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Feminismus vs. Mutterschaft III: Das Müttermanifest von 1987

November 18, 2012

Das Müttermanifest ist Ergebnis einer Tagung, die 1986 stattfand und von den Grünen gefördert wurde. Auf ihr trafen sich ungefähr 500 Mütter und 200 Kinder um über die die Lebensverhältnisse für Menschen mit Kindern zu diskutieren. Das gesamte Manifest, das 1987 erschien, kann hier auf der Website von Gisela Erler gelesen werden. Laut wikipedia wurde das Manifest damals breit diskutiert – ich hatte bis vor kurzem allerdings ehrlich gesagt noch nie davon gehört, vielleicht weil ich 1987 noch ein Kind war. Ich fand den Text faszinierend, auch wenn (oder weil) er durchaus vom Jargon der damaligen Zeit geprägt ist. Viele Positionen sind altbekannt und haben noch heute Bestand, etwa die Forderung nach einer Aufwertung von Sorge- und Hausarbeit oder die Kritik an kapitalistischen Verwertungslogiken.

Sinnvoll ist etwa weiterhin der Aufruf, Mutterschaft und öffentliches Leben in besseren Einklang zu bringen. Denn gerade das aktuelle Dissen von den sogenannten Latte-Macchiato-Müttern ist meiner Meinung nach mit der Idee verbunden, dass Mütter und ihre Kinder allein in den privaten Bereich gehören und sich gefälligst nicht an öffentlichen Orten wie Cafés aufzuhalten haben. Das Manifest geht dabei aber viel weiter als nur kinderfreundliche Cafés zu fordern: „Was ansteht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Schaffung einer mütter- und kinderfreundlichen Öffentlichkeit, einer öffentlichen Wohnstube, eines nachbarschaftlichen Kinderzimmers, einer Überwindung der engen Familiengrenzen, ohne daß die Logik der Kneipe, des Betriebs oder gar der traditionellen Politik alles Leben durchdringt. Im Rahmen einer solchen grundsätzlichen Um-Orientierung muß Platz sein für verschiedene Lebensentwürfe von Müttern, für Beruf und/oder Hausarbeit, Nachbarschaftsarbeit, große und kleine Politik.“

Wichtig ist auch weiterhin die Forderung nach einem anders strukturierten Erwerbsleben. „Wir brauchen eine Arbeitswelt, die von einer völlig neuer Offenheit geprägt ist. Die kommenden wirtschaftlichen Probleme sollten vorrangig Anlaß sein zu drastischen Arbeitszeitkürzungen, aber auch zu ausgedehnten Experimenten mit qualifizierter Teilzeitarbeit und flexibler Arbeitszeit. Wir brauchen Rückkehrmöglichkeiten in alle Berufe und ganz vordringlich eine Aufhebung aller Altersgrenzen bei der Zulassung zu Fortbildungswegen und Berufswegen aller Art.“

Was mir an dem Manifest allerdings so gar nicht gefiel war, dass Mutterschaft oft überhöht wird: An vielen Stellen entwirft es diese als essentiell gut, als die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme und als Teil einer romantisierten Natur. Damit verbunden werden andere weibliche Lebensentwürfe abqualifiziert – etwa wenn gegen die ‚Karrierefrauen‘ und die ‚kinderlosen Frauen‘ (und einmal auch gegen die ‚lesbischen Frauen‘) argumentiert wird. Auf diese Weise verstärkt das Manifest an einigen Stellen genau jenen Muttermythos, den es an anderen Stellen einreissen möchte.

(PS: Kürzlich gab es die, ebenfalls von den Grünen mitorganisierte, Diskussionsrunde ‚Die 3 neuen K? Kinder Karriere und Kapitalismus‘, die hier als podcast angehört werden kann.)

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