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Sex-arbeitende Mütter

Dezember 2, 2012

Die feministischen Sex-Kriege waren lang und blutig. Naja, wirklich blutig waren sie nicht, aber ich fand den Eingangssatz so schön dramatisch. Lang, das waren sie jedenfalls. Sie begannen Ende der 1970er Jahre, endeten offiziell  in den neunzigern, einzelne Scharmützel gibt es aber heute noch. Eine verkürzte Darstellung der Fronten: Auf der einen Seite standen diejenigen, die gegen Pornographie und Prostitution waren, weil diese per se ein Ausdruck patriarchaler Unterdrückungsverhältnisse und männlicher Sexualität darstellen sollten. Zu ihnen gehörte unter anderem Catherine MacKinnon und auch Alice Schwarzer mit ihrer PorNo-Kampagne.

Auf der anderen Seite standen die sex-positiven Feministinnen, zu denen unter anderem Gayle Rubin gehörte. Sie betonten Individualismus, Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmtheit von Frauen. Während erstere Prostituierte in erster Linie als beklagenswerte Opfer sahen, waren sie in den Augen der zweite Gruppen (meist) aktiv entscheidende und handelnde. Inzwischen gibt es deswegen auch feministische Pornos, die etwa über den ‚feminist porn guide‚ zu finden sind.

Ich finde das wichtig, um die Debatte um sex-arbeitende Mütter einordnen zu können. Denn Eva Schless richtet sich in ihrem Artikel ‚Sex worker & mother‚ gegen die erste Position. Ausgangspunkt des Textes war ein Bemerkung, dass Sex-Arbeit Ausbeutung sei und nie wirklich selbstbestimmt sein könne, da eine sex-arbeitende Mutter schließlich niemals ihrer Tochter zu diesem Job raten würde. Schless erklärt, sie wolle ihre Tochter ermutigen den Beruf zu ergreifen, den sie sich wünsche.

Ihre Ansicht: “ I cannot stand the uninformed and ignorant rant that sex work is not empowering or a real ‘choice’. I am going to put it in a very simple way: I love sex. I f*cking LOVE it. I have loved it before I even knew what it was or that there was such a thing as the patriarchy. All I knew was that something down there felt really good. As I grew up and learned more about it – I loved it even more. And as I started to do it… I realised I was really, really good at it. So, something I really enjoy, am good at and can be paid to do is somehow NOT my choice?“

Eine ähnliche Meinung vertritt ‚ThisIsYourDaughter‘: „Es gibt Menschen, die wollen Sexarbeiter sein. Und es gibt Menschen, die diese Dienstleistung in Anspruch nehmen. Und wenn diese Menschen miteinander Verträge schliessen, wenn Dienstleistungen gegen eine angemessene Vergütung zu fairen Konditionen erbracht und bezahlt werden, wenn das zwischen zwei erwachsenen Menschen bewusst und klar umrissen geschieht, dann ist für mich nichts Schlimmes daran. Im Gegenteil. Das ist anständige Arbeit gegen anständiges Geld, und damit ist es in meinen Augen eine gute Sache.Das ist anständiger, als Leiharbeiter für sechs, sieben Euro auszubeuten. Das ist anständiger, als Frauen, weil sie Kinder haben immer nur von einem befristeten Arbeitsverhältnis ins nächste zu hetzen.“

‚Mutterseelenalleinerziehend‘ sieht das mit der Wahl dennoch k0mplizierter und betont gesellschaftliche Strukturen: „Die heterosexuelle Prostitution ist in der Regel weiblich und sie bedeutet, dass das Geld eines Anderen über den Körper einer anderen verfügen darf. (…) Ich respektiere diese Frauen als Menschen. Ich will sie weder stigmatisieren, noch für verkehrt erklären. Aber ich bin eine Visionärin und möchte klarstellen, dass es in einer Welt mit größerer Statusgleichheit und weniger Geldsorgen vermutlich gar keine Prostitution geben würde. Das ist in meinen Augen die einzig wichtige Frage: Würdest Du diesen Beruf auch machen, wenn ich Dir jeden Monat 8000 Euro überweise?“

Ich frage mich, ob man bei der Diskussion um ‚Sex-Arbeit‘ weniger auf den ‚Sex‘ und mehr auf die ‚Arbeit‘ und deren Bedingungen schauen sollte. Wenn die Arbeitsbedingungen allein von Kapitalismus und Ausbeutung geprägt sind, ist die Arbeit wohl kaum selbstbestimmt und empowering. In anderen Kontexten jedoch ist sicherlich eine freie und befriedigende Arbeit möglich. Ich schliesse also mit einer Banalität: Sex-Arbeit ist nicht gleich Sex-Arbeit und sollte, wie alles, differenziert betrachtet werden.

3 Kommentare leave one →
  1. tob permalink
    Dezember 2, 2012 9:58 pm

    liandra dahl ist eine in australien lebende sexarbeitende mutter. vielleicht auch interessant ihre position zu lesen.

    http://www.liandradahl.com

  2. Dezember 6, 2012 12:09 am

    „I am going to put it in a very simple way: I love sex“

    Möchte noch hinzufügen, dass es viele Sexworkerinnen gibt die ihren Job mögen, obwohl sie keine sexuelle Selbstverwirklichung darin sehen.

Trackbacks

  1. Sex-Kriege. Ein Re-Post. (eigentlich hab ich keine Lust auf die Debatte) | fuckermothers

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