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Karrieremänner – bzw. Breaking News: niemand kann alles haben

August 29, 2012

Aus Zeit- und Schreibersparnisgründen reposte ich hier die Beiträge aus dem Missy-Gastblogs noch einmal in unregelmäßigen Abständen. Nun der zweite Text, der bereits hier veröffentlicht wurde.

Einerseits ist er thematisch etwas veraltet, weil es um die Slaughter-Debatte geht, die im Juli besonders präsent war. Andererseits scheint der Text dann noch wieder aktuell, weil der ‚Fall Slaughter‘ droht, nur sehr einseitig in die Geschichte(n) einzugehen. Ein jüngstes Beispiel ist der Artikel ‚Aufstiegsverweigerer: Karriere? Ohne mich!‚ aus dem ‚KarriereSpiegel‘ von Klaus Werle. Darin wird die eigentlich hoffnungsvoll stimmende Entwicklung beschrieben, dass im Berufsleben „viele Einsteiger die klassische Karriere meiden“ weil sie der Zeit- und Leistungsdruck abschreckt. Leider ist dann aber bei den vorgestellten ‚Einsteigern‘ und potentiellen ‚Chefs‘ fast ausschließlich von Männern die Rede (und die Sprache ist ebenso in rein männlicher Form) – irgendwie fast konsequent, Frauen könnten hierzulande wohl sowieso keine Karriere machen, selbst wenn sie wollten. Auch wird der Fokus bei der Aufstiegsverweigerung vor allem auf den Wunsch nach ‚interessanten, herausfordernden Aufgaben‘ statt auf ‚Vereinbarkeit‘ gelegt. Neben Fallbeispielen wie einem „Stefan Lang“, „Martin Steinmetz“ und „Dirk Panter“ wird deswegen nur ganz am Ende kurz auch von einer „Elisabeth Hahnke“ erzählt. Und, ach ja, dazwischen wird in dem 4-Seiten-Text auch mal eine Zeile so genannten ‚Opting-Out Frauen‘ gewidmet, „wie Anne-Marie Slaughter, ehemals Chefin des Planungsstabs im US-Außenministerium, die ihren Topjob schmiss, um mehr Zeit für ihre Söhne zu haben.“ Genau.

Eine gut ausgebildete Frau hat einen hochdotierten und sehr anspruchsvollen Job in der Führungsebene der US-amerikanischen Regierung, für den sie extrem viel arbeiten muss und oft nur am Wochenende nach Hause kommt. Ihr ist die Belastung allmählich zu groß, ausserdem hat sie Ehemann und zwei Kinder im Teenageralter, die sie gern öfter sehen würde. Sie kündigt, nimmt eine weniger stressige Stelle an und ist jetzt, äh, „nur“ noch Vollzeit Professorin in Princeton. Aus dieser Erfahrung schliesst sie vor allem zwei Dinge: erstens, dass sie für alle Frauen sprechen kann und zweitens: Frauen können nicht alles haben. Also veröffentlicht sie den Text ‚Why women still can’t have it all‘, in dem sie dann natürlich auch Feminist_innen kritisiert, weil die ja bekanntlich sagen, dass Frauen alles haben müssen.

Ja, das ist so ein Quatsch wie es sich anhört und ja, leider ist es trotzdem wahr. Ihre Aussagen wurden auch von der deutschsprachigen Press  freudig aufgegriffen um sich nochmal zu bestätigen, dass Frauen gefälligst nicht zuviel erwarten sollten (etwa von der ‚Zeit‘ mit dem viel verratenden Titel: ‚Wenn Frauen auf die Macht verzichten‚). Die Frau heisst Anne-Marie Slaughter und ihren Text in ‚The Atlantic‘ ist hier zu finden. (Er ist übrigens in einigen Teilen durchaus intelligent und lesenswert.)

Es gibt bereits ein paar sehr gute Kritiken dieser streckenweise unsinnigen Aussagen. Hervorzuheben sind besonders die von Helga bei der ‚Mädchenmannschaft‘ oder die von Tanja Rest in der ‚Süddeutschen Zeitung‘. Hier eine kurze Liste der wichtigsten Argumente:

– Die Erfahrungen einer einzelnen Frau sind äußerst selten auf alle Frauen zu verallgemeinern. Beispielsweise sind die Erfahrungen einer weißen, erfolgreichen Akademikerin in einer heterosexuellen Ehe meist sehr spezifisch für genau diese Situation.

– Natürlich behaupten sie meisten Feminist_innen nicht, dass Frauen „alles“ haben müssen oder gar sollen. Vielmehr fragen viele Ansätze, was Erfolg und Macht eigentlich sind. Und vom wem sie definiert werden.

– Es bestehen Unterschiede in der Rezeption Slaughters Artikel: Sie meint mit Nicht-Alles-Haben-Können ihre Stelle als Professorin. In vielen deutschsprachigen Debatten wird unter weiblichen Nicht-Alles-Haben-Können oft Minijobs, Teilzeitarbeit, geringe Aufstiegschancen oder unbezahlte Care-Arbeit verstanden. Eine Position als Professorin in Princeton ist in den meisten Augen durchaus ein Zeichen von Erfolg, Karriere und Durchsetzungskraft.

– Zeitintensive Jobs, die kaum mehr ein Privatleben zulassen, sind für den Großteil der Menschen ein Problem, und zwar für Männer wie Frauen wie Trans*. Es handelt sich also bei der sogenannten ‚Vereinbarkeit‘ nicht um ein Frauenthema.

– Arbeitsbedingungen sind keine Naturgewalt. Sie können verändert werden.

– Das ist so mathematisch-logisch wie banal: Niemand kann alles haben. Es ist allerdings möglich, Dinge so zu verteilen, dass alle ungefähr gleichviel haben oder jede_r zumindest soviel, wie es seinen_ihren Bedürfnissen entspricht. Eine gerechtere Verteilung wäre doch ein besseres Ziel als zu erwarten, allein „alles“ (whatever that genau means) zu bekommen.

One Comment leave one →
  1. Jolene permalink
    April 11, 2013 8:56 pm

    Super Artikel- danke!

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