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Risiko Schwangerschaft

Januar 31, 2012

In heutigen Schwangerschaften geht es sehr viel ums Risiko: um das Risiko, wenn die Frau Rohmilchkäse isst (Listeriose!), Kontakt zu Katzen hat (Toxoplasmose!), sich in verrauschten Räumen aufhält oder gar selber raucht (alles Böse auf der Welt!) und so weiter. Das Risiko, von dem hier fast ausschließlich gesprochen wird, ist das Risiko für das ungeborene Kind und dieses Risiko ist meist medizinisch-statistisch definiert. Oft wird es überspitzt dargestellt, so dass Frauen in ihrem Verhalten stark eingeschränkt und reglementiert werden. Die Ethnologin Elsbeth Kneuper nennt diesen Fokus aufs Kind ‚Pädozentrismus‘ und fragt sich – aus guten Grund, wie ich denke – warum die Risikodebatte eigentlich nicht die Schwangere selbst stärker berücksichtigt. Denn die Schwangerschaft beinhaltet für eine Frau viele Risiken, die teilweise medizinisch, vor allem aber biographisch, sozial und ökonomisch sind.

Die vergleichsweise kurze Zeit der Schwangerschaft hat ganz massive Auswirkungen auf die gesamte spätere Lebenszeit einer Frau. Die Geburt eines Kindes erhöht das Risiko, dass sich zuvor egalitäre Partnerschaften traditionalisieren, sprich: In heterosexuellen Partnerschaften macht sie die Hausarbeit, er die Lohnarbeit. Nur 16 % der Frauen mit einem Kind unter 18 Jahren arbeiten Vollzeit (siehe dazu z.B. hier). Fast die Hälfte aller allein erziehenden Mütter  in Deutschland bezieht Hartz IV. Es ist nicht unwahrscheinlich, Alleinerziehende zu werden: Die Scheidungsrate liegt in Deutschland bei etwa 40 % (siehe wikipedia) – und da sind natürlich noch nicht die Trennungen unverheirateter Paare mit Kind einbezogen. Auch die Rente von Müttern  ist sehr viel kleiner als die von Vätern: Zum Beispiel bekamen 1994 Frauen im Westen noch nicht einmal die Hälfte der Pension von Männern, im Osten erhielten sie rund ein Drittel weniger (Kneuper, 2004).

All das sind ebenfalls Risiken einer Schwangerschaft, die aber in all den Informationsmaterialien und Geburtsvorbereitungskursen nicht thematisiert werden. Stattdessen geht es vor allem um die Gefahren von Rohmilchkäse, die Anzahl der diagnostischen Untersuchungen und den Zustand des Kindes. Dabei ist es extrem viel wahrscheinlicher, dass eine Mutter später von Armut bedroht ist, als dass sie sich während der Schwangerschaft mit Toxoplasmose oder Listeriose ansteckt.

Eine tolle Ausnahme ist dagegen der Geburtsvorbereitungskurs, von dem feministmum berichtete: „Geleitet von einer Frau und einem Mann, (fast) ohne Atemübungen und Hecheltechniken, dafür mit Fragen wie: ‚Wie sieht die Arbeitsteilung in der Beziehung nach der Geburt aus?'“ Warum gibt es nicht mehr solche Angebote? Warum wird so selten in der Vorbereitung thematisiert, wie die spätere Rollenaufteilung aussehen soll, wer wann das Kind betreut, wie berufliche Pläne fortgesetzt werden können oder wie sich alle Elternteile finanziell absichern? Derartige Risikoprävention sollte in der Schwangerschaft mindestens ebenso sehr betrieben werden.

Danger, Danger! "Das Risiko einer Fehl- oder Totgeburt steigt an." Grusel ... (Bild via flickr von manitoon, Usman Ahmed)

Kneuper, E. (2004). Mutterwerden in Deutschland: eine ethnologische Studie. Münster: LIT Verlag.

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2 Kommentare leave one →
  1. Februar 3, 2012 11:44 am

    Sehr gut. Ich frage mich schon lange warum das Risiko der Mutterschaft für Frauen so wenig thematisiert wird. Meine Schwiegermutter hat auch doof geguckt als ich ihr erklärt habe, dass Schwangerschaft und Geburt eines Kindes für Frauen hierzulande doch eines der größten Lebensrisiken überhaupt ist.

  2. Juni 5, 2012 8:15 pm

    Hallo Zusammen,
    entspricht völligst und ganz meiner Meinung. Aber wehe man traut sich diese Kombi (verändertes Unterhaltsrecht + Erwartung das „Frau“ ihren Job auf Eis legt) mal öffentlich so zu thematisieren wie sie ist. Dann ist man gleich ein schlechter Mensch (Glaubt nicht an die Ehe! Egoistisch! Unromantisch! etc. etc.) alles schon gehört. Gegipfelt hat das dann in einem „….ich wünsche dir, dass auch du irgendwann mal einem mann vertrauen kannst.“ lol als Statistiken und Fakten ignorieren heisst für Frauen also „Vertrauen“ gut zu wissen *g*.

    LG in die Runde Helen

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