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Ein bisschen Foucault

Januar 26, 2012

… kann nie schaden. Denn seine Analysen sind auch noch für heutige Geschlechterordnungen und politische Verhältnisse relevant, besonders für die Sicht auf die Frau. In seinem Buch ‚Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen‘ beschreibt er, wie sich Machtmechanismen in der Neuzeit veränderten. Statt dem souveränen Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, richteten sie sich immer mehr auf Leben, Fortpflanzung und Vermehrung der Bevölkerung. Dieses neue Kräfteverhältnis wird auch als ‚Bio-Macht‚ bezeichnet. Dabei wirkt die Sexualität als zentraler Zugriffspunkt:

„Der Sex eröffnet den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung. Er dient als Matrix der Disziplinen und als Prinzip der Regulierungen. Darum wird die Sexualität im 19. Jahrhundert bis ins kleinste Detail der Existenzen hinein verfolgt. (…) Allgemein wird also der Sex am Kreuzungspunkt von ‚Körper’ und ‚Bevölkerung’ zur zentralen Zielscheibe für eine Macht, deren Organisation eher auf einer Verwaltung des Lebens als einer Drohung mit dem Tode beruht“ (1983, S. 141-142).

Diese ‚Verfolgung der Sexualität’, die bereits vereinzelt ab dem 17. Jahrhundert einsetzte, beinhaltete Diskurse, Praktiken, Institutionalisierungen, Klassifikationen und Normsysteme, die in ihrer Verknüpfung von Macht und Wissen das ‚Sexualitätsdispositiv’ bildeten. Dieses Dispositiv setzte sich aus vier Komplexen zusammen, der „Pädagogisierung des kindlichen Sexes“, der „Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens“ und der „Psychiatrisierung der perversen Lust.“ Von Besonderer Bedeutung für die Rolle der Frau ist aber der Komplex der „Hysterisierung des weiblichen Körpers“. Dieser ist von drei Prozessen bestimmt:

„der Körper der Frau wurde als ein gänzlich von Sexualität durchdrungener Körper analysiert – qualifiziert und disqualifiziert; auf Grund einer ihm innewohnenden Pathologie wurde dieser Körper in das Feld medizinischer Praktiken integriert; und schließlich brachte man ihn in organische Verbindung mit dem Gesellschaftskörper (dessen Fruchtbarkeit er regeln und gewährleisten muß), mit dem Raum der Familie (den er als substantielles und funktionelles Element mittragen muß) und mit dem Leben der Kinder (das er hervorbringt und das er dank einer die ganze Erziehung währenden biologisch-moralischen Verantwortlichkeit schützen muß): die ‚Mutter’ bildet mitsamt ihrer Negativfolie der ‚nervösen Frau’ die sichtbarste Form dieser Hysterisierung.“ (1983, S. 103-104)

Übrigens hatte Foucault zuerst vor, zu jedem der vier Komplexe einen eigenen Band zu schreiben. Dann interessierte er sich aber plötzlich sehr für die Antike, weswegen der zweite Band von Sexualität und Wahrheit geworden ist, was er ist (und was ja auch nicht schlecht ist).

(Foto via flickr von marren beziehungsweise Fräulein Zucker)

Foucault, M. (1983). Sexualität und Wahrheit: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

2 Kommentare leave one →
  1. Trip permalink
    Januar 27, 2012 2:09 pm

    Danke für den Hinweis. Muß los, lesen …🙂

Trackbacks

  1. Zur Dialektik in der Sache “Frau” | Medienelite

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