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Rente und Geburtenrate: ein Zusammenhang, der (fast) keiner ist

Oktober 24, 2012

Die sinkenden Renten werden gerne mit der sinkenden Geburtenrate erklärt. Die Schuld dafür wird in diesen Argumentationen oft einseitig auf ‚die Frauen‘ abgewälzt, die angeblich keine Kinder bekommen wollen. Allerdings stellen mehrere, teilweise bereits etwas ältere Artikel, den postulierten Zusammenhang zwischen Rente und Geburtenrate in Frage. So etwa dieses bei ‚ard‘ erschienene Interview mit Prof. Butterwegge, Direktor des Instituts für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Ein Ausschnitt:

„Butterwegge: Die Entwicklung der Rente hat wenig mit der demografischen Entwicklung zu tun. Allerdings wird immer so getan, als handle es sich hier um ein Naturereignis: Wenn die Gesellschaft kollektiv altert, müssten die Renten sinken oder die Beiträge drastisch steigen. Das ist aber eine politische Milchmädchenrechnung. Denn die Höhe der Rente ist keine Frage der Biologie: Wie alt ist die Gesellschaft? Sondern erstens eine Frage der Ökonomie: Wie groß ist der gesellschaftliche Reichtum zu dem Zeitpunkt, zu dem die Rente bezahlt werden muss? Und zweitens eine Frage der Politik: Wie wird der ja weiter wachsende gesellschaftliche Reichtum auf die einzelnen Schichten und Altersgruppen verteilt?

Die Demografie fungiert als Mittel der sozialpolitischen Demagogie, weil eine Entwicklung als zwangsläufig dargestellt wird, die politisch gestaltbar ist. Wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt – alle vorliegenden Prognosen besagen das – und wenn die Bevölkerungszahl gleichzeitig abnimmt, dann ist ein größerer Kuchen auf weniger Menschen zu verteilen. Für alle müsste genug Geld da sein. Es ist aber ungerecht verteilt, und zwar nicht zwischen den Generationen, sondern innerhalb jeder Generation.“

Der Text von Svenna Triebler in der ‚Jungle World geht in eine ähnliche Richtung. Sie bezieht sich darin auf die Analysen eines weiteren Professors, nämlich „Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirie und Autor des Buchs »Lügen mit Zahlen«. Bosbach weist seit Jahren darauf hin, dass die rückläufigen Geburtenraten der vergangenen Jahrzehnte durch die wachsende Produktivität ausgeglichen werden. Der Statistiker sieht nicht mangelnden Vermehrungseifer, sondern den wachsenden Niedriglohnsektor als Hauptgrund für die fehlenden Einnahmen des Sozialsystems.“

Triebler bezweifelt auch die vermeintlich ständig sinkende Geburtenrate pro Frau. Genauer erklärt diesen Irrtum Antje Schrupp hier: „Dass Frauen in Deutschland »immer weniger Kinder« hätten, wie dauernd behauptet wird, ist schlichtweg falsch. Richtig ist, dass die Geburtenrate sinkt – aber das hat nichts mit weiblicher Gebärunlust zu tun, sondern liegt schlicht daran, dass die Menschen heute älter werden als früher und daher proportional zur Bevölkerungsanzahl immer weniger Frauen im gebärfähigen Alter sind. Die einzelnen Frauen haben im Durchschnitt immer noch genauso viele Kinder wie vor dreißig Jahren, nämlich ungefähr 1,6.“

Sinkende Renten und daraus resultierende Arbeitsarmut sind also keineswegs ein biologisches Problem. Sie lassen sich auch nicht auf auf individuelle Entscheidungen für oder gegen Kinder zurückzuführen. Vielmehr stellen sie Folgen politischer und ökonomischer Entscheidungen dar. Sie sind primär eine Frage der Arbeits- und Lohnpolitik und der Verteilung von Reichtum.

3 Kommentare leave one →
  1. Oktober 27, 2012 1:01 pm

    Danke für diese deutlichen Worte und die Zusammenstellung, die sehr erhellend ist. Dass die sinkende Rente nicht den Frauen in die Schuhe geschoben werden kann, war mir ja irgendwie schon klar, aber dass die Geburtenrate pro Frauenkopf nicht sinkt, sondern gleich bleibt, das hab ich tatsächlich so noch nicht gelesen. Armut ist defintiv eine Frage von Reichtumsverteilung! Viele Grüße, Mila

  2. ichpostenuraufhatr permalink
    November 5, 2012 5:04 pm

    „Wie groß ist der gesellschaftliche Reichtum zu dem Zeitpunkt, zu dem die Rente bezahlt werden muss? Und zweitens eine Frage der Politik: Wie wird der ja weiter wachsende gesellschaftliche Reichtum auf die einzelnen Schichten und Altersgruppen verteilt?“
    Damit hat sich der Autor Herr Prof. Butterwegge, Direktor des Instituts für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln ins sozialpolitische Nirvana geschossen.
    Fakt ist: Die Rente ist (zur zeit) direkt proportional der Bruttolohnsumme der Volkswirtschaft. Das liegt schlicht daran, daß die Summe aller Renten zu einem beliebigen Zeitpunkt gleich der Summe der Einzahlungen in die Rentenkasse sein muß – das nennt man Umlagesystem.

    Es gibt hier einige Ausnahmen – wie z.B. Übernahme rentenfremder leistungen durch den Staat – d.h. steuerfinanzierte Zuschüsse (z.B. für Kindererziehungsleistungen) und Schwankungsreserven – für 1,5 Monate zur Zeit.

    Der Vermögensbestand der Volkswirtschaft ist für die gesetzliche Rentenzahlung völlig irrelevant, anders als dieser Satz: „Wie groß ist der gesellschaftliche Reichtum zu dem Zeitpunkt, zu dem die Rente bezahlt werden muss? “
    suggeriert. Denn Kapitaleinkünfte, freiberufliche Einkünfte oder landwirtschaftliche Einkünfte – also alles außer Arbeitnehmertätigkeit, tragen nicht zur (gesetzlichen) Rente bei.

    Daher ist die verfügbare Rente einfach eine monoton steigende Funktion jeweils
    aus im rentenversicherungspflichtiger Arbeitskraft und dem entsprechenden Arbeitslohn.

    Die Arbeitskraft ergibt sich einfach aus der Anzahl der Erwerbstätigen und deren Arbeitszeit der Arbeitslohn im Durchschnitt aus der Arbeitsporuktivität.

    Wenn langfristig die Anzahl der Erwerbstätigen sinkt, muß um die gleiche Rentensumme zu erhalten also die Arbeitszeit oder (im logischen Sinne von und-oder) der Arbeitslohn steigen.

    Wenn es mehr Rentner gibt und das Rentenniveau gehalten werden soll, sprich die gesamte Rentensumme steigen muß, dann wird dieses Problem verschärft.

    Was das alles mit Geburtenraten zu tun hat? Tja, weiß ich auch nicht so recht – eher indirekt, daß mehr Menschen langfristig zu mehr Arbeitskraft führt.

    Aber, wie bereits gesagt: Es gibt auch andere Wege – längere Arbeitszeit oder höhere Löhne.

  3. ichpostenuraufhatr permalink
    November 5, 2012 5:23 pm

    „Triebler bezweifelt auch die vermeintlich ständig sinkende Geburtenrate pro Frau. Genauer erklärt diesen Irrtum Antje Schrupp hier: “Dass Frauen in Deutschland »immer weniger Kinder« hätten, wie dauernd behauptet wird, ist schlichtweg falsch. Richtig ist, dass die Geburtenrate sinkt – aber das hat nichts mit weiblicher Gebärunlust zu tun, sondern liegt schlicht daran, dass die Menschen heute älter werden als früher und daher proportional zur Bevölkerungsanzahl immer weniger Frauen im gebärfähigen Alter sind. Die einzelnen Frauen haben im Durchschnitt immer noch genauso viele Kinder wie vor dreißig Jahren, nämlich ungefähr 1,6.”
    Kinners, die Geburtenrate gibt die Anzahl der Geburten je Frau an – eine Geburtenrate pro Frau ist tja leider Unsinn – denn Geburtenrate beinhaltet das „pro Frau“ schon.
    Des weiteren hat die Geburtenrate mit der Anzahl der Kinder pro Frau erst mal nix zu tun. Während sich die Geburtenrate auf die Anzahl der Geburten bezogen auf die gebärfähigen Frauen der Kohorte bezieht, sind die Kinder je Frau eben die Kinder die schon da sind – also familienbezogen betrachtet.

    Destatis: „Die durchschnittliche Kinderzahl von Müttern ist in Deutschland im Unterschied zur Kinderzahl je Frau relativ stabil. Nach einem Rückgang von 2,4 auf 2,1 Kinder je Mutter zwischen den 1930er und 1940er Jahrgängen blieb sie auf dem Niveau von etwa zwei Kindern. Auch die Mütter der Jahrgänge 1969 bis 1973 hatten – zum Zeitpunkt der Mikrozensus-Befragung im Jahr 2008 im Alter von 35 bis 39 Jahren – bereits durchschnittlich 1,9 Kinder zur Welt gebracht.“

    Hier: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/Bevoelkerungsbewegung/BroschuereGeburtenDeutschland0120007129004.pdf?__blob=publicationFile
    entnommen.
    Aber eben auch die zusammengefaßte Geburtenziffer von 1,4 Geburten je Frau und Jahr.

    Die „wirkliche“ Geburtenziffer gibt es nicht, es ist eben im Detail recht komplex – und Vereinfachungen sind argumentativ immer schwierig. Außer der Faulheit sich mit dieser Problematik intensiv auseinanderzusetzen beweist weder Frau Schrupps Artikel noch irgend ein anderer etwas.

    So ziemlich das Einzige was unstrittig ist, daß im Mittel und auf Dauer die durchschnittliche Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau im gebärfähigen Alter zuniedrig ist die Bevölkerung auf dem derzeitigen Stand zu halten, sofern man keine Einwanderung zuläßt. Auch 1,6 Kinder je Familie reichen nicht, Mithin ist die „korrekte“ Zahl für die Fragestellung eigentlich irrelevant, solange diese unter 2 liegt (manche möchten hier vielleicht lieber 2,1 oder mehr sehen, egal, wir sprechen von Zufallsgrößen, lan).

    Aber ist die Bevölkerungsgröße Politikziel? Und, wieso eigentlich?

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