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Die Vier-in-einem-Perspektive

Mai 30, 2012

Diese Perspektive, gerne 4in1 abgekürzt, kommt von der feministischen Wissenschaftlerin Frigga Haug. Der grundlegende Gedanke ist, dass die vier Lebensbereiche Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Kultur und Politik  als gleichwertig angesehen werden und gleich viel Zeit bekommen sollen. (Übrigens scheint zumindest bei den letzten beiden Bereichen Uneinigkeit zu bestehen. Sie werden manchmal auch als „Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen“ bezeichnet.) Hier ist das Buch dazu, hier ein Interview und hier eine kürzere Zusammenfassung, die 2011 in Das Argument erschienen ist.

Der Ansatz reagiert auf verschiedene Probleme: einmal, dass ‚Arbeit‘ allein mit bezahlter Erwerbsarbeit gleichgesetzt wird und dass alle anderen Arbeiten – vor allem Haus-, Beziehungs- und Familienarbeit nicht gewertschätzt, nicht bezahlt und nicht ernst genommen werden. Damit ist das allbekannte Zeitproblem verbunden: Diejenigen, die einen Job mit einigermaßen ausreichenden Lohn haben, haben kaum Zeit für andere Dinge. Dafür haben viele Menschen keine (bzw. weniger) Lohnarbeit aber auch kein (bzw. weniger) Geld. Die 4in1 Perspektive würde zu einer gerechteren Verteilung von Arbeit, Zeit und Geld führen und auf diesem Weg – so die Hoffnung – irgendwann sogar das Problem mit dem Kapitalismus lösen.

Schon dadurch hat dieser Ansatz hat sicherlich viele Vorteile. Mit den hier bereits vorgestellten Ideen der verkürzten Lohnarbeitszeit und der nicht ganz unproblematischen Forderung nach Bezahlung für Hausarbeit hat er gemeinsam, dass er die Verteilung von Arbeitsbereichen, die besonders für Frauen oft ungerecht ist, auflösen will. Ein anderer Vorteil ist auch, dass hier die sogenannte ‚Vereinbarkeitsfrage‘ nicht, wie so oft, nur als ‚Frauenproblem‘ angesehen wird, sondern als ein Problem, dass alle Menschen angeht und die gesamte Gesellschaft betrifft.

Was mich allerdings (neben der schwer eingängigen Sprache) stört, ist, dass in der 4in1-Perspektive der Bereich ‚Familien- bzw. Reproduktionsarbeit‘ oft mit biologischer Reproduktion oder zumindest Elternschaft gleichgesetzt wird. Sicherlich kann beispielsweise auch allgemeine Haus- und Putzarbeit dazu gezählt werden – in der Diskussion erfolgt dann aber meist trotzdem die Engführung auf Kinder. Es gibt aber sehr viele Menschen, die überhaupt keine Kinder wollen, was in dem Ansatz scheinbar nicht vorgesehen ist. Das Recht zur Nicht-Reproduktion – und die Tatsache, dass eine Verweigerung von Familie auch ein politischer Akt sein kann – ist meiner Meinung nach jedoch elementar für eine freie und gleiche Gesellschaft. Ausserdem finde ich, dass der Bereich des Nichts-Tun, des Spaßes und der Muße etwas zu kurz kommt. Manchmal wird er in den Bereich ‚Entwicklungschancen/ Kultur‘ einsortiert, manchmal in den Bereich ‚Reproduktion (der eigenen Arbeitskraft)‘ – meist wird er aber vollkommen ausgelassen.

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