aber unsicher, ob es Sinn macht, einfach zu versuchen, eine eigene Phänomenologie für alle denkbaren Schwangerschaftserfahrungen zu entwerfen. Vielleicht wäre es besser, es mit einer alternativen Sicht auf den Körper und auf dessen Erfahrung zu versuchen. Bleibt nur noch zu fragen, welche das sein könnte.

———

Young, I. M. (1984). Pregnant embodiment: subjectivity and alienation. Journal of Medicine and Philosophy, 9(1), 45-62.

Lundquist, C. (2008). Being torn: Toward a phenomenology of unwanted pregnancy. Hypatia, 23(3), 136–155.

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