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Aus der Zeit gefallen – Mariam Laus Artikel ‚Von Amazonen und Schlampen‘

Juni 17, 2012

Zuerst dachte ich, dass ich den Artikel von Mariam Lau in der ‚Zeit‘ einfach ignorieren sollte, weil er offensichtlich polemisch ist und viele grundlegende Debatten ignoriert. Nun, da der Artikel auch online verfügbar ist, dennoch einige Anmerkungen:

Erstens zu Laus Sichtweise, dass die Gender Studies einen „spröden Katechismus“ darstellten, der behauptet „das ‚Geschlecht‘ sei eine rein soziologische Konstruktion“: Come on, really? Diese Beschreibung spricht für eine ausgesprochen selektive Wahrnehmung. Die Gender Studies sind teilweise aus feministischen Aktivismus entstanden, der sich mit verschiedenen theoretischen Ansätzen vermischte. Hierbei wurden nicht nur vielfältige Konzepte entwickelt, die weit über die Gender Studies hinaus in der Philosophie, den Geistes- und Technikwissenschaften und der Soziologie rezipiert werden – sondern auch äußerst kontroverse Debatten. Dazu gehören Ansätze, die von einer (meist partiell gedachten) ‚Konstruktion von Geschlecht‘ ausgehen und diese These anhand von historischer, psychologischer oder kulturwissenschaftlicher Forschung belegen. Dazu gehören aber ebenso Strömungen, die diese Ansätze kritisieren. Ein „Katechismus“, also ein einheitlicher, regelhafter und von oben diktierter Glaubenssatz, sieht anders aus.

Zweitens zur Aussage, der neue Feminismus habe „die Sprachlosigkeit und Verleugnung verlängert, an der schon die Frauenbewegung der sechziger Jahre krankte: dass man für das, was Frauen wirklich anders macht – das Mutter-sein-Können – keine eigenen Worte findet, außer eben solche der Abwehr.“ Zum einen ist es wohl durchaus gerechtfertigt, sich dagegen zu wehren, dass Frauen auf die Mutterrolle festgelegt werden. Schließlich gibt es viele Frauen, die nicht Mutter sein können, dürfen oder wollen. Ein weiterer Grund ist, dass die Position der ‚Mutter‘ in der Gesellschaft, in der wir momentan leben, mit vielen Nachteilen und Diskriminierungen verbunden ist (Stichworte: Lohnungleichheit, Altersarmut, ungerechte Aufteilung der Familienarbeit, normative Rollenerwartungen, etc.). Zum anderen zeugt die Aussage schlicht von eklatanter Unkenntnis  feministischer Literatur. Die Autorin scheint weder die Frauenbewegungen der sechziger Jahre noch die heutigen gut zu kennen. Denn eine lange Reihe von Feminist_innen hat gerade versucht, für das Mutter-sein-können eigene Worte zu finden. Genannt seien kurz und beispielhaft Adrienne Rich, Julia Kristeva, Iris Marion Young oder Andrea O’Reilly. Auch der unten genannte Entwurf von J. Wallace kann als Entwurf einer queeren Sprache gelesen werden, ebenso wie ein Kinderbuch von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson. Und auch die vielen Mütterblogs, die in der Leiste rechts stehen, sind nicht zu vergessen. Vielleicht sind das alles nur andere Worte, als Frau Lau hören möchte?

Drittens zur Vorstellung, der Feminismus habe „ein Problem mit der Freiwilligkeit der angeblich Unterdrückten“: Diese legt ein sehr einfaches Verständnis von ‚Unterdrückung‘ nahe. Scheinbar geht Mariam Lau davon aus, dass Unterdrückung allein durch offenen Zwang von oben funktioniert. Dass viele Formen der Unterdrückung subtiler sind und tatsächlich mit ‚Freiwilligkeit‘ verbunden sein können, dass so etwas wie kulturelle Erwartungen, Idealbilder, Zuschreibungen, ökonomischer Druck oder gesetzliche Vorgaben wie das Ehegattensplitting tatsächlich Einfluss auf individuelles Verhalten haben mögen – das scheint den Horizont dieses Texts zu überschreiten.

(Andere Vereinfachungen oder grobe Verkürzungen – etwa dass der Feminismus aus der Studentenbewegung hervorgegangen sein soll – lasse ich hier einfach mal aus.)

Der Artikel beruht also nur auf sehr oberflächlichen Recherchen zu dem Thema. Zudem geht er von theoretischen Grundlagen und Pauschalisierungen aus, die – wenn überhaupt – typisch für einige öffentliche Debatten der sechziger Jahre zu Geschlechterfragen sind. Irgendwie würde ich mir wünschen, dass Kritiken des Feminismus etwas mehr auf der Höhe aktueller Strömungen und Theorien sind. In dieser Hinsicht ist Laus Text wohl tatsächlich aus der Zeit gefallen.

10 Kommentare leave one →
  1. Elle permalink
    Juni 17, 2012 12:22 pm

    Danke! Mich hat der Artikel auch geärgert. Auch wie hier sexuelle Praktiken mit der sogenannten neuen, freiwilligen Unterdrückung der Frau kurzgeschlossen werden. Alles nicht ganz sauber gearbeitet, würde ich sagen.

  2. Juni 17, 2012 12:29 pm

    .

  3. Anna permalink
    Juni 17, 2012 4:30 pm

    *zustimm* klar, der Artikel nicht die Funktion sämtliche feministischen Debatte einzubeziehen. Er scheint als Einführung ins Thema „Womit beschäftigen sich Feministinnen (vorwiegend eher junge, im Netz) denn heuten so?“ gedacht zu sein. ein paar der Themen kommen ja vor. Trotzdem scheint er extrem oberflächlich recherchiert, das merkt man nicht nur an den Stellen, die hier kritisiert wurden… schade.

  4. Juni 18, 2012 7:35 pm

    PS: Leider habe ich den Namen der Autorin zuerst falsch geschrieben: Sie heißt nicht ‚Miriam‘, sondern ‚Mariam Lau.‘ Für diesen Fehler möchte ich mich entschuldigen.

  5. Bekki permalink
    Juli 12, 2012 12:09 pm

    Ich fand den Artikel gut und schon ziemlich lang für einen Zeitungsartikel. Einen längeren würde eine durchschnittlich am Thema interessierte Leserin wohl nicht zu Ende lesen. In Anbetracht der Einschränkungen, denen Zeitungsjournalistinnen unterliegen, fand ich das sehr kompakt, eingängig und informativ. Man darf von einem Massenmedium auch nicht zu viel erwarten.

  6. Dummerjan permalink
    August 2, 2012 1:20 pm

    „Dass viele Formen der Unterdrückung subtiler sind und tatsächlich mit ‘Freiwilligkeit’ verbunden sein können, dass so etwas wie kulturelle Erwartungen, Idealbilder, Zuschreibungen, ökonomischer Druck oder gesetzliche Vorgaben wie das Ehegattensplitting tatsächlich Einfluss auf individuelles Verhalten haben mögen – das scheint den Horizont dieses Texts zu überschreiten.“
    Interessiert mich: Was sind die Kriterien von Unterdrückung? Wie sind diese messabr?
    Oder ist Unterdrückung ein rein individuelles Konzept: Ich fühle mich unterdrückt, also bin ich unterdrückt?

Trackbacks

  1. Fifty Shades Of Fucked Up « sanczny
  2. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Jo, Frau Lau, ich check Ihren Feminismus nicht
  3. Verlinkt • Denkwerkstatt
  4. Netzfeminismus » Schlampen und Amazonen?!? – Nee – Feminismus ist toll!

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