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Schuld und Schwangerschaft

Juni 22, 2012

Die aktuelle Print-Ausgabe des ‚Spiegel‘ (von manchen auch als ‚Männermagazin‚ bezeichnet) beschäftigt sich mit Schwangerschaft. In gewohnt reisserischer Manier wird verkündet, das „Fundament vieler Leiden“ werde schon „im Mutterleib“ gelegt und so ziemlich alles, besonders aber „Stress und Ernährung der Mutter“ hätten gravierende Folgen für das Kind. So, als hätten Schwangere nicht bereits sowieso schon mit tausend Verhaltensvorschriften, Ernährungsregeln und sonstigen Reglementierungen zu kämpfen, wird hier noch einmal Alarm geschlagen: Achtung, Achtung – die kleinste unbedachteste Lebensäusserung schadet dem Ungeborenen für immer! Krebs! Diabetes! Herzinfarkt! Psychische Probleme!

Bei der Schilderung dieses Schreckensszenarios wird dann zwar ständig auf die Wissenschaft verwiesen, ‚wissenschaftliche Details‘ fallen aber gern unter den Tisch: etwa, dass viele der erwähnten Studien lediglich auf Experimenten mit Ratten basieren und derartige Tiermodelle kaum oder nur sehr ungenügend auf Menschen übertragbar sind. Oder, dass viele der Stichproben zu klein sind, um überhaupt verallgemeinerbare Aussagen machen zu können. Zudem werden meist direkte Ursache-Wirkungs-Beziehungen angenommen, ausgelassen werden aber vermittelnde Faktoren (z.B. sozio-ökonomische Aspekte: arme Menschen haben ein erhöhte Stressniveau, oft einen ungesunderen Lebensstil und weniger Kapazitäten, um sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern). Ebenso wird kaum erwähnt, dass viele der zitierten Ergebnisse innerhalb der Forschung umstritten sind. Deswegen sieht der Wissensstand etwa in dem seriöser wirkenden medizinische Lehrbuch ‚Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie‘ etwas anders aus. Es hält sich in einfachen Kausalaussagen stark zurück und verweist lieber auf die methodologischen Probleme vieler Studien. Eine sehr gute Kritik der Spiegel-Ausgabe kommt von Kathrin Zinkant und ist im ‚Freitag‘ erschienen. Sie trägt den passenden Titel: ‚Wehe Du entspannst Dich nicht‚. (Hier auch eine erste Einschätzung von ‚Catzenkind‘.)

Was mich an solchen Geschichten neben ihrem Hang zur Spekulation stört, ist, dass sie all das ausblenden, was Schwangere tatsächlich ’stressen‘ könnte, beispielsweise Nachtteile im Beruf, finanzielle Unsicherheit, Diskriminierungen oder schlechte Kinderbetreuung. Zudem führen sie zu noch extremeren Verhaltenseinschränkungen und sind vor allem ein Quelle ewig sprudelnder mütterlicher Schuldgefühle: So wird schon in Schwangerschaft vorbereitet, was dann nach der Geburt tausend neue Facetten annimmt: Allergien des Kindes – nicht oder zu kurz gestillt, Diabetes – zu wenig auf Ernährung geachtet (oder, hey, schon in der Schwangerschaft versagt), Depression – zu wenig oder auch zuviel an Mutterliebe. Egal was später an Problemen kommt, die Mutter ist jedenfalls die erste, die sich schuldig fühlen sollte.

Problematisch ist auch, dass derartige Narrative parallel zum Abbau staatlicher Gesundheitsorge und Wohlfahrtseinrichtungen sowie zu gekürzten Sozial- und Pflegeleistungen laufen. Heute soll jede_r einzelne nun ganz allein für Gesundheit verantwortlich sein. Damit verbunden ist die Phantasie, dass wir alles durch individuelles Verhalten kontrollieren können – wenn wir nur richtig essen, gesund leben, viel Wasser trinken, Sport und Yoga-Kurse machen, werden wir niemals krank und alt. Und wem das doch passiert: tja, der ist eben selber Schuld. Oder, stellvertretend, seine Mutter.

U. Ehlert & R. von Känel (Eds.), Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie (pp. 188-205). Berlin, Heidelberg: Springer

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10 Kommentare leave one →
  1. Juni 22, 2012 11:08 am

    oh, danke für diesen beitrag und generell die steten hinweise auf gesellschaftspolitische zusammenhänge (die ich selbst beim thema schwangerschaft blöderweise immer wieder auszublenden neige).

  2. Juni 22, 2012 11:28 am

    Schön. 🙂 Wobei hier noch (meiner bescheidenen Meinung nach) reingehört, dass die Schwangere und das Baby von Anfang an Patienten sein sollen und ja nicht glauben dürfen, dass irgendetwas an Schwangersein und Gebären ganz natürlich abläuft. Stattdessen soll die werdende Mutter sich und ihr Baby immer unter ärztliche Kontrolle stellen (Es kann ja so viel passieren.).

    • Juli 5, 2012 12:04 pm

      Genau das ist das Problem. Dass die schon Schwangerschaft als Krankheit behandelt wird, mit Dauerkontrollen etc. Meine Hebamme erzählte mir, dass in Deutschland die Zahl der Voruntersuchungen am höchsten ist!! Dazu kommen noch die vielen Ultraschalle. Dabei reicht ein Ultraschall eigentlich aus, nämlich der erste. Danach können Hebammen eigentlich alles ertasten/erhören. Und bei Komplikationen kann man dann ja andere Methoden zu Rate ziehen.

  3. Juni 22, 2012 11:59 am

    Na ich wusste doch warum ich mich schon bei dem titel lautstark aufgeregt hab. Den hab ich nur im Vorbeigehen gelesen und meinte „Ich kotz gleich!“ Oh man, ich hab Cola in der Schwangerschaft getrunken, leuchtet mein Kind deshalb im Dunkeln? Verdammt, ich bin Schuld! 😉 Bin ich ja eh an allem. Idiotisch.
    Schöner Artikel, also Deiner, nich der vom „Männermagazin“

  4. Juni 22, 2012 12:38 pm

    Kann ich nur unterschreiben. Als wäre die Verunsicherung nicht schon groß genug. Wieso gibt es für die werden Väter nicht auch einen Verhaltenskatalog? Das Thema habe ich nach deinem Post auch mal aufgegriffen. Schau doch mal bei rein. http://lippyanswer.blogspot.de/

  5. Juni 25, 2012 8:59 am

    Neulich im Radio. Ein Interview mit einem Mediziner über die vielen Diagnosen, die heute gestellt werden, Born-out, Bore-out und der Drang „gesünder“ zu sein. Sehr schön die Worte, dass es doch kein gesünder geben kann, wenn wir bereits gesund sind. Diese Mengen an Diagnoseverfahren (die häufig mehr „Fehler“ am Menschen zeigen, als wirklich zu Problemen führen) verunsichern eher und führen zu einem „lassen Sie das in einem Jahr kontrollieren“ und schon sind wir nicht mehr gesund, sondern Patient.
    Ich denke schon, dass all die Verhaltenseinschränkungen in der Schwangerschaft oder der aktute Verzicht auf Genussmittel manchmal mehr Stress machen, als damit vemieden werden soll. Man muss beim Gockel nur ein beliebiges Lebensmittel und „Schwangerschaft“ eingeben, schon findet man eine Unzahl an Einträgen, wer sich da alles Gedanken gemacht hat… Das ist doch wirklich nicht mehr gesund!

    Liebe Grüße und danke für deine Gedanken,
    Pauline

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