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Eine Alternative zur Alternative

Februar 17, 2012

… wäre gut. Zumindest was viele Ansätze der alternativen Geburtshilfe betrifft. In DieStandard hat Ina Freudenschuss einen sehr schönen Artikel dazu geschrieben, in dem sie einige Ansätze für ihre Romantisierung von Natur kritisiert. Diese enthalten oft sexistische Stereotype von Frauen als näher an der Natur, ebenso wie postkoloniale und rassistische Vorstellungen von sogenannten ‚Naturvölkern‘. Freudenschuss bezieht sich dabei vor allem auf die Ideen einer neuen Methode, dem ‚HypnoBirthing‘, die in den 90er Jahren in den USA entwickelt wurde. Die Methode  behauptet von sich, voll revolutionär zu sein und Frauen endlich die schmerzarme Geburt jenseits der Schulmedizin nahezubringen.

Mich wundert manchmal, dass solche Methoden tatsächlich noch die Behauptung wagen, dass sie etwas ganz Neues erfunden haben. Denn diese ‚alternativen‘ Ansätze gibt es bereits fast so lange, wie die medizinische Geburtshilfe existiert. Beispielsweise veröffentlichte der Mediziner Johann Lukas Boër schon um 1834 seine ‚Sieben Bücher über natürliche Geburtshilfe‘, in denen er eine naturnahe Geburt propagierte – zu der Zeit allerdings eine wirklich notwendige Intervention, da damals der Einsatz von Instrumenten (vor allem Zangen) äußerst fahrlässig gehandhabt wurde. Ein wirklicher Meilenstein dieser Methoden war aber vor allem der Arzt Grantly Dick-Read, der in den 1950ern Bücher wie ‚Mutterwerden ohne Schmerz‘ veröffentlichte und damit sehr erfolgreich wurde (hier eine Kostprobe). Genau wie das ‚HypnoBirthing‘ propagierte er eine schmerzfreie Geburt und glorifizierte die Natur – und zwar inklusive aller sexistischen und (post-)kolonialistischen Klischees von natürlichen Frauen und ‚Naturvölkern‘. Nach und vor Read kamen noch so einige andere Autor_innen, die fast dasselbe behaupteten, nämlich: die ’natürliche Frau‘ empfinde bei der Niederkunft eigentlich keinerlei Schmerzen, allein Zivilisation und die falschen Geburtsmethoden seien Schuld an allem Leid. ‚Revolutionäre‘ Ansätze in der alternativen Geburtshilfe sollten also mit einiger Vorsicht betrachtet werden, vor allem wenn sie Schmerzfreiheit versprechen.

Ein guter Artikel, der die Vorstellung der segensreichen, guten und gesunden Natur kritisiert – insbesondere in einigen ökofeministische Ansätzen – ist übrigens dieser hier: Zuk, Marlene (2002). Can nature be declawed. Natural History, 111(8), 38-41. Aber Achtung, er beschreibt ausführlich auch einige Splatter-Momente, die in der Natur – welch Überraschung – ebenfalls nicht unüblich sind.

Ich frage mich manchmal, wie wohl die Alternativen zur Alternative aussehen könnten. Könnte es etwa eine Harwaysche Cyborg-Geburts-Methode geben?

Die gute Mutter Natur (Bild 'American Lady' von Benimoto, via flickr)

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5 Kommentare leave one →
  1. Februar 17, 2012 11:04 am

    Da ich unter anderrem alternativen Kreisen verkehre, kenne ich auch einige Frauen, die mit dieser Methode geboren und sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Es geht dabei primär um Atemtechniken und Autosuggestion.

    Fakt ist doch: Egal wohin man schaut, haben Männer seit langem versucht, den Frauen die Kontrolle über alle Reproduktionsthemen wegzunehmen. Egal, welche Theorien man liest: Männer wollen den Frauen vorschreiben, wie sie schwanger zu sein haben, zu gebären haben, zu stillen haben,… Dasselbe Bild findet man auf der ganzen Bandbreite, von der durchtechnisierten Science-Fiction-Geburt im Universitätskrankenhaus bis hin zur Schamanengeburt bei Vollmond mit Räucherstäbchen.

    Auch auf philosophisch-politischer Ebene halte ich das biblische „unter Schmerzen sollst du gebären“ für nicht weniger sexistisch als die neo-naturalistischen, differenzfeministisch angehauchten Ansätze neuren Datums.

    Grundsätzlich ist es doch begrüssenswert, dass Frauen die Kontrolle über die Bereiche zurück verlangen, die nur sie betreffen. Denn auch als Gleichheitsfeministin sage ich: Mein Körper gehört mir. Meine Brüste, mein Bauch, meine Vagina, meine Gebärmutter, darüber bestimme ICH und niemand sonst. Und ich bin froh, dass es heute so viele Alternativen gibt zur Geburt im Krankenhaus, wie ein Käfer auf dem Rücken mit gespreizten Beinen wo zig Assistenzärzte mir so tief reinschauen, dass sie bis zum Halszäpfchen sehen.

    Dann doch lieber Hypnobirthing und was es sonst noch alles gibt in dem Bereich.

  2. sonja permalink
    Februar 17, 2012 11:40 am

    pssst: Romanisierung von Natur? da fehlt wohl ein t…

  3. Februar 17, 2012 3:33 pm

    🙂 Wie auch immer eine Cyborg-Geburts-Methode ausschauen würde, sie klingt auf alle Fälle revolutionärer als alles, das sich bisher hinter diesem Etikett versteckt …
    Was mich an der ganzen Wie-schaut-die-ideale-Geburtsmethode-aus?-Debatte immer stört, ist, dass die unterschiedlichen Ansätze so gegeneinander ausgespielt werden – nicht nur von innen heraus, um sich zu legitimieren, sondern auch indem ihnen jeweils unterschiedliche Ideologien zugeschrieben werden. Wichtig ist doch vor allem, dass Frauen die unterschiedlichen Möglichkeiten nicht nur kennen, sondern dass solche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ihnen Wahlfreiheit zwischen diesen garantieren.

  4. Anni permalink
    Februar 18, 2012 3:49 pm

    Zu dem letzten Kommentar:
    Ich werde ja gerne etwas Besserem gelehrt aber was sollen die ganzen Vorwürfe dass Männer uns was zum Thema Geburt vorschreiben wollen?! Generell gibt es genügend MENSCHEN (also Mann und Frau) die sagen wie man was am besten tut und da tut es mir Leid, denn die Wahrheit sieht nämlich so aus:
    Informiere dich über das Thema und entscheide selbst was und wie du es tust.
    Und ich finde es geht meinem Mann/Freund was an wenn ich ein Kind von ihm kriege und
    P.S. ich habe auch Sex mit meinem Freund in der Käferstellung und höchstwahrscheinlich wird auch bei Hypnobirthing jemand deine Vagina sehen.

  5. Februar 18, 2012 11:12 pm

    aufZehenspitzen, das sehe ich ähnlich.

    Ich bin froh, dass der Zahnarzt mich bei der Behandlung eines winzigen Lochs überredet hat, auf die Betäubungsspritze zu verzichten. Denn hinterher war es super, keine Nachwirkungen, kein Abwarten, bis die Wange sich endlich wieder normal anfühlt. Aber wenn ich eine Wurzelbehandlung habe, bin ich sowas von dankbar für die Wunder der modernen Medizin die dafür sorgen, dass ich betäubt bin und fast nix davon spüre.

    Und genauso bei der Geburt, die Möglichkeiten müssen bekannt und benutzbar sein, sowohl medizinische Rundumversorgung bei kritischem Geburtsverlauf als auch interventionsfreie Geburt, wenn keine Komplikationen auftreten und die Frau sich gut fühlt.

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