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Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen über ’schlechte‘ (berufstätige) Mütter

September 2, 2012

Regelmäßig erscheinen wissenschaftliche Studien, die vermeintlich nachweisen, woran Mütter alles die Verantwortung tragen – etwa an der Gesamtentwicklung der Kinder, ihrer psychischen Verfassung, ihrer schulischen Bildung, ihren späteren Krankheiten und so weiter. Schön in der Tradition des ‚Mother Blame‘ – der alleinigen Schuldzuweisung an die Mutter – werden Forschungsfragen unter dieser Perspektive entwickelt, Daten entsprechend selektiv erhoben, Ergebnisse einseitig interpretiert und verzerrt dargestellt.

Rachel Walden vom ‚Our Bodies Ourselves‘ Blog hat hier nun einige dieser typischen Argumentationen analysiert, und zwar anhand einer Presseerklärung der Cornell University zu einer Studie der Forscher John Cawley und Feng Liu (hier das Abstract). Diese untersuchen laut eigener Aussage den Zusammenhang zwischen lohnarbeitenden Müttern und Übergewicht ihrer Kinder. Waldens Kritik wurde auch bei ‚Jezebel‘ schon aufgegriffen. Anhand ihrer Analyse und der betreffenden Studie kommt nun ein ‚How-To‘, wie man am besten wissenschaftliche Tatsachen über ’schlechte Mütter‘ verkündet:

1. Die Forschungsfragen selektiv auswählen: Am einfachsten sollte man nach etwas suchen, worauf die Antwort schon relativ klar ist. Dazu eignet sich die These, dass berufstätige Menschen weniger Zeit für andere Dinge haben als nicht-berufstätige Menschen, unter anderem auch weniger Zeit um mit ihren Kindern zu spielen oder für diese zu kochen – quelle surprise!

2. Die möglichen Folgen dramatisieren:  Weniger Zeit fürs Kochen bedeutet Übergewicht der Kinder und Übergewicht bedeutet – gemäß gängigen Normen und fett-phobischen Diskursen (vgl. z.B. ‚fat grrrl activism‚) – ja bekanntlich automatisch Unglück und Krankheit.

3. Die Thesen und Studienergebnisse durch die Geschlechtermühle drehen und mit möglichst vielen Stereotypen verknüpfen – am besten eignet sich das Mutterideal: Alles an Müttern festmachen, die Rolle von Vätern herunterspielen und weitere mögliche Bezugspersonen, Partner_innen und nicht-heterosexuelle Familienkonstellationen gleich vollständig ausklammern. Diese Strategie ist vor allem für Überschriften, Zusammenfassungen und die ersten Paragraphen von Presseerklärungen wichtig. Heraus kommt dann etwa so eine Aussage: Weil arbeitende Mütter weniger Zeit fürs Kochen haben werden ihre Kinder übergewichtig. Dazu sollte man möglichst plakative Zahlen liefern. Ein Beispiel aus der besagten Presseerklärung: Die Überschrift handelt allein von Müttern, im ersten Absatz steht nur, dass vollzeitarbeitende Mütter dreieinhalb Stunden weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen als nicht-erwerbstätige Mütter. Die tatsächlichen Zahlen fehlen, vor allem der direkte Vergleich zu den Vätern.

4. Um seine wissenschaftliche Seriosität zu bewahren, sollte man obige Aussagen anschließend etwas relativieren, kontextualisieren und erklären, dass man natürlich keineswegs nur alte Geschlechtsstereotype bestätigen möchte. Diese Strategie empfiehlt sich aber erst für die mittleren und unteren Paragraphen der Erlärung, den Volltext der Studie beziehungsweise ‚fürs Kleingedruckte‘, das die meisten Menschen sowieso nicht mehr aufmerksam lesen. Zurück zum Beispiel der Presseerklärung: Erst im zweiten Absatz wird erklärt, dass Väter den berufstätigen Müttern die Aufgaben auch nicht wirklich abnehmen, etwa übernähmen erwerbstätige Väter täglich nur 13 Minuten und nicht-erwerbstätige Väter 41 Minuten für solche Tätigkeiten. Die Vergleichszahlen zu den Müttern werden aber nirgendwo angegeben. Aus gutem Grund:

5. Zahlen, die der eigenen Argumentation (besonders der Überschrift) widersprechen könnten, sollte man möglichst auslassen (siehe 3 und 4). Für die erwähnte Studie bedeutet das, dass nicht in der Presserklärung  sondern allein im schwer zugänglichen Volltext steht, dass nicht-erwerbstätige Mütter im Schnitt  410 Minuten täglich mit ihren Kindern verbringen und erwerbstätige Mütter 227 Minuten. Der direkte Vergleich zwischen Müttern und Vätern würde also einen ganz enormen Unterschied in der Zeit für Kindererziehung ergeben: Egal ob erwerbstätig oder nicht, der Beitrag der Väter liegt lediglich im zehner-Minuten-Bereich, derjenige der Mütter im hunderter-Minuten Bereich. Somit könnte der Titel der Presseerklärung also beispielsweise auch lauten: ‚Working moms spend ten-times more time daily on kids’ diet, exercise than working dads, study finds‘ – stattdessen heißt es: ‚Working moms spend less time daily on kids’ diet, exercise, study finds‘.

Solche Argumentationsmuster zu ’schlechten‘ Müttern beschränken sich selbstverständlich nicht auf erwerbstätige Mütter, sondern sind äußerst anpassungsfähig. Sie lassen sich, je nach These, auf so ziemlich jedes Adjektiv zu ‚Mutter‘ anwenden: auf nicht-berufstätige Mütter (überfürsorglich!), auf Mütter, die nicht, zu kurz oder zu lang stillen, auf alleinerziehende Mütter, auf zu junge oder zu alte Mütter, usw.

Das bedenkliche ist leider, dass Medien Studienergebnisse zu Geschlechtsstereotyoen äußerst gern aufgreifen und dass derartige Presseerklärungen dann meist noch weiter gekürzt und verallgemeinert werden. Ich bin gespannt, was in den kommenden Monaten wohl in der medialen Zirkulation noch aus dieser Studie wird. Und befürchte: etwas Schlimmes (Stichwort Betreuungsgeld und so).

4 Kommentare leave one →
  1. September 3, 2012 4:46 pm

    Gefällt mir sogar sehr gut. Ein schönes Rezept zur blinden Ideologieproduktion. Ich denke (bei allen Zweifeln), dass ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Schonung der Väter und dem (oft vorgeblichen) Primat des Kindeswohls besteht. Mütter werden dabei nicht nur für alle möglichen Schäden ihrer Kinder verantwortlich gemacht, sie kommen auch als Personen und Individuen gar nicht vor. Ich nehme an, das geschieht, weil mann ihnen übel nimmt, dass sie allein die Kinder gebähren und stillen können. Ich finde es zwar auch überraschend, dass Leute, die sich professionelle mit Fragen der Kindererziehung und des Motherings beschäftigen, über solche Fragen nicht mal nachzudenken scheinen, aber ich kann es mir auch nicht anders erklären, als durch eine sehr ‚männliche‘ Deutung der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Das dort entstehende Gefühl von ausgeschlossen sein und entmächtigt werden wird durch die wissenschafltich fundierte Ideologie dann rationalisiert und immer mehr verstärkt, gerade von Vätern aber viel zu selten aufgeklärt.

  2. September 3, 2012 5:05 pm

    Arbeitende Mütter? Nee geht gar nicht! Völlige Vernachlässigung des Nachwuchs ist die Folge!
    Hausfrauen? Um Gottes Willen, was ist das denn für ein Rollenmodell?
    Teilzeit? Nee nee nee, das klappt sowiso nicht, völliges Chaos ist die Folge und dann sind sowohl Job als auch Kind verkorkst.
    Am besten keine Kinder kriegen… ach nee, das ist nämlich total egoistisch und wer soll da unsere Rente und überhaupt….?!

    Ich kriege erstmal keine Kinder bis die Wissenschaft mir ganz genau sagen kann was ich tun muss… oder mich klonen kann.

  3. zoe von bueche permalink
    September 9, 2012 2:06 pm

    danke fuer diesen blog !

Trackbacks

  1. Sonntalkslinks — KALIBAN (You are likely to be eaten by a grue)

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